einzuräumen , die ihm gebührte , die sein Vater ihm gewähren wollte . Das hat sich nun gestraft ; sein bloßer Anblick hat mich gedemüthigt , wie ich ' s verdiente . Damit ein Kind so vollständig die Züge seines Vaters wiedergiebt , so völlig seines Vaters Ebenbild werde wie dieser Knabe , muß viel Liebe zwischen den Eltern desselben geherrscht haben , mehr Liebe , mehr Hingebung , als der Freiherr und ich für einander in der Zeit empfanden , welche unserem Sohne das Leben gab . Wenn ich unseren Renatus betrachte , der seinem Vater so wenig ähnlich sieht , kommt er mir neben jenem Sohne meines Gatten wie ein Enterbter , komme ich selbst mir neben der unglücklichen Mutter Paul ' s wie die Unglücklichere vor , denn sie besaß sicherlich die Neigung des Barons weit mehr , als ich . Paul ist im wahren Sinne des Wortes ein Kind der Liebe , und er wird wiederkommen ! Sein keckes , stolzes Antlitz verbürgt ihm das Glück , das solchen Kindern eigen sein soll ! Der Caplan hatte nicht im entferntesten voraussehen können , ein Urtheil wie dieses von der Baronin zu vernehmen , weniger noch , daß sie diese Verhältnisse in Seba ' s Anwesenheit besprechen würde . Ausschließlich wie die Kaste , in welcher sie geboren war , hatte Angelika früher Alles , was ihre und der Ihrigen Lebensverhältnisse betraf , der Kenntniß und dem Urtheile dritter Personen zu entziehen gestrebt ; jetzt nannte sie diese Art der Zurückhaltung eine Maskerade vor sich selbst . Denn , sagte sie , ich täuschte damit nur mich , und ich habe hier erfahren , daß Fremde wußten , was ich vor mir selbst verbarg . Ich habe eine schwere Lehrzeit durchgemacht , aber sie ist nicht an mir verloren gewesen . Obschon ich schwach bin , gehe ich doch gekräftigt aus ihr hervor . Der Ausspruch : Wen der Herr liebet , den züchtigt er ! der mir sonst immer hart und darum der göttlichen Liebe nicht angemessen erschienen ist , hat sich mir zu einer Wahrheit erhoben . Dafür danke ich Gott , und ich werde auch von Ihnen , mein theurer Freund , künftig nicht mehr fordern , was Sie mir nicht gewähren können , was man sich selbst erringen oder entbehren muß ! Und was hätten Sie derart gefordert ? fragte der Caplan , der immer vorsichtiger und achtsamer wurde , je weniger er im ersten Augenblicke den Gemüthszustand der Baronin zu beurtheilen vermochte . Welches Verlangen hätten Sie gestellt , das Ihnen aus der Gnadenfülle unserer trostesreichen Kirche nicht befriedigt werden können ? Ich verlangte .... Sie hielt inne , schien zu überlegen und sagte danach , als wolle sie ihrem Berather keinen Zweifel über sich lassen : Ich verlangte Vergessenheit - und ich habe sie nicht gefunden ! Der Caplan lächelte , als sähe er ein Kind seine Händchen begehrlich nach der Mondessichel erheben . Freilich , sagte er , der Lethestrom ergießt seine Wellen nicht durch die christliche Welt , er ist versiegt ! Aber , fügte er mit ganz verändertem Tone und mit gehobener Haltung hinzu , aber flösse er auch reich und voll vor unseren Lippen , wie dürften wir begehren , daraus zu trinken ? Wie dürften wir Vergessenheit verlangen für irgend etwas , das Gottes Rathschluß uns erleben ließ ? Ich erkenne Sie und Ihren gottergebenen Sinn in diesem Wunsche nicht wieder , meine theure gnädige Frau ! Der Caplan verstand die Kunst , die Menschen sprechen und schweigen zu machen , und die Baronin fühlte diese seine Macht . Ohne noch ermessen zu können , ob es der Einfluß ihrer nichtchristlichen Umgebung , ob es ein Erwachen ihrer protestantischen Erinnerungen oder eine Folge ihrer eigenen einsamen Grübelei sei , welche die Baronin zu einem von seiner Führung unabhängigen Gedankengange verleitet hatten , hielt er es für angemessen , sie wenigstens von dem Aussprechen ihrer Gedanken abzuhalten , denn das Wort ist gestaltend und das Gestaltete ist lebendig und tritt , uns selber bannend , für und wider uns auf . Und wie es wahr ist , daß nur derjenige frei bleibt , der zu schweigen versteht , so ist es eben so wahr , daß man den Menschen hindern muß , sich seine Gedanken festzustellen , wenn man die Herrschaft über ihn mit Leichtigkeit behaupten will . Er ließ eine geraume Weile im Stillschweigen vergehen ; dann fragte er , als falle es ihm unmöglich , sich in die Vorstellung der Baronin hinein zu versetzen : Und was war es denn eigentlich , das Sie so dringend zu vergessen wünschten ? Angelika hatte , in ihren Ruhesessel zurückgelehnt , in stiller Betrachtung vor sich niedergesehen , aber bei der Frage des Caplans richtete sie das Haupt empor und entgegnete : Es ist mir wunderbar , ganz wunderbar zu Muthe . Ich fühle , als wären wir lange , lange getrennt gewesen . Eine Krankheit wie die meinige , in der man vom Leben zu scheiden glaubt , bildet einen tiefen Abschnitt in unserem Dasein , sondert uns von unserer Vergangenheit , hebt uns über sie und über uns selbst hinaus . - Ich weiß Ihnen das Alles kaum zu erklären , weiß es mir selber kaum zu deuten , und stehe doch vor lauter Erfahrungen , die ich mir nicht wegleugnen kann - auch wenn ich es wollte . Es sieht mich Alles fremd an , wenn ich auf die letzten Jahre meines Lebens zurückblicke ; es kommt mir Alles , selbst kürzlich erst Erlebtes , unwahrscheinlich , ja unmöglich vor . Ich sehe die Dinge , die Menschen anders als bisher , und , warum sollte ich es Ihnen verschweigen , selbst Sie , selbst Ihre Stimme , selbst Ihre Worte klingen meinem Ohre so fremd , daß ich Mühe habe , mich darein zu finden ; auch Ihre Frage befremdet mich . Des Caplans Miene wurde ernster und strenger . Sein milder Sinn ,