freien Willen Je höher der Mann in meiner Achtung stand , um so eifriger machte ich mir zu schaffen , die geliebte Freiheit des Willens , welche ich von jeher zu besitzen und tapfer auszuüben glaubte , wiederherzustellen . Unter den wenigen Gegenständen , die sich aus jenen Tagen erhalten , gibt es noch ein kleines Schreibbuch . Es enthält einige hastige Aufzeichnungen , und ich lese die mit Bleistift beschriebenen Seiten jetzt mit bescheideneren Gefühlen , aber nicht ohne Rührung wieder : » Die Verneinung des Professors ist es an sich nicht , die mich abstößt oder erschreckt . Es gibt eine Redensart , daß man nicht nur niederreißen , sondern auch wissen müsse aufzubauen , welche Phrase Voll gemütlichen und oberflächlichen Leuten allerwegs angebracht wird , wo ihnen eine sichtende Tätigkeit unbequem entgegentritt . Diese Redensart ist da am Platze , wo obenhin abgesprochen oder aus törichter Neigung verneint wird ; sonst aber ist sie ohne Verstand . Denn man reißt nicht stets nieder , um wieder aufzubauen ; im Gegenteil , man reißt recht mit Fleiß nieder , um freien Raum für Licht und Luft zu gewinnen , welche überall sich von selbst einfinden , wo ein sperrender Gegenstand weggenommen ist . Wenn man den Dingen ins Gesicht schaut und sie mit Aufrichtigkeit behandelt , so ist nichts negativ , sondern alles ist positiv , um diesen Pfefferkuchenausdruck zu gebrauchen . Wenn die Freiheit des Willens nun bei den untern Stufen unsers Geschlechtes und verwahrlosten einzelnen auch nicht vorhanden war , so mußte sie sich doch einfinden und entwickeln , sobald die Frage nach ihr sich einfand , und wenn Voltaires Trumpf : Gäbe es keinen Gott , so müßte man einen erfinden ! eher eine Blasphemie als ein positive gute Rede war , so verhält es sich nicht also mit der Willensfreiheit , und hier dürfte man nach Menschenpflicht und - recht sagen Lasset uns diese Freiheit schaffen und in die Welt bringen ! Die Schule des freien Willens kann man am füglichsten mit einer Reitbahn vergleichen . Der Boden derselben ist das Leben dieser Welt , über welches auf gute Manier hinwegzukommen es sich handelt , und er kann zugleich den festen Grund der Materie vorstellen . Das wohlgeartete und geschulte Pferd ist das besondere , immer noch materielle Organ , der Reiter darauf der gute menschliche Wille , welcher jenes zu beherrschen und zum freien Willen zu werden trachtet , um auf edlere Weise über jenen derben Grund hinwegzukommen ; der Stallmeister endlich mit seinen hohen Stiefeln und seiner Peitsche ist das moralische Gesetz , das aber einzig und allein auf die Natur und Gestalt des Pferdes gegründet ist und ohne dieses gar nicht vorhanden wäre . Das Pferd aber würde ein Unding sein , wenn nicht der Boden existierte , auf welchem es traben kann , so daß also sämtliche Glieder dieses Kreises durch einander bedingt sind und keines sein Dasein ohne das andere hat , ausgenommen den Boden der Materie , welcher daliegt , ob jemand darüber reite oder nicht . Nichtsdestoweniger gibt es gute und schlechte Reitschüler , und zwar nicht allein nach der körperlichen Befähigung , sondern vorzüglich auch infolge des entschlossenen Zusammennehmens . Den Beweis liefert das erste beste Reiterregiment , das uns über den Weg reitet . Die Scharen der Gemeinen , welche keine Wahl hatten , mehr oder weniger aufmerksam zu lernen , und nur durch eine eiserne Disziplin in den Sattel gewöhnt wurden , sind alle beinahe gleich zuverlässige Reiter ; keiner zeichnet sich besonders aus und keiner bleibt zurück , und um das Bild eines ordentlichen Schlendrians des Lebens zu vollenden , kommen ihnen die zusammengedrängten und in die Reihe gewöhnten Pferde auf halbem Wege entgegen ; und was etwa der Reiter versäumen sollte , tut sein Organ , das Pferd , von selbst . Erst wo dieser Zwang und Schlendrian , das bitter Notwendige der Masse aufhört , beim löblichen Offizierskorps , gibt es sogenannte gute Reiter , schlechtere und vorzügliche Reiter ; denn diese haben es in ihrer Gewalt , über das geforderte Maß hinaus mehr oder weniger zu leisten . Das Ausgezeichnete und Kühne , was der Gemeine erst im Drange der Schlacht , in unausweichlicher Gefahr und Not unwillkürlich und unbewußt tut , die großen Sätze und Sprünge , übt der Offizier alle Tage zu seinem Vergnügen , aus freiem Willen und sozusagen theoretisch ; doch fern ist es von ihm , daß er deswegen allmächtig sei und nicht trotz allem Mute und aller Kraft einmal abgeworfen oder von seinem allzu widerspenstigen Tiere bewogen werden könne , durch ein anderes Sträßlein zu reiten , als er gewollt hat . Wird aber der Steuermann , um auf ein anderes Bild zu kommen , zufälliger Stürme wegen , die ihn verschlagen können , der Abhängigkeit wegen von günstigen Winden , wegen schlechtbestellten Fahrzeuges und unvermuteter Klippen , wegen verhüllter Leitsterne und verdunkelter Sonne sagen : Es gibt keine Steuermannskunst ! und es aufgeben , nach bestem Vermögen sein vorgestecktes Ziel zu erreichen ? Nein , gerade die Unerbittlichkeit , aber auch die Folgerichtigkeit der tausend ineinandergreifenden Bedingungen müssen uns reizen , das Steuer nicht fahrenzulassen und wenigstens die Ehre eines tüchtigen Schwimmers zu erkämpfen , welcher in möglichst grader Richtung über einen stark ziehenden Strom schwimmt . Nur zwei werden nicht hinübergelangen : derjenige , der sich nicht die Kraft zutraut , und der andere , der vorgibt , er brauche gar nicht zu schwimmen , er wolle fliegen und nur noch warten , bis es ihm recht gefalle . Ja , ein verantwortlichkeitsschwangeres Wesen treibt in den Dingen und kräuselt den Spiegel der ruhigen Seele : die Frage nach einem gesetzmäßigen freien Willen ist zugleich in ihrem Entstehen die Ursache und Erfüllung desselben , und wer einmal diese Frage getan , hat die Verantwortung für eine sittliche Bejahung auf sich genommen ! « Ich erinnere mich , daß es im Monat August und in abgelegener Gegend eines öffentlichen Parkes war , als