zu leiden , und seine Augen suchten ängstlich einen Gegenstand , dessen Dasein er offenbar fürchtete . Ich duldete diesen Erguß des Zornes nur so lange , als meine Ueberraschung mich verstummen ließ . Sobald ich mich davon erholt hatte , befahl ich dem Unteroffizier seine scheltende Gattin hinwegzuführen , und da im Kriege auch eine Marketenderin gehorchen muß , so wurde meinem Befehle zur sichtbaren Erleichterung des Verwundeten Folge geleistet . Die hinweggeführte scheltende Schwester hatte sich im Zorneseifer der deutschen Sprache bedient , und so war sie von Niemandem als von mir und dem unglücklichen Bruder verstanden worden . Indeß hatte sich die Dienerschaft der Reisenden wieder gesammelt , die vor den Guerillas die Flucht genommen hatte ; auch einige Schäfer und Landleute hatten sich eingefunden , denen vielleicht diejenigen nicht fremd waren , die ihre Beute beim Anblicke der überlegenen Macht verlassen hatten . Mit dem Verbande war man , so gut es sich thun ließ , zu Stande gekommen , und ich sah mich nun verlegen um , weil ich nicht wußte , was ich mit dem Unglücklichen beginnen sollte . Ein alter Schäfer trat zu mir , dessen weißes Haar und ehrwürdiges Gesicht jedes Mißtrauen zu widerlegen schienen , das in meiner Seele hätte aufsteigen können . Er rieth mir , den Verwundeten über einen der Berge tragen zu lassen , zu dem ein Fußpfad hinaufführte , und er versicherte mir , wir würden in einer halben Stunde ein Dorf erreichen und dort bei dem menschenfreundlichen Geistlichen allen möglichen Beistand finden . Er ist nicht wie Viele seines Gleichen , setzte der Greis mit Bedeutung hinzu ; wenn ein Leidender seiner Hülfe bedarf , so fragt er nicht , für welche Sache er streitet . Ich verstand den Wink . Die Landleute bereiteten aus Baumzweigen eine Bahre , um den Verwundeten zu tragen . Die Reisewagen waren wieder aufgerichtet und sollten auf dem Fahrwege dasselbe Dorf zu erreichen suchen , wozu sie , wie man versicherte , einige Stunden brauchen würden . Einen Theil meiner Leute gab ich diesen als Bedeckung mit , andere sollten uns zu Fuß begleiten , und den Rest des Regiments sendete ich mit der Marketenderin nach dem Orte voraus , wo ein Rasttag gehalten werden sollte . Als ich alle diese Anordnungen getroffen hatte , näherte ich mich dem Orte , an dem ich die Dame verlassen hatte . Zwei Kammerfrauen , die sich hinter Hecken während des Ueberfalls verborgen , hatten sich zu ihr gefunden und schienen ihr Beistand zu leisten , denn in dem Schooße der einen ruhte das bleiche Haupt der Gebieterin , von dem sich die glänzend schwarzen Locken und Flechten in Verwirrung bis auf den Rasen herabsenkten , indeß die andere ihr wohlriechende Essenzen vorhielt . Als ich mich dieser Gruppe näherte , erhob sich die Dame mit mehr Kraft , als ich ihr zugetraut hatte , und indem sie mir mit Anstrengung entgegen wankte , fragte sie mit bleichen , bebenden Lippen : Lebt mein Gemahl ? Da ich so eben die unzweifelhafte Ueberzeugung bekommen hatte , daß der verwundete junge Mann , wie Sie , mein theurer Vater , schon lange werden vermuthet haben , Niemand anders sei als der Sohn Ihres ehemaligen Dieners , des alten Lorenz , so verwirrte mich die Frage , und ich schwieg einen Augenblick . Die Dame wurde sichtlich bleicher , und indem sie mit beiden Händen meinen Arm faßte und ihn krampfhaft drückte , rief sie in höchster Angst : Sprechen Sie es aus , er lebt nicht mehr , und , Gott ! fuhr sie fort und richtete den Blick mit dem Ausdrucke des tiefsten Schmerzes nach oben , o Gott ! ich habe ihm nicht vergeben ! Fassen Sie sich , erwiederte ich und brachte so viel Ruhe als möglich in meine Stimme ; er lebt , aber ich kann Ihnen nicht verhehlen , daß sein Zustand mir nicht gefahrlos scheint . Gelobt sei die heilige Mutter Gottes ! rief sie und zog ihre Hände zurück , die meinen Arm noch immer hielten . Ich theilte ihr nun mit , daß der Verwundete über den nahen Berg getragen werde , um ein Kirchdorf eher zu erreichen , und fragte sie , ob sie sich Kräfte genug zutraute , den Weg einer halben Stunde zu Fuß mit mir zu machen , oder ob sie es vorzöge , das Dorf auf dem Fahrwege zu erreichen und so etwas später einzutreffen . Sie wählte ohne Bedenken das Erste und sagte , indem sie sich zitternd an meinen Arm lehnte , ihre Kräfte seien völlig wieder hergestellt . Wir setzten uns sogleich in Bewegung , und auch die Kammerjungfern schlossen sich uns an . Wir bemerkten bald , daß die jungen Landleute , den Verwundeten tragend , sich schon den Berg hinaufbewegten , und wir eilten , so sehr es die Kräfte meiner Begleiterin gestatteten , ihnen zu folgen . Mit einiger Beschwerde war der Weg bald zurückgelegt , und der würdige Geistliche , den einige voraneilende Landleute schon von dem Unglück unterrichtet hatten , kam uns am Eingange des Dorfes entgegen , und bot sein Haus und alles , was er vermöge , den Reisenden freundlich an . Wir erreichten bald seine bescheidene Wohnung , und ein altes Mütterchen , seine Haushälterin , empfing uns in reinlicher Kleidung eben so freundlich als ihr Herr . Der Verwundete wurde sogleich in ein kleines schon für ihn bereitetes Zimmer gebracht , und wie ein Sterbender , bleich mit mattem Blick , fast bewegungslos , von der Bahre gehoben und auf ein reinliches Lager gesenkt . Der erste nur flüchtig angelegte Verband mußte jetzt verbessert werden , und als der Unglückliche alle diese unvermeidlichen Qualen überstanden hatte , irrten seine Blicke im Zimmer umher , als ob er Jemanden suche , den er schmerzlich vermisse . Ich errieth ihn und eilte seine Gemahlin aufzusuchen , die der Geistliche in ein anderes Zimmer geführt und der Vorsorge der Haushälterin überlassen hatte