strich sich über die Stirn , als müsse er sich erst besinnen , dann versetzte er gleichgültig : » Ich muß doch irgendwo bleiben . Ich bin an vielen Orten , hier und da gewesen , meine Kleider fangen an , abzureißen , ich habe auch wenig Geld mehr . Nun erinnerte ich mich , daß hier herum Verwandte von mir wohnen , deren Verbindlichkeit es nach römischem und deutschem Rechte ist , für einen dürftigen Angehörigen zu sorgen . « Er setzte hierauf , ohne zu stocken , die ganze Lehre von der Alimentationspflicht der Verwandten auseinander , und führte die betreffenden Gesetzstellen mit der größten Sicherheit an . Der Prediger , welcher gar nicht wußte , was er aus diesem Benehmen machen sollte , musterte ihn mit erstaunten Blicken . Der Anzug des Unglücklichen war äußerst sauber , die Wäsche sehr weiß , aber alles bis auf den Faden abgetragen . Die Verwunderung des andern schien ihn wenig zu kümmern ; er setzte sich , da der Prediger in seinem Schweigen verharrte , wieder zur Bibel und las darin ruhig weiter . Cornelie weinte im Nebenzimmer heiße Tränen . » Wie mager seine Hände sind , wie bleich das Gesicht ist , und an den Schläfen hat er graue Haare ! « sagte sie zum Prediger . » Ist es wirklich so , wie ich denke « , fragte sie mit leiser , von innigen Schaudern unterbrochner Stimme ; » hat er den Verstand verloren ? « » Ich kann mich noch nicht in seinen Zustand finden « , versetzte der Prediger . » Seine Worte zeugen von keiner Verwirrung der Geisteskräfte , aber es ist , als ob ein totes Buch , und nicht ein lebendiger Mensch rede . Machte es denn auf ihn keinen Eindruck , als er dir unvermutet begegnete ? « » Nein « , erwiderte Cornelie . » Ich war , wie vom Schreck gelähmt , als er unter den Bäumen in dieser Gestalt mir entgegentrat . Er aber reichte mir , als sei er täglich mit mir zusammen , freundlich die Hand und bot mir den gewöhnlichen Gruß . So ließ er sich auch von mir willenlos hieherführen . « » Wir müssen nun überlegen , wohin wir ihn bringen , da er doch hier unmöglich bleiben kann « , sagte der Prediger . Cornelie wurde blaß , ihre Lippen zuckten , die Tränen , welche schon in den guten treuen Augen versiegt waren , überströmten wieder ihre Wangen . So stand sie eine Weile schweigend da . Endlich fiel sie dem Prediger zu Füßen , drückte seine Hände flehentlich gegen die zarte Brust und rief : » Stoßen wir ihn nicht hinaus in die Fremde ! Ist seine Wandrung zu uns nicht ein Zeichen , daß wir ihn behalten sollen ? « Der Prediger wußte von den Hausgeschichten so viel , daß er das Bedenkliche dieser Entschließung einsah . Er stellte Cornelien vor , wie unangenehm es dem Oheim sein müsse , wenn er erfahre , daß jemand , der ihm zuwider sei , von seinen nächsten Umgebungen beherbergt werde , und wie jede Gemütsbewegung den dünnen Lebensfaden des Greises zerreißen könne . » Das fasse ich wohl « , versetzte Cornelie ruhig , » und dennoch müssen wir unsre Pflicht tun . Er scheint still und sanft zu sein , wir werden ihn hier in der Verborgenheit hüten können , alle Sorgfalt will ich anwenden , daß dem Oheim seine Anwesenheit nicht bekannt werde . « Der Prediger wollte noch immer nicht nachgeben . Da rief Cornelie plötzlich mit einer Lebhaftigkeit , die ihn von dem schüchternen , bescheidnen Kinde in Erstaunen setzte : » Wohlan , treiben Sie ihn von Ihrer Schwelle , so nehme ich ihn auf , so soll er in meinem Stübchen wohnen , und ich will mich auf dem Söller betten . Auf die Landstraße lasse ich ihn nicht jagen . « Der Prediger sann nach , und erklärte sich zuletzt bereit , den Armen wenigstens vorläufig bei sich zu behalten . Dagegen mußte ihm Cornelie die tiefste Verschwiegenheit geloben . Hermann nahm die Nachricht , daß er bei dem Prediger bleiben solle , wie alles , gleichgültig auf . Sein Wirt beobachtete ihn in den nächsten Tagen sorgfältig , und fand , was wir schon aus der Feder des Arztes über ihn berichtet gelesen haben . Er suchte ihn auf verschiedne Weise anzuregen , ließ sich von ihm im Garten helfen , strebte , durch Gespräche über naturgeschichtliche Gegenstände , in welchem Fache er sich viel versucht hatte , auf seinen Kranken zu wirken , jedoch vergebens . Jener ging auf alles ein , las die Bücher , die ihm der Prediger hinlegte , und sprach im Zusammenhange über ihren Inhalt , blieb aber in die Lethargie versunken , welche alle seine Seelenkräfte umsponnen hielt . Vor dem Oheim wurde die Gegenwart des Unglücklichen sorgfältig verborgen . Cornelie war , wenn sie sich allein befand , sehr ernst . Ihr Versprechen , welches sie dem Prediger hatte geben müssen , den Kranken nicht zu besuchen , hielt sie gewissenhaft , nur konnte der Prediger , sooft er abends zum Besuche kam , an ihren ängstlich-fragenden Augen abnehmen , mit welcher Sehnsucht sie den Nachrichten von seinem Hausgenossen entgegenharrte . Diese lauteten freilich nicht tröstlich , und meldeten nur ein trauriges Einerlei . Um den Oheim vor einer plötzlichen Begegnung zu schützen , waren dem Kranken , der noch immer gern weite Spaziergänge machte , seine Wege vorgeschrieben worden . Er mußte , wenn er frische Luft schöpfen wollte , von den Fabriken abwärts , auf einsamen , wenig betretnen Wiesen sich ergehen , die am Fuße waldiger Hügel lagen . Diese Vorschrift ließ er sich auch geduldig gefallen , wie er denn überhaupt alles ohne Widerstreben tat , was seine Pfeger ihm geboten . Nur einmal , als man auch jene Erlaubnis noch für gefährlich hielt , und ihn auf das Haus und allenfalls