, vor der Tochter , deren Erziehung sie gerade das zu verabscheuen gelehrt , was ihr in dieser Mutter so kraß vor Augen trat : das Gemeine ! Was war ihr diese Frau , von der sie wohl gehört hatte , sie sei ihre Mutter , ohne es je empfunden zu haben ? Sie konnte sich kaum in ihr drittes Jahr zurückbesinnen , sie konnte keinen abgerissenen Faden in ihrem Herzen entdecken , der sich an diese fremde Erscheinung wiederanknüpfen ließ , es bestand keinerlei Zusammenhang zwischen ihr und der abtrünnigen Gattin ihres Vaters . Und während sie so mit Angst und Widerwillen auf Bertha blickte , folgte dieser auch noch der Mann , den das unglückliche Mädchen von nun an „ Vater “ nennen sollte , der zweite Gemahl des treulosen Weibes . Gretchen trat unwillkürlich einen Schritt näher zu Hilsborn , als suche sie bei ihm Schutz vor diesen Beiden . „ Na , “ begann Bertha , „ wenn das Fräulein für junge Herren zu sprechen ist , wird sie es wohl auch für Vater und Mutter sein ... “ „ Verzeihen Sie , “ sagte Gretchen sanft , aber mit edler Bestimmteit , „ mein Vater ruht im Leichenhause , meine Mutter verlor ich schon in meinem dritten Jahre ; ich bitte Sie , meinen Schmerz zu ehren und diese Namen , die mir heilig sind , nicht zu mißbrauchen . “ „ Nun seh ’ mir einer die Dirne an , “ schrie Bertha . „ Statt Gott zu danken , daß sie nur noch Eltern hat , die sich ihrer annehmen mögen und sich ihrer nicht schämen , tut sie spröde und will keinen anderen Papa haben als den Dieb , den ... “ „ Ich bitte Sie , sprechen Sie nicht so in Gegenwart des Fräuleins , “ rief Hilsborn empört . „ Fühlen Sie denn nicht , wie Sie dies wunde Herz zerreißen ? “ „ O mein Herr , ich danke Ihnen , “ sprach Gretchen mit Fassung . Sie wandte sich an Bertha : „ Möge Ihr unglücklicher erster Gatte gewesen sein , wie er wolle , er war mein Vater im echten und höchsten Sinne des Wortes — und man kann keinen zweiten Vater haben wie einen zweiten Mann . Ebensowenig wie eine Mutter , die einmal aufhörte , Mutter zu sein , es je wieder werden kann ! Mögen Sie mich spröde , ja lieblos nennen . Ich denke , Gott wird in mein Herz sehen und wissen , wie ich zu lieben vermag . “ „ Nun ja , das hat man für seine Gutmütigkeit , “ brummte Bertha . „ Da hat man sich nun die halbe Nacht den Kopf zerbrochen , wie man das Mädel versorgen könne , was man Alles für sie tun wolle — und das ist der Dank . Na , ’ s ist ja kein Wunder bei dem Blut , das die in den Adern hat ! “ „ Mutter , Mutter ! Du sollst kommen und Bettzeug herausgeben , “ schrie ein dickköpfiger Kellnerbube zur Türe herein . „ Komm mal her , Fritz , “ rief Bertha . „ Sieh Dir da Deine Schwester an . “ Und sie zog den Bengel an sich und erwartete offenbar einen tiefen Eindruck auf Gretchens Gemüt bei seinem Anblick . „ Schau Gretel , das ist Dein Bruder , rührt Dich das nicht ? So haben wir ihrer noch drei . Aber das tut nichts , wir nehmen Dich auch noch als Fünftes dazu . Ich brauche ohnehin eine ordentliche Aufsicht für die Kleinsten . Denke mal , wie hübsch , so mit einem Schlage Eltern und Geschwister zu finden . Und Du sollst es gut haben , ganz gewiß . “ Sie wurde plötzlich weich und eine Träne rollte ihr über die dicke Wange . „ Ach Gott ! Du bist ja doch am Ende immer mein Kind ! “ Sie faßte Gretchen beim Kopfe und schmatzte sie mit ihren fetten Lippen ab . Gretchen fügte sich geduldig dieser Liebkosung . Als die Mutter sie losließ , richtete sie sich auf wie eine Blume , über die man schmutzige Erde ausgeschüttet , ohne ihr etwas von ihrem Duft und ihrer Reinheit geraubt zu haben . So verschieden wie die Blume der Erde , der sie entsprießt , war dieses Kind seiner Mutter . So unverrückbar , wie jene vom Boden auf der Sonne zustrebt , wandte sich auch der reine Geist des Mädchens von der Mutter ab dem Lichte zu , das eine höhere Erziehung ihr erschlossen . „ Mutter , “ drängte der Knabe und zerrte Bertha am Rocke , „ Du sollst kommen , mach doch . “ „ Wirst Du mir wohl alle Falten ausreißen , Du Bengel ! “ schalt Bertha und schlug ihn auf die Hand . „ Au , au ! “ schrie der Junge , „ ich hab ’ s doch sagen müssen , wenn ’ s so eilig ist , Du bist ja auch immer so langsam ! “ „ Willst Du schweigen ? “ fiel nun der Oberkellner ein . „ Mach , daß Du hinaus kommst , was soll Deine neue Schwester von Dir denken ? “ „ Ja — wegen der ! “ maulte der Bube und trollte aus dem Zimmer . Gretchen und Hilsborn wechselten einen langen Blick . Es war , als seien sie schon alte Bekannte , die sich ohne Worte verständen . Gretchen wurde heiß vor Angst bei dem Gedanken , in dieser Familie leben zu sollen , stand doch seit gestern ein Entschluß in ihr fest , ein heiliger , ernster Entschluß , von dem sie nicht lassen wollte , und wenn es sie ihr Leben kostete . Der Stiefvater unterbrach das Schweigen . „ Wir kommen auf diese Weise zu keinem Ende . Mit dem Hinundherreden ist nichts getan . Ihre Angelegenheiten müssen geordnet werden , ob wir Ihnen angenehm sind oder nicht .