ins Große und Weite schauen . So rächt sich die Alltäglichkeit des Außenlebens am Ungewöhnlichen . Unter solcher Reaction litt eben Leonhart ' s Ueberarbeitung . Immer aufs neue zogen ihn allerlei Erbärmlichkeiten ab . Seine ganze poetische Stimmung ging zum Teufel . Schadenfroh wußte man ihn überall bei fremden Fehden zu verwerthen . Vorsicht , Vorsicht mangelte ihm ewig . Stets ließ er sich zu tief in jede persönliche Zwistigkeit ein und die alberne Furcht vor der Verleumdung der Welt fraß sich immer tiefer . Doch hatte er so Unrecht ? Kann nicht aus jeder Mücke ein Elephant werden , denn man aufbläht , um die Laufbahn eines genialen Menschen zu hemmen ? Ein unbedacht entfallenes Wort wird zum Verbrechen . Man verliest einseitig Briefe und Urtheile über einen Abwesenden , der sich nicht wehren kann . Ewig verleitete ihn seine Gutmüthigkeit , für andre Leute zu eifrig Partei zu nehmen , als wäre dies seine eigene Sache . Er bedachte nicht , daß die Welt überhaupt nicht an selbstloses Wohlwollen glaubt und Allem unlautere Motive unterschiebt . Seine krankhaft argwöhnische Seele die ängstlich hinterm Rücken Ohren trug , um auf das Geflüster der Menschen zu horchen , setzte immer das Uebelste voraus . Dann aber wuchs auch andererseits sein kühner Muth und er sah Allem fest ins Auge . Was konnte man ihm anhaben , ihm , der über Alles erhaben . Er fühlte sich rein , er durfte es , so weit er von Pharisäismus . entfernt und so oft er an seine Brust schlug : Gott sei mir Sünder gnädig ! Denn Viele hielten ihn für edler als er war , Jeder beanspruchte Hülfe von ihm , und raisonnirte , wenn er sie nicht erhielt . Wer aber hatte ihm denn geholfen , wo sein Leben doch so viel wichtiger ? Nichts komischer , als die überspannten Anforderungen an die Menschen höherer Art , da man doch die Herzensroheit der sonstigen Gesellschaft kennt . Den riesenhaften Egoismus eines Napoleon zugestanden stellt ein Vernünftiger stets die Frage , ob die Mehrzahl , der Menschen nicht in ihrer winzigen Weise genau den gleichen Grad von Egoismus verkörpere - ohne die Entschuldigung des Genies dafür beanspruchen zu können . Nichts aber bereitet dem kleinen Philistergeiste so innigen Genuß , als die Schwächen und Mängel der Größe zu erspähen . So wird denn ein unmöglicher Maßstab sittlicher Vollkommenheit angelegt . Man will nicht begreifen , daß auch der größte Mensch nur eben ein - Mensch bleibt und sich der Nothdurft menschlicher Schwäche nicht entziehen kann . Man fragt erstaunt , selbst wenn man vorurtheilslos den sonst edlen Grundstoff einer genialen Natur würdigt , wie es denn möglich , so viel Niedrigkeit mit so viel Größe zu vereinen . Und doch liegt es in der Artung der Ausnahmenaturen , daß sie alle menschlichen Seiten in sich vereinen . Selbstlose Begeisterung paart sich kalter Berechnung , ideale Reinheit schmutziger Sinnengier . Verzweifelnd an seinem eingeschnürten Leben , suchte Leonhart seine einzige Rettung und Erhebung in der Betrachtung einer edleren Vorzeit . Aus der erstickenden Wirrniß der zwerghaften Kleinigkeitskrämer flüchtete er in den Verkehr mit Geistern vergangener Tage . Seine düstere mystische Gluth entflammte sich an der thatkräftigen Askese des Puritanismus . War nicht auch Cromwell erst in hohem Alter nach vergeudeter Jugend erweckt worden zum Dienste Gottes ? » Hie Schwert des Herrn und Gideon ! Der Herr hat sie in unsre Hände gegeben ! « Der wilde Größenwahn des Puritanismus , der sich berufen fühlte alle Gewaltigen der Erde wie Stoppeln zu vertilgen mit der Schärfe des Schwertes , seiner Gottessendung bewußt , durchrann die Adern des skeptischen Berliners . Durch Cromwells Briefe und Reden geht ein Ton wie von klirrendem Stahl und Milton ' s Prosa-Polemik stampft wuchtig einher , wie ein Cromwellscher Kürassier im Büffelkoller . - Noch wirft der große Oliver seinen Schatten über das Inselreich , ob auch der Junkerei Hyänenzahn seinen Staub ausscharrte und in die Lüfte streute . Recht so . Die Luft trug ihn über Meer und Länder als befruchtenden Samen , bis die » Maiblume « der transatlantischen Republik emporwuchs . Stets aufersteht im Angelsachsenthum der alte Puritaner . Sein Schlachtruf rauschte durch das Sternenbanner auf der Schanze von Bunkershill . Und ein Jahrhundert darauf , bei Appotomax Court Station , als vor den neuen » Rundköpfen « die neuen » Kavaliere « den Degen streckten - auch da ritt Cromwells Geist mit Bibel und Feldherrnstab die Reihen entlang . Und im heißen Sande des Sudan , als Gordon sich als Sühnopfer weihte für seines Volkes Sünden , da beugte sich Cromwells Schatten herab auf den letzten Puritaner . Als der Freischärler sich in den Sattel schwang , zählte er 42 Jahre . Und binnen sieben Jahren erreichte er die höchste Feldherrnstufe , ohne je Soldat gewesen zu sein , so wie ja Friedrich der Große ursprünglich Abneigung gegen alles Soldatenthum empfand und doch blitzschnell die höchsten Höhen der Strategie erklomm . Die innere Untheilbarkeit der genialen Begabung bedarf ja keines Drills , da in jedem Helden ein Dichter , in jedem Dichter ein Held steckt .... In wildem Grimm , seiner eigenen Ohnmacht bewußt , schleuderte er » Gebete eines Puritaners « aufs Papier : In meiner Seele haust der Tod . Jehovah , will dein streng Gebot , Daß ich soll untergehen ? Der Feinde Schaar ist übergroß Und ich bin arm und schwach und bloß . Wie soll ich da bestehen ? In meiner Seele haust der Tod . Ringsum die feige Meute droht . Und du hast mich verlassen ? Ich schreie nach Gerechtigkeit . So strafe der Philister Neid , Die deinen Diener hassen ! Du bist es , der mich kämpfen heißt . In deine Hände , heiliger Geist , Befehl ' ich meine Sache . Die Dummheit und die Schurkerei Erbebt vor meinem Todesschrei . Donnre , du Gott der Rache ! Schlag mich ans Kreuz , verfluchte Rotte ! Begeifere , was die Größe that