sein nachsichtiges Herz hatten es doch früh gelernt , die Herrschaft über die Geister als eine Befriedigung zu empfinden , und er war zu sehr von der wohlthätigen Wirkung überzeugt , welche die den Geist beschränkende Zucht seiner Kirche über die Menschen ausübt , um die Herrschaft , welche er gewonnen und besessen , wieder aus der Hand geben zu mögen . Der Frevel gegen das Heiligenbild und der in Richten an einer schuldlosen Bekennerin des katholischen Glaubens von den Lutheranern verübte Todtschlag , selbst die Art und Weise , mit welcher der Freiherr das Ereigniß aufgenommen , hatten des Caplans Seele doch mehr erbittert , als er sich dessen bewußt war , und die Art von Auflehnung gegen seine Führung , mit der die bis dahin so fügsame Baronin ihm entgegentrat , erinnerte ihn zur rechten Zeit daran , daß Herrschaft , um wirksam zu sein , keine Unterbrechung erleiden darf . Ich glaube es wohl , sagte er , daß meine Stimme Ihnen fremd geworden ist , daß meine Frage Sie befremdet . - Denn es müssen verlockende Weisen gewesen sein , mit denen Sie Ihrem Herzen schmeichelten , bis es zu solcher Selbstzufriedenheit gelangen , bis Sie glauben konnten , der leitenden Hand fortan entbehren , zu können , der Disciplin entwachsen zu sein . - Er schüttelte mitleidig das Haupt : Sie wähnten , auf sich selbst bauen zu können , und haben es verlernt , sich selbst zu prüfen , sich selbst die nothwendigsten Fragen ehrlich vorzulegen und wahrhaft zu beantworten . Deßhalb befremdet Sie meine bestimmt gestellte Frage ; deßhalb auch , gnädige Frau , klingt Ihnen meine Stimme , die Stimme der Wahrheit , jetzt wie eine fremde ; deßhalb weichen Sie der Antwort aus . Aber ich bin im Stande , mir diese Antwort selbst zu geben . Sie haben .... Angelika wollte ihn unterbrechen ; der Caplan gab es nicht zu . Sie sind krank , meine arme , theure Freundin , sagte er ; eine lebhafte Gereiztheit steigert Ihre Ausdrücke , daß auch Sie mir wie verwandelt scheinen , und ich möchte Sie hindern , von sich auszusagen , was Sie reuen könnte . Lassen Sie mich Ihnen ein Bild Ihres Seelenzustandes geben , wie er mir erscheint , und es soll Ihnen nicht benommen sein , mich des Irrthums zu überführen , wo ich ihn begehe . Er rückte an den Sessel der Baronin heran , legte seine Hand auf die Lehne , auf welcher sie die ihrige ruhen ließ , und sprach mit dem Tone eines ruhigen Berichterstatters : Sie sind in diesen Tagen der Einsamkeit Ihr Leben durchgegangen , haben sich und Andern - die Baronin schüttelte verneinend das Haupt , und der Caplan ersah mit Befriedigung daraus , daß er es nur mit ihr zu thun habe - haben sich Ihre Schicksale zergliedert und haben sich gesagt : ich war nicht glücklich , wie ich es erwarten durfte , mir ward ein schweres Loos zu Theil , ein Loos , das groß und würdig zu tragen über meine Kräfte ging . Wie durfte die göttliche Allwissenheit mir ein solches zuerkennen , ohne daß die göttliche Gerechtigkeit dadurch beeinträchtigt wurde ? - Er sprach langsam und ohne sein Auge von der Baronin zu entfernen , die lautlos vor sich niedersah , während ihre Wangen sich rötheten und ihr Athem sich schneller hob . Die Hand langsam von der Lehne des Sessels erhebend und auf ihren Arm legend , fuhr er immer mit derselben Ruhe fort : Sie hatten hier eine anscheinend glückliche Familie um sich , Sie erfreuten sich ihrer Hülfe - Familienliebe dünkte Sie , in Ihrer augenblicklichen Hülfsbedürftigkeit , als das höchste , das erstrebenswertheste Gut - und Sie sind durch Gottes Sie erleuchtenden Rathschluß von Ihrer angeborenen Familie getrennt worden , ohne in dem Herzen Ihres Gatten gerade jenem Sinne für Familienleben und Familienliebe zu begegnen , nach denen es Sie verlangte . Darin erblickten Sie einen Mangel an göttlicher Gerechtigkeit .... Nein , o nein ! rief die Baronin , nicht darin .... Hören Sie mich zu Ende , begehrte der Caplan . Ich weiß es , nicht darin allein glaubten Sie einen Mangel an göttlicher Gerechtigkeit zu erblicken . Aber daß Sie früh dazu bestimmt waren , die Schuld und die Versündigung des Freiherrn theilend tragen zu müssen , daß Sie , der Liebe zu einem gleichaltrigen Manne entbehrend , die ganze Kraft Ihres Herzens erst kennen lernten , als es für Sie nicht mehr gestattet war , über Ihr Herz zu verfügen ; daß Ihre Neigung sich einem Manne zugewendet hat , der sie nicht erwiderte , einem Manne , dem Sie nie angehören konnten , auch wenn Sie ihm in der vollen Freiheit Ihrer Jugend begegnet wären - daß Sie kämpften , sich besiegten , ohne die Frucht Ihres Sieges in dem Frieden Ihrer Ehe zu genießen ; daß Sie schuldig schienen , ohne es zu sein ; daß des Freiherrn Glaube Ihnen nicht vertraute ; daß sein beleidigter Stolz keine Versöhnung zwischen Ihnen zuließ , wie Ihr Herz sich auch in Reue vor ihm demüthigte - das Alles machte Sie zweifeln an der allweisen Gerechtigkeit des Herrn . - Und , fuhr er fort , während sein Auge zu leuchten begann , hier auf dem einsamen Lager , verlassen von dem Beistande der religiösen Tröstung , den zu entbehren Ihr Herz noch viel zu schwach war , hier in dem Hause , nach welchem Ihre irrende Empfindung sich oft mit sträflicher Liebe hingesehnt , weil der Mann hier weilte , dem Sie Ihre Liebe zugewendet hatten , hier trat die Versuchung abermals an Sie heran , und von ihr verleitet , haben Sie sich gesagt : Ich habe gelitten , nicht gefehlt ! Ich bin unglücklich gewesen und nicht schuldig ! Ich habe vergessen wollen und es nicht vermocht ! Ich bin also nicht verantwortlich für das , was über meine Kräfte geht ! All mein Streben nach Vollendung