« fragte der Oheim . » Ich mußte sie nach unsrem Dorfe bringen « , versetzte der junge Bauer . » Dort verweilten sie einige Tage , bis die Junge soweit gestärkt war , fahren zu können . Darauf besorgte ich ihnen eine Fuhre , und sie zogen von dannen , ohne zu sagen , wohin . Von ihren Gesprächen habe ich auch nicht viel verstanden . Sie redeten Deutsch , aber es waren lauter Sachen , die mir unbekannt waren . « » Wüßtet Ihr wohl die Gruft des Kindes noch zu finden ? « fragte der Oheim . » Ei warum denn nicht ! « rief der junge Mensch . » Dort in der Ecke ist sie . « Wirklich sah man in einem Winkel der zertrümmerten Mauer eine rundlichte Erhöhung von Erde , welche frischer war , als der Boden umher , denn kein Grashalm hatte noch in ihr Wurzel geschlagen . Da der Oheim seine verlangenden Blicke nach dem Erdhügel warf , und dem jungen Bauer etwas sagen zu wollen schien , woran ihn die Gegenwart seines Freundes hinderte , so rief dieser : » Tun Sie , was Sie nicht lassen können , nur erlauben Sie mir , daß ich mich solange entferne , denn meine Priesterpflicht ist , die Ruhe der Gräber zu schützen , nicht , sie zu stören . « Er ging . Sobald er den Rücken gewandt hatte , sagte der Oheim zu dem Bauer : » Tue mir den Gefallen und öffne die Gruft , denn ich bin äußerst neugierig , die Einwirkungen dieses Bodens auf den Leichnam zu erfahren . « Jener hatte Bedenken , die der Oheim indessen zu überwinden wußte . Er trennte mit seinem Grabscheit vorsichtig die Erde von den Steinen , nahm , nachdem sie bloßgelegt worden waren , den obersten ab , und rief , in die Höhlung blickend , verwundert aus : » Wie das glänzt ! « Der Oheim ließ sich zu dem Platze geleiten . Die Abendsonne warf glühende Strahlen in die kleine Gruft , und bei diesem Scheine nahm er ein wunderbares Schauspiel wahr , in dessen Anblick er lange mit stummem Ergötzen versunken stand . Auf allen Punkten der Wände , welche das Grab umschlossen , war der vom nahen Wasser angegriffne Kalk des Bodens in Kugeln , Zacken , Büscheln und Spitzen hervorgequollen , und bildete mit seinen mannigfaltigen kristallinischen Gestalten , welche , tropfenbehangen , im Sonnenlichte farbenreich glänzten , eine funkelnde Zaubergrotte , in deren Mitte die Überbleibsel des Neugebornen lagen , zum reinlichsten , weißesten Skelette verzehrt , derart , wie man kleine Tierkörper verwandelt wiederfindet , welche die Hand des Naturforschers in einem wimmelnden Ameisenhaufen beisetzte . Alles Fleisch und alle Weichgebilde hatten die Einflüsse dieses Bodens in so kurzer Zeit völlig aufgesogen , nur die zarten Knöchlein waren bisher nicht zu überwinden gewesen . Auch sie besetzten und umzogen zarte Kristalle , ähnlich dem Flitter und Schmelz , womit die Andacht an heiligen Orten die Gebeine der Märtyrer zu zieren liebt , und so lag das Leuchtende zwischen den leuchtenden Wänden . Der Oheim wollte die Hand nach den von der Natur geweihten Resten ausstrecken , zog sie aber zurück und sagte : » Nein ! dies ist zu schön , als daß man es nicht , so wie es ist , lassen müßte . « Er befahl , den Deckstein wieder aufzulegen , und gebot dem Bauer , noch sorgfältiger , als zuvor geschehen , die Erde umherzuschütten , damit das schöne Phänomen so lange als möglich bewahrt bleibe . Den Prediger befremdete die Schweigsamkeit des alten Manns auf dem Heimwege . Er war ernst und schien eignen Gedanken nachzuhangen . Endlich sagte er : » Wenn uns die Kirchengeschichte lehrt , daß der Mensch auf dem Wege zum Göttlichen sich fast immer in das Gebiet des Absurden verirrt , so hält die Natur in ihrer regelrechten Tätigkeit zu jeder Zeit die frischesten Wunder in Bereitschaft . Sie haben mich an einen Ort geführt , wo eine aberwitzige Schlangenbrüderschaft ihre Toten begrub , und an demselben Orte entdeckte ich etwas , was meiner Sinnesart die ihr gemäße religiöse Erhebung gab . « Er hatte in seiner Bewegung selbst verabsäumt , Erde von jenem Platze mitzunehmen , wie er doch behufs einer chemischen Behandlung zuvor willens gewesen war . Drittes Kapitel Es war ihnen aufgefallen , daß Cornelie sich nicht unter der Pforte des Hauses zeigte , dem Oheim töchterlich aus dem Wagen zu helfen , wie sie sonst pflegte , wenn er von seinen kleinen Spazierfahrten zurückkehrte . Unerwartet fand sie der Prediger in seiner Wohnung , und trat erschreckt zurück , da er an ihrem Gesichte Spuren der äußersten Bestürzung wahrnahm . Sie warf sich ihm mit einem Tone des tiefsten Schmerzes an die Brust , und sagte unter Weinen und Schluchzen , daß sie bei einem Gange nach der Meierei im Holze jemand angetroffen habe , den sie so wiederzusehn nie vermutend gewesen sei . Auf freundliches Eindringen des Geistlichen erfuhr er , daß dieser Wiedergefundne Hermann sei , der sich ganz anders , wie ehemals , benehme , und auch verändert aussehe . Das arme Mädchen hatte in ihrer Not nirgendhin mit ihm gewußt , und ihn vorläufig im Hause des Predigers untergebracht . Sie öffnete ein Seitenzimmer , deutete mit abgewandtem Antlitz hinein , der Prediger betrat dasselbe , und erkannte in einem Manne , der früh gealtert war , den Unglücklichen , dessen er sich von seinen früheren Besuchen bei dem Oheim noch wohl erinnerte . Jener las in einer Bibel , die er dort aufgeschlagen gefunden hatte , und begann , sobald er den Prediger wahrnahm , eine Geschichte des Alten Testaments zu erzählen . Der Prediger , den dieser sonderbare Empfang ganz verwirrt machte , ließ ihn dennoch ausreden , und sagte dann : » Dem mag so sein , aber nun entdecken Sie mir , was Sie uns unerwartet wieder zuführt ? « Hermann