wohl tut , ebenso faßt er eine Abneigung , die sich bis zur härtesten Ungerechtigkeit , ja bis zum Haß steigern kann , gegen Personen , die nicht etwa ihm , sondern denen er wehe getan . Corona schwieg , sammelte sich vor Gott und ließ den Sturm brausen - bis es ihm einfiel , ihr die unsinnigsten Vorwürfe zu machen über den Tod ihres Sohnes . Wäre der am Leben , so wüßte man doch , weshalb diese ganze unselige Ehe geschlossen sei ! Das konnte sie nicht mehr hören . Das Muterherz drohte zu brechen . Sie stand auf , verließ schweigend das Zimmer , das Hotel Meloni , verhüllte sich in Shawl und Schleier und ging die via Condotti hinauf zum spanischen Platz , ganz allein in der großen fremden Stadt . Ihr war zu Mut , als könne ihr von keinem Menschen Schlimmeres begegnen , als von ihrem Mann . Neben der spanischen Treppe erkannte und erreichte sie glücklich ihre Wohnung . Felicitas stand am Fenster und rief : » Da kommt Mama ! « » Endlich ! « sagte Graf Damian , trat zum Fenster und sah mit grenzenlosem Erstaunen Corona ohne irgend eine Begleitung über den Platz gehen . Er ging ihr in das Vorzimmer entgegen und fragte : » Wo kommst Du denn her ? wo ist Orest ? wo sind seine Leute ? warum gehst Du denn mutterseelenallein in der wildfremden Stadt spazieren ? gibt es keine Wagen in Rom ? « » Doch , lieber Vater ! aber ich wollte gehen ! « antwortete sie und ging in ihr Zimmer , wo sich die übermäßige Spannung von Leib und Seele in Tränen auflöste und im Gebet sänftigte . Graf Damian fuhr zu einigen der fremden Gesandten , mit denen er bekannt war , und so war Corona allein , als Hyazinth kam . Sie sah so angegriffen aus , daß er teilnehmend sagte : » Bist Du müde von der Reise , liebe Corona ? oder bist Du krank ? « Sie verneinte schweigend ; als ihr aber Tränen in ' s Auge quollen , sagte sie entschlossen : » Orest ist krank - an der Seele ! und ich bin ratlos . Deshalb muß ich mit Dir sprechen , Hyazinth , nicht um zu klagen . Ich möchte ja am liebsten seinen Zustand vor mir selbst verbergen ; es geht aber nicht mehr , daß wir so fortleben wie bisher . Er treibt es zum Äußersten . « Und sie erzählte an Hyazinth klar und einfach ihr ganzes Leben , seitdem sie Orest ' s Frau geworden war , mit der größten Schonung für Orest und mit der größten Bereitwilligkeit ihren Anteil an dem traurigen Verhältnis anzuerkennen , obzwar ihre Schuld höchstens in Unerfahrenheit bestand , wie sie den siebenzehn Jahren eigen ist . Zum Schluß sagte sie : » Die Szene von heute früh hat mir gezeigt , wie tief das Übel bei Orest um sich gegriffen hat . Es haben weder meine Bitten noch die Geduld , die ich drei Jahre übte , den geringsten Eindruck auf ihn gemacht ; und obgleich ich , wenn es Gott so fügt , bereit bin , mein Lebenlang in Geduld auszuharren , wie das ja meine Pflicht ist : so muß ich doch fürchten , daß Orest durch dies Verfahren nicht zur Erkenntnis kommt . Er ist blind und taub für alles , was nicht mit seiner Leidenschaft zusammenstimmt . « » Das sind eben die Schatten des Todes , « sagte Hyazinth , » von denen die heilige Schrift so ergreifend spricht . In der Finsternis der Sünde , im dunkeln Schattental sitzen die Menschen , geblendet , gelähmt , betäubt - und ahnen nicht , daß die Nacht des geistigen Todes mit dem Verlust der heiligmachenden Gnade über sie eingebrochen ist . Ach , Corona ! einem so schrecklichen Zustand gegenüber sind wir alle macht- und ratlos ; denn Orest will nicht hören , will nicht sehen , will nicht verstehen - und wenn wir uns alle zu Tode reden und bitten , ermahnen und flehen . Wir müssen Gott bitten um Erleuchtung für uns und für ihn . Wir müssen uns bereit machen , nicht bloß Opfer zu bringen , sondern uns selbst durch die stets erneuerte Hingebung unseres Willens an Gott als ein lebendiges Holocaust ihm darzubieten . Wir müssen leiden , Corona ! und zwar so , daß uns die Liebe zum Leiden in freudige Opfer verwandelt . An die Ausführung von Orest ' s wahnwitzigem Plan , die Ehe für ungiltig erklären zu lassen , ist gar nicht zu denken ! aber daß er so lange schon in dieser jämmerlichen Leidenschaft befangen ist und dennoch daran denkt , seine Ketten immer fester zu schmieden - ist ein böses Zeichen . « » Glaubst Du , « fragte Corona beklommen , » was der anonyme Brief in Paris sagte : die spanische Sängerin , Judith Miranes , habe ihn gefesselt ? « » Ich glaub ' es , denn unser Vater hat mir ähnliche Andeutungen gemacht . « » Also weiß es der Vater ! « rief sie erschreckt . » Liebe Corona , « sagte Hyazinth traurig lächelnd , » in der Welt weiß man alles , was zur Welt gehört . Mit Dir spricht Niemand darüber , das versteht sich ! aber der arme Vater , der so viele Menschen kennt und mit so vielen in Verbindung ist , weiß gewiß alles , was Orest betrifft . Ich habe aber immer diese Mitteilungen vermieden ; denn es war mir ein grenzenloser Schmerz , meinen Bruder auf solchem Wege und Dich in solchem Leid zu wissen , ohne Euch helfen zu können . « » Ach , und stelle Dir nur vor , wie gräßlich das ist : diese Circe ist eine Jüdin - ungetauft , unerlöst , gnadenlos , nie eingetreten in ' s übernatürliche Leben . « » O die Unglückselige ! «