Bruch damals sehr oft unter Wasser stand und keine andere Kommunikation als mittelst Kahn zuließ , spricht auch die Einleitung zu der vorstehenden Schilderung . Diese lautet : » Ich habe das Bruch unzähligemal durchreist , sowohl ehedem zu Wasser , als auch jetzt , nachdem es urbar gemacht worden ist , zu Lande . « ) Diese Beschreibung , kurz wie sie ist , ist doch das Beste und Zuverlässigste , was sich über den Zustand des Bruchs , wie es vor der Eindeichung war , beibringen läßt . Der neumärkische Geistliche , von dem die Schilderung herrührt , hatte die alten Zustände wirklich noch gesehen , und so wenig das sein mag , was er in dieser seiner Beschreibung beibringt , es gibt doch ein klares und bestimmtes Bild . Wir erfahren aus diesem Briefe dreierlei : 1. daß das Bruch den größten Teil des Jahres über unter Wasser stand und nur zu Wasser passierbar war ; 2. daß auf den kleinen Sandinseln dieses Bruchs Häusergruppen ( » in Haufen « sagt der Briefschreiber ) lagen , die uns also die Form dieser wendischen Dörfer veranschaulichen ; und 3. daß es kleine schmutzige Häuser , entweder aus Holzblöcken aufgeführt oder aber sogenannte Lehmkaten waren , die meistens von Kuhmistwällen gegen das andringende Wasser verteidigt wurden . Man hat dies Bild durch die Hinzusetzung vervollständigen wollen , » daß also nach diesem allen , die alten wendischen Bruchdörfer den noch jetzt existierenden Spreewalddörfern mutmaßlich sehr ähnlich gewesen wären « , und wenn man dabei lediglich den Grundcharakter der Dörfer ins Auge faßt , so wird sich gegen einen solchen Vergleich wenig sagen lassen . Die Spreewäldler sind Wenden bis diesen Tag ; sie leben zwischen Wasser und Wiese , wie die Oderbrücher vor hundert Jahren , und ziehen einen wesentlichen Teil ihres Unterhalts aus Heumahd und Fischfang ; sie leben in stetem Kampf mit dem Element ; sie unterhalten ihren Verkehr ausschließlich mittels Kähnen ( der Kahn ist ihr Fuhrwerk ) , und ihre Blockhäuser , z.B. in den zwei Musterdörfern Lehde und Leipe , sind bis diesen Tag von Kuhmist-Wällen eingefaßt , die ganz nach dem Bericht unsres neumärkischen Geistlichen , halb zum Schutz gegen das Wasser , halb zu Kürbisgärten dienen . Daß der Spreewäldler jetzt statt der Kürbisse die besser rentierenden Gurken usw. zieht , macht keinen Unterschied . Der oben mitgeteilte Brief hat uns ziemlich anschaulich die Lokalität der alten Oderbruchdörfer gegeben ; die Frage bleibt noch , wie waren die Bewohner nach Charakter , Sitte , Tracht ? Zunächst ihr Charakter . Wie gut auch das Zeugnis ist , das noch jetzt an einigen Stellen des Oderbruchs den Überresten der wendischen Bevölkerung im Gegensatz zu den » Pfälzern « ausgestellt wird , so ist es doch nicht sehr wahrscheinlich , daß es vor hundert Jahren und darüber mit diesen von der Welt abgeschnittenen , von jeder Idealität losgelösten Existenzen etwas Besonderes auf sich gehabt habe . Es waren vielleicht gut geartete , aber jedenfalls rohe , in Aberglauben und Unwissenheit befangene Gemeinschaften 6 , die trotz ihres christlichen Bekenntnisses mit den alten Wendengöttern nie recht gebrochen hatten . Der Aberglaube hatte in diesen Sümpfen eine wahre Brutstätte . Kirchen gab es zwar ein paar ; aber der Geistliche erschien nur alle sechs oder acht Wochen , um eine Predigt zu halten , und der Verkehr mit den glücklicheren Randdörfern oder gar mit den Städten , wohin sie eingepfarrt waren , war durch Überschwemmungen und grundlose Wege erschwert . Man darf mit nur allzugutem Rechte behaupten , daß die Brücher in allem , was geistlichen Zuspruch und geistiges Leben anging , von den Brosamen lebten , die von des Herrn Tische fielen . Die Toten , um ihnen eine ruhige Stätte zu gönnen ( denn die Fluten hätten die Gräber aufgewühlt ) , wurden auf dem Wriezener Kirchhof oder auf den Höhe-Dörfern begraben und die Taufe der Kinder erfolgte vielleicht vier- oder sechsmal des Jahres in ganzen Trupps . Es wurden dann Boote nach der benachbarten Stadt abgefertigt , die dem dortigen Geistlichen die ganze Taufsendung zuführten , wobei sich ' s nicht selten ereignete , daß von diesen in großen Körben transportierten Kindern das eine oder das andere auf der Überfahrt starb . Die geistige Speise , die geboten wurde , war spärlich und die leibliche nicht minder ; Korn wurde wenig oder gar nicht gebaut , die Kartoffel war noch nicht gekannt , oder wo sie gekannt war , als Feind und Eindringling verabscheut ; ein weniges an Gemüse gedieh auf den » Kuhmistwällen « , sonst – Fisch und Krebse und Krebse und Fisch . Seuchen konnten nicht ausbleiben ; dennoch wird eigens berichtet , daß ein kräftiger Menschenschlag , wie jetzt noch , hier heimisch war und daß Leute von neunzig und hundert Jahren nicht zu den Seltenheiten zählten . Ein hervorstechender Zug der Wenden , zum Beispiel auch der Spreewaldwenden , ist ihre Heiterkeit und ihre ausgesprochene Vorliebe für Musik und Gesang . Ob eine solche Vorliebe auch bei den Wenden des Oderbruchs zu finden war ? Möglich , aber nicht wahrscheinlich . Eins spricht entschieden dagegen . Volkslieder haben ein langes Leben und überdauern vieles ; aber nirgends begegnet man ihnen bei den Brüchern . Diese singen jetzt , was anderen Orts gesungen wird . Keine Spur wendischer Eigenart ; woraus sich schließen läßt , daß überhaupt wenig davon vorhanden war . 7 Das einzige , was sich , ähnlich wie im Altenburgischen , auch hier im Bruche länger als jede andere Spur nationalen Lebens erhalten hat , ist die Tracht . Über diese noch ein paar Worte . Wir begegnen ihr nicht inmitten des Bruchs , wo sich das Wendentum bis 1747 ziemlich unvermischt erhielt , sondern umgekehrt am Rande , wo die Berührung mit der deutschen Kulturwelt schon durch Jahrhunderte hin stattgefunden hatte . Aber dies darf nicht überraschen . Diese Berührung blieb in den Randdörfern eine spärliche , mäßige , wie sie es immer gewesen war