. Zahllose Abzugsgräben , kleine und große und unter den verschiedensten Namen , wurden hergestellt , die sämtlich in den sogenannten » Landgraben « und mittelst desselben , an Wriezen und Freienwalde vorüber , in die » neue Oder « mündeten . Zum Teil sind es auch wohl diese Gräben , die das tiefer gelegene Bett der » alten Oder « mit Wasser speisen und dasselbe vor völligem Austrocknen schützen . Dies ganze Kanalsystem , ebenso wie die Verwallung , ist im Laufe der Jahrzehnte vielfach verbessert worden und weite Strecken , die noch vor vierzig Jahren eine durchaus unsichere Heuernte gaben , zeigen jetzt um die Sommerzeit die schönsten Raps- und Gerstenfelder . Das Wesentliche dieser Arbeiten – die selbstverständlich nie ganz ruhten und bis diesen Tag fortgesetzt werden – war bereits vor Ausbruch des Siebenjährigen Krieges beendet . 5 Niemand ahnte damals , was im Laufe der Zeit durch den Einfluß von Luft und Sonne , durch den Fleiß der Bewohner , durch Verstärkung der Dämme , durch Erweiterung und bessere Richtung der Abzugsgräben , aus diesem Landesteile werden würde ; – man hielt es überwiegend nur zum Graswuchs und zur Weide geeignet . Der Brief eines Reisenden , der das Bruch im Jahre 1764 passierte , gibt Auskunft darüber . Der Brief lautet : » So angenehm auch diese Gegend geworden ( denn es ist die ebenste Pläne , die Wege mit Weiden besetzt , wie auch die Deiche , und zwar mit mehreren Reihen , nicht nur auf dem Kamm , sondern auch auf der Böschung zu beiden Seiten , damit sie von den verwachsenen Wurzeln eine mehrere Festigkeit bekommen ) , so haben die neuen Dörfer doch mehrfach schon durch Überschwemmung gelitten , so daß man mit Kähnen die Einwohner retten , oder ihnen doch , da sie auf die Böden ihrer Häuser geflüchtet , zu Hilfe kommen mußte . Der eingedeichte Acker dürfte wohl mit der Zeit der Wische in der Altmark ähnlich werden ; aber noch ist er es nicht ... In den ersten Jahren gab der Roggen fast gar kein Mehl , sondern lauter Kleie , und die Gerste taugte gar nicht zu Malz , weil es lauter Lagerkorn gewesen war . « Seitdem ist es unser eigentliches Gerstenland geworden . Neuerdings blüht in ihm die Rübenkultur . Große Zuckerfabriken existieren auf den Ämtern , und immer neue Unternehmungen treten ins Leben . Der Anblick dieses fruchtbaren Landesteiles aber ruft immer wieder die Worte des großen Königs in unser Gedächtnis zurück : » Hier hab ' ich im Frieden eine Provinz erobert . « 3. Die alten Bewohner 3. Die alten Bewohner Alte Zeit und alte Sitt ' Hielt mit dem Neuen nicht länger Schritt , Aber sieh da , das alte Kleid Hat länger gelebt als Sitt ' und Zeit . Das Oderbruch – oder doch wenigstens das Niederbruch , von dem wir im nachstehenden ausschließlich sprechen – blieb sehr lange wendisch . Wahrscheinlich waren alle seine Bewohner , bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts hinein , von ziemlich unvermischter slawischer Abstammung . Die deutsche Sprache war eingedrungen ( es ist nicht festzustellen wann ) , aber nicht das deutsche Blut . Die Gegend war auch nicht dazu angetan , zu einer Übersiedlung einzuladen . Ackerland gab es nicht , desto mehr Überschwemmungen , und der Fischfang , den die Wenden , wenigstens in diesen Gegenden , vorzugsweise betrieben , hatte nichts Verlockendes für die Deutschen , die zu allen Zeiten entweder den Ackerbau oder die Meerfahrt , aber nicht den Fischfang liebten . Dazu kam , daß die alten Wenden , wie es scheint , von sehr nationaler und sehr exklusiver Richtung waren und den wenigen deutschen Kolonisten , die sich hier niederließen ( z.B. unter dem Großen Kurfürsten ) , das Leben so schwer wie möglich machten . Über die Art nun , wie die wendischen Bewohner im Innern des Bruches lebten , wissen wir wenig , und das beste Teil unsrer Kenntnis haben wir aus Vergleichen und Schlußfolgerungen zu schöpfen . Die mehr und mehr unter deutsche Kultur geratenden » Randdörfer « – zu denen die » Bruchdörfer « alsbald in dem Verhältnis mittelalterlich-wendischer Kieze standen – hätten uns in ihren Amts- und Kirchenbüchern allerhand aufschlußgebende Aufzeichnungen hinterlassen können ; aber es gebrach an dem erforderlichen historischen Sinn , und so ging die Zeit dafür verloren . Diese schloß etwa mit der Mitte des vorigen Jahrhunderts ab . Ein geübtes Auge würde freilich auch heute noch in der aus den verschiedensten Elementen gemischten Bevölkerung eine Fülle speziell wendischer Eigentümlichkeiten herauslesen können ; es gehört aber dazu eine exakte Kenntnis der verschiedenen slawischen und deutschen Stammeseigentümlichkeiten , daß ich es nicht wage , mich in solche Scheidungen und Bestimmungen einzulassen . Ich gebe zunächst nur das Wenige , was ich über die alten wendischen Bruchdörfer und ihre Bewohner als direkte Schilderung aus älterer Zeit her habe auffinden können . » Die Dörfer im Bruch – so sagt eine in Buchholtz Geschichte der Kurmark Brandenburg abgedruckte Schilderung ( Vorrede zu Band II ) – lagen vor der Eindeichung und Neubesetzung dieses ehemaligen Sumpflandes auf einem Haufen mit ihren Häusern , d.h. also weder vereinzelt , noch in langgestreckter Linie , und waren meistens von gewaltigen , häuserhohen , aus Kuhmist aufgeführten Wällen umzingelt , die ihnen Schutz vor Wind und Wetter und vor den Wasserfluten im Winter und Frühling gewährten , und den Sommer über zu Kürbisgärten dienten . Den übrigen Mist warf man aufs Eis oder ins Wasser und ließ ihn mit der Oder forttreiben . Einzeln liegende Gehöfte , deren jetzt viele hunderte vorhanden sind , gab es im Bruche nicht ein einziges . Im Frühling , und sonderlich im Mai , pflegte die Oder die ganze Gegend zu zehn bis zwölf , ja vierzehn Fuß hoch zu überschwemmen , so daß zuweilen das Wasser die Dörfer durchströmte und niemand anders als mit Kähnen zu dem andern kommen konnte . « ( Dafür , daß das ganze