zersprengen und ich kann doch kein Wort dafür finden ! Sie waren bei meinem Vater , ohne eine Aufforderung , ohne irgend eine Pflicht , aus reiner Menschlichkeit — um einer armen Waise eine Wohltat zu gewähren . Sie bringen mir seine letzten , stummen Grüße und die Versicherung , daß er friedlich schlummert ! — O , mein Herr , ich — ich kann mich nicht aussprechen — Sie müssen es fühlen “ — sie konnte nicht weiter reden , ein neu aufquellender Strom von Tränen löschte all ihr Denken aus — sie ergriff seine Hand und ehe er wußte , wie ihm geschah , hatte sie einen inbrünstigen Kuß darauf gedrückt . „ Mein Fräulein ! “ rief Hilsborn erschrocken und ein tiefes Rot ergoß sich über sein zartes , durchsichtiges Antlitz . Gretchen ahnte nicht , daß sie etwas Ungehöriges begangen , wie sollte dieser in Schmerz getauchten Seele ein solcher Gedanke nahen ? Auch Hilsborn fühlte das noch zu rechter Zeit , bevor er sie durch ein verlegenes Entziehen seiner Hand beschämen konnte . Es war ein zur Jungfrau erblühtes , aber immer noch ein Kind , das da vor ihm stand , und er empfand mit unbeschreiblichem Entzücken den Kuß des Unschuldvollsten Gefühls , das je ein Menschenherz bewegt . „ Sie lohnen mir weit reicher , als ich es ver ­ diene , mein liebes , liebes Fräulein , “ sagte er leise . „ Es ist ja nicht so lange her , daß auch ich denselben Schmerz erfuhr — drum weiß ich , wie einem zu Mute ist in solcher Zeit . Ja , ich bin seit meiner edlen Eltern Tode nie wieder froh gewesen ! Sehen Sie , das Leid gesellt sich gern dem Leide — und so sind Sie mir teurer in Ihrem Unglück als irgend eines der lachenden , lebenslustigen Mädchen meiner Kreis . Was ich für Sie tun darf , das tue ich von ganzem Herzen gern . Aber , mein teures Fräulein , ich möchte Sie doch bitten , sich nicht so sehr Ihrem Schmerz hinzugeben , um Ihrer selbst willen . Denken Sie nur immer — es ist ein trauriger , aber doch ein Trost : Es ist besser , daß er dahinging , bevor ihn die ganze Strafe seiner Fehler traf ; denn seines Bleibens wäre nicht mehr gewesen , wo ehrliche Menschen sind . Was wäre dann aus Ihnen geworden ? Nein , es ist besser so , glauben Sie mir ! “ „ Ach , mein Herr , Sie denken , mein Vater verdiene meine Tränen nicht ? Ich weiß es ja , welch großer Missetäter er war , ich weiß , daß ein Jeder das Recht hat , ihn zu verdammen . Nur ich nicht ! Ich , sein Kind , darf ihn nicht verurteilen . Sie glauben , ich solle weniger trauern , weil ich nicht so viel an ihm verlor , wie an einem edlen Vater ? Ach , mein Herr , ist es denn weniger traurig , daß ich einen Vater , den ich so verehrt , nachdem ich ihn kaum wiedergefunden , als einen Verbrecher erkennen mußte , daß er so dahin ging in seinen Sünden , ohne das meinem Herzen eine Verheißung der Gnade Gottes für ihn ward ? Möge er getan haben , was er wolle — ich muß ihn mir desto mehr beweinen , denn er ist und bleibt ja doch immer — mein Vater ! Und einen gütigeren Vater gab es gewiß nie ! Mögen Alle seinem Andenken fluchen — ich kann ihn nur beklagen . Wenn es wahr ist , was in der Schrift steht : < < Wie ihr getan , so soll euch vergolten werden , > > dann darf ich ihm mit nichts vergelten als mit Liebe , denn ich habe nichts als Liebe von ihm empfangen ! — Verachten Sie mich nicht deshalb , ich fühle drum seine Schuld nicht minder , wenn ich ihn auch nicht minder lieben kann ! “ Hilsborn sah mit stiller Bewunderung auf sie nieder : „ Wie können Sie glauben , daß ich Sie um dieses heiligen Gefühls willen < < verachten > > würde . Sie sind mir um so mehr wert dadurch ! Welch ein Schatz von echter , zarter Weiblichkeit ruht in Ihrer jungen Brust . O , wahrlich , wer solch eine Tochter besaß und sich ihrer Liebe nicht wert zu machen gewußt , der ist dreifach unselig ! Ich will es nicht mehr versuchen , Sie zu trösten . Sie tragen eine Quelle höheren Trostes in sich , als der ist , welchen irdische Worte zu geben vermögen . Was kann ein Fremder , wie ich , Ihnen sagen oder sein ? Nichts als ein Beschützer oder Ratgeber für Ihre nächste Zukunft , wenn Sie eines solchen bedürfen . “ „ Ach , wenn Sie so gütig sein wollten , meine ersten Schritte auf einem mir ganz neuen Wege zu leiten , mein armer Vater würde Sie noch aus jener Welt dafür segnen . “ Sie schwieg erschrocken , denn die Tür öffnete sich rasch und weit und Bertha trat ein . Sie betrachtete Gretchen mit eben so viel Wohlgefallen als dieses die Mutter mit Abneigung . Ein widerlicher Küchengeruch ging von ihr aus . Jede Spur von Reiz war von den fleischigen Zügen gewichen . Bertha war eine von den Schönheiten gewesen , die sich nur eine kurze Reihe von Jahren erhalten und dann zur völligen Karikatur ausarten . Ihre frischen Farben waren in Dunkelrot übergegangen , ihr Mund war breit und unaussprechlich sinnlich geworden , die Unterlippe ließ sie trotzig hängen wie Jemand , der viel zu schelten und zu maulen gewöhnt ist . Ihre lebhaften , schwarzen Augen waren hinter die feisten Wangen zurückgetreten und sahen lüstern und dummpfiffig drein . Ein starkes Doppelkinn und eine feiste kugelförmige Gestalt vollendeten das ganze Bild abschreckendster Gemeinheit . So stand die Frau , die Kindespflichten in Anspruch nahm