ewig unmöglich wäre , sein Vorgeben nach der Schärfe zu beweisen , würde mit ungleich besserm Fug zu tadeln seyn , als Plato , wenn er die Begriffe des Schönen , Wahren , Rechten u.s.f. durch Abscheidung von allem Fremdartigen zum höchsten Grade der Feinheit zu treiben sucht . Euphranor . Meine Kunstverwandten wußten bisher nur von Einem eigentlichen großen Amor , der Cyprischen Göttin Sohn , den sie gewöhnlich mit dem Bogen in der Hand , und einem Köcher voll starkbekielter Pfeile auf dem Rücken , bilden ; aber dafür stehen uns der kleinen Amorinen , seiner jüngern Brüder , so viele zu Diensten als wir gelegentlich nöthig haben . Sollte nicht , nach diesem Beispiel und einem Wink , den uns Aristipp bereits gegeben , zufolge , zur Erklärung aller der unzähligen Abartungen , Widersprüche mit sich selbst , Verwandlungen , Thorheiten und losen Streiche , die man dem armen Amor zur Last legt , das Bequemste seyn , statt eines einzigen Eros Pandemos oder Pothos ( der , um sich zu gleicher Zeit und an so vielen Orten in so mancherlei Gestalten zu zeigen , ein größerer Zauberer als der alte Proteus oder die Empuse unsrer Kinderwärterinnen seyn müßte ) , so viele kleine Liebesgötter anzunehmen , als es verschiedene Arten und Abarten der Liebe gibt , so daß eigentlich jedermann seinen eigenen hätte , und keiner von ihnen für die Narrheiten und Ausschweifungen eines andern verantwortlich gemacht werden dürfte ? Neokles . Der Einfall scheint mir glücklich ; nur möchte ich ohne Maßgabe vorschlagen , den Eros nie mit seinem Stiefbruder Pothos zu verwechseln , sondern ihm ( da er doch nicht ohne Gegenliebe ausdauern kann ) bloß seinen Zwillingsbruder Anteros zum Gespielen zu geben ; die ganze Brut der Amorinen aber nicht für Brüder des Pothos , sondern für seine Kinder zu erklären , die er mit den Nymphen Aphrosyne137 , Aselgeia und andern ihres gleichen , zum Theil auch mit der Bettlerin Penia , welche von besonders fruchtbarer Natur seyn soll , in die Welt gesetzt haben könnte . Praxagoras . Darf ich , ohne der Freiheit und Willkürlichkeit eines symposischen Gesprächs zu nahe zu treten , meine Gedanken von dem unsrigen sagen ; so dünkt mich , Plato habe uns unvermerkt mit seinem Hang zum Symbolisiren und Allegorisiren angesteckt , und so sey es auch uns ergangen wie ihm , daß nämlich aus allen den schönen Sachen , die diesen Abend über die Liebe vorgebracht worden sind , zuletzt doch kein Resultat erfolgt , und wir aus einander gehen werden , ohne die wahre Auflösung des Problems gefunden zu haben . Wie , wenn mir erlaubt würde , die Sache bei einem andern Ende anzufassen , und - da wir doch alle wissen , daß die Liebe weder ein Gott noch ein Dämon , weder Uraniens , noch Polymniens noch Peniens Sohn , sondern eine menschliche Leidenschaft und die physische Wirkung gewisser Triebe und Neigungen unsrer aus Thier und Geist sonderbar genug zusammengesetzten Natur ist - zu sehen , was es aus diesem Gesichtspunkt für eine Bewandtniß mit ihr habe ? - Was von ihr auf Rechnung des sympathetischen Instincts der beiden Androgynischen Hälften zu setzen , was hingegen bloß aus dem unsrer edlern Natur wesentlichen reinen Wohlgefallen am materiellen , geistigen und sittlichen Schönen zu erklären sey ; und endlich , welche von den Symptomen und Wirkungen , die ihr zugeschrieben werden , auf die Verantwortung andrer selbstsüchtiger Leidenschaften kommen , die sich öfters zu ihr gesellen , und ( wie z.B. der Ehrgeiz oder die Eifersucht ) nicht nur ihre eigene Energie verstärken , sondern sogar ihre Natur dergestalt überwältigen , daß sie , aus der sanftesten , geschmeidigsten und humansten , die unbändigste und grausamste aller Leidenschaften wird . Auf diesem Wege , däucht mich - Lais ( ihm lächelnd ins Wort fallend ) . Würdest du uns , lieber Praxagoras , unfehlbar zu einer sehr gründlichen und vollständigen Philosophie der Liebe verhelfen ; aber für ein kleines anspruchloses Symposion , wie dieses , möchte , wie du selbst siehest , eine solche Operation fast zu ernsthaft und methodisch scheinen , zumal da die Nacht schon weit vorgerückt ist . Gefällt es euch , so will ich unsre bisherige Unterhaltung mit einem Milesischen Mährchen schließen , welches ich unmittelbar aus der Quelle selbst , nämlich aus dem Mund einer der mährenreichsten Ammen in Milet geschöpft habe , und woran ihr wenigstens - die Kürze sehr preiswürdig finden werdet . Mich ließ die Milesische Amme nicht so leicht davon kommen . Es war einmal ein König und eine Königin , ich weiß nicht in welchem Lande , weit von hier , die hatten eine Tochter , Psyche genannt , von so übermenschlicher Schönheit , daß Aphrodite selbst eifersüchtig auf sie ward , und , um einer so gefährlichen Rivalin je eher je lieber los zu werden , ihrem Sohn befahl , ihr mit dem giftigsten seiner Pfeile irgend eine hoffnungslose Liebe in die Leber zu schießen , von welcher sie in kurzer Zeit zu einem so hagern blaßgrünen Gespenst abgezehrt würde , daß ihr die Eitelkeit , sich mit der Göttin der Schönheit vergleichen zu lassen , wohl vergehen müßte . Amor schickte sich an , seiner Mutter Befehl zu vollziehen ; aber kaum hatte er einen Blick auf die schöne Psyche geworfen , die er im Garten ihres Vaters an einer murmelnden Quelle eingeschlummert fand , so verliebte er sich so heftig in sie , daß er von Stund an beschloß sich auf ewig mit ihr zu verbinden . Weil er aber seine Leidenschaft vor seiner Mutter auf alle Weise zu verbergen suchen mußte , bewog er seinen Freund und Spielgesellen , den Zephyr , durch vieles Bitten , sich seiner anzunehmen , und ( nachdem ihm dieser beim Styx zugeschworen hatte sich recht ehrbar aufzuführen ) die schlafende Psyche sanft aufzuheben , und auf einem gewissen Berg in einer menschenleeren Wildniß am Ende der Welt , wo niemand sie