Ich denke , es ist immer anerkennenswert , daß wir uns noch diese Mühe geben . “ Er strich den spiegelglatten Kellnerscheitel von hinten nach vorn und seine kunstgeübten Finger gaben der Locke über dem Ohr neuen Schwung . „ Die Sache ist einfach diese : Meine Frau ist verpflichtet , für Ihren Unterhalt zu sorgen . Sie können wohl denken , daß uns dies bei vier Kindern etwas schwer fällt und daß es sich von selbst versteht , daß Sie uns etwas dafür leisten müssen . Wir werden Ihnen durchaus nichts Unpassendes zumuten , denn ich sehe schon , daß Sie eine junge Dame von distinguierter Erziehung sind . Aber wenn wir Elternpflichten gegen Sie erfüllen sollen , so ist es nicht mehr als billig , daß wir auch Elternrechte dafür in Anspruch nehmen . “ Er schloß seine Rede mit einer leichten Verbeugung in der Art , wie wenn er Fremden eine Auskunft erteilte . „ O ! Ist es nur das ? “ rief Gretchen erleichtert . „ Dann lassen Sie mich ohne Sorgen ziehen . Ich verzichte auf jede Beisteuer zu meinem Unterhalt , entsage vor diesem Zeugen hier jedem Anspruch auf Ihre < < Elternpflichten . > > Ich fordere nichts , gar nichts von Ihnen und werde nie etwas fordern , so wahr ich an Gottes Hilfe glaube , als daß Sie mich ungehindert reisen lassen . “ Der Oberkellner sah Bertha bedeutsam an , diese schlug die Hände zusammen . „ Also fort willst Du , nun frag ' ich eins , was willst Du denn anfangen , solch junges Ding , ohne Geld , ohne Schutz ? “ Hier trat Hilsborn dazwischen . „ Sie vergessen , daß Ihr verstorbener Gemahl mich zu des Fräuleins Vormund ernannte , und ich versichere Sie feierlich , daß mein Leben nie so viel Wert für mich hatte , als seit diese teure Pflicht mir auferlegt ward , ja , daß ich gesonnen bin , sie mir um keinen Preis entreißen zu lassen . “ Gretchen blickte vertrauend auf Hilsborn . „ Sie sehen , ich bin nicht schutzlos . Ich gehe mit diesem Herrn . Es ist für mich nur ein Weg in der Welt , er führt mich zu den Füßen Ernestinens , es gibt für mich nur eine Pflicht , es ist die Sühne der Schuld meines Vaters . Ich kann Ernestinen nichts von dem Geraubten wieder bringen , das zeigte ja gestern die gerichtliche Beschlagnahme . Ich kann ihr nichts zur Entschädigung bieten als zwei gesunde Arme , für sie zu arbeiten . „ Ich will die Schuld der Väter heimsuchen an den Kindern ! “ steht in der Bibel , ich aber will nicht warten , bis sie an mir heimgesucht wird ; ich will sie tilgen , so weit ich kann , will den Fluch entkräften , der auf dem Grabe des Unglücklichen lastet , und für ihn tun , wozu er nicht mehr Zeit fand : büßen ! “ Sie hob flehend die Hände zu Bertha auf : „ O , wenn Sie meine Mutter sind , dann öffnen Sie das Herz , an dem ich geruht , der ersten und letzten Bitte Ihres Kindes und nehmen Sie mir nicht den einzigen Zweck zu arbeiten und zu leiden , um meinem Vater Vergebung zu erwirken . “ Sie fiel vor Bertha auf die Knie nieder und diese schluchzte laut : „ Ach Gretel , mein Kind , Du bist doch ein liebes , gutes Mädel geworden . Ach Gott , ach Gott , daß ich Dich habe verlassen können , solch schönes , braves Kind . Jetzt seh ’ ich ’ s erst ein , wie dumm und schlecht ich gehandelt . Aber ich will ’ s gut machen , Du sollst mich schon wieder lieb haben lernen . Ich will Dir gewiß eine gute Mutter sein . Gib nur die alberne Grille auf , für Deinen Vater büßen zu wollen . Das wäre ja noch besser , wenn Du , unschuldiges Ding , unter seinen Sünden leiden müßtest . Du bist doch nicht verantwortlich für Deines Vaters Treiben ! “ „ Ich bin sein Fleisch und Blut , bin ein Teil von ihm — seine Ehre ist die meine . Der Fluch , der ihn trifft , trifft mich mit . Was sein Gewissen belastet , drückt auch das meine ! Wie könnte ich Ruhe finden im Leben und im Tode , wenn ich nicht Alles getan , um gut zu machen , was er verbrach ? Wenn er sich unrecht Gut aneignete , dürfte ich es behalten ? Habe ich nicht die Pflicht , es zurückzugeben ? Wenn aber das Entwendete nicht mehr vorhanden ist , muß ich nicht suchen , es zu ersetzen , und wenn ich es auch durch nichts ersetzen kann , als durch meine Arbeitskraft ? “ „ Aber , so sag mir nur , was Du unternehmen willst , Deine Cousine hat ja selbst nichts mehr , wovon werdet Ihr denn Beide leben ? “ fragte Bertha . „ Das weiß ich jetzt noch nicht , ich weiß nur , daß ich Dank meinem armen Vater Alles lernte , um mich und auch wohl noch eine Andere mit ernähren zu können . Ich weiß nur , daß ich Ernestinen mein ganzes Leben weihen will . Zu ihr zieht mich mein Herz — denn an ihr hat mein Vater das Schlimmste begangen . “ Der Oberkellner zog Bertha bei Seite und raunte ihr zu : „ So laß sie doch und sei froh , wenn wir nicht noch ein fünftes Kind zu ernähren brauchen . “ „ Ach Gott , ich habe aber das Mädel so lieb gewonnen — “ meinte Bertha . „ Ich bitte Dich ! Sind wir in der Lage , uns aus bloßer Zärtlichkeit solche Lasten aufzubürden ? Oder denkst Du , daß wenn wir sie zwingen , bei uns zu bleiben , diese verwöhnte Prinzessin uns auch nur