den Adam Steinert auf Marienau war das eben keine große Sache . Zwölftes Capitel Wie seine Dienerschaft und seine Beamten den Freiherrn verändert gefunden hatten , so ward der Caplan , als man ihn nach seiner Ankunft zu der Baronin führte , durch ihren Anblick in Erstaunen gesetzt , wennschon er es verstand , ihr diesen Eindruck zu verbergen . Aber es war nicht allein ihre körperliche Schwäche , die ihn überraschte , es war etwas Fremdes in sie gekommen , das er sich nicht gleich zu deuten wußte . Während es ihm bedünken wollte , als habe sie jenen ihr schon als junges Mädchen eigenthümlichen Ausdruck gebietender Vornehmheit verloren , hatte sie doch an Sicherheit und Bestimmtheit in ihren Aeußerungen gewonnen , und er vermißte an ihr die freiwillige Unterordnung , mit welcher sie ihm sonst genaht war . Nach dem Briefe , welchen der Caplan von dem Freiherrn erhalten , hatte er nicht anders glauben können , als daß es der Baronin um seinen geistigen und geistlichen Beistand zu thun sei , daß sie zu beichten und das Abendmahl aus seiner Hand zu empfangen begehre . Indeß wie erfreut sie sich über seine Ankunft auch bezeigte , sagte sie ihm dennoch , daß sein Ausbleiben ihr wohl gethan habe , und daß sie glaube , ihr Alleinsein in diesem fremden Hause sei ihrem Seelenheile förderlich gewesen . Als der Caplan zu wissen begehrte , wie sie dies meine und in welcher Weise der Umgang mit ihren Pflegern ihren Sinn gewandelt habe , versetzte sie : Auf die einfachste Weise von der Welt ! Hätte ich Sie , mein Freund , hier gehabt , da ich zu sterben glaubte , so hätte ich mich Ihnen , wie immer , mit allen meinen Schmerzen und Sorgen in die Hand gegeben und nur an mein eigenes Heil , an meinen Trost gedacht , und Sie würden vielleicht in Ihrer mitleidigen Barmherzigkeit mir nicht gesagt haben , daß auch in dem Verlangen nach geistiger Erhebung und Vervollkommnung sich die Selbstsucht des hochmüthigen Menschenherzens verbergen kann . Hier aber habe ich unter Menschen gelebt , von denen , wie ich glaube , sich keiner mit der eigentlichen Sorge um sein Seelenheil beschäftigt . Herr Flies und seine Frau haben bis in ihre jetzigen Jahre hinein so viel Nothwendiges zu thun gehabt , daß ihnen keine Zeit geblieben ist , über sich selbst nachzudenken ; und Seba lebt so ausschließlich für die Befriedigung der Anderen , daß sie die eigene darüber ganz vergißt , oder daß sie dahin gekommen ist , ihre Zufriedenheit in dem Wohlbefinden Anderer zu genießen . Der Caplan wandte ihr ein , daß sie in Gefahr stehe , Gleichgültigkeit gegen das geistige Leben mit Seelenfrieden und Gewissensfreudigkeit zu verwechseln ; aber sie wollte dies nicht zugestehen . Ich habe Herrn Flies einmal gefragt , sagte sie , wie er es angefangen habe , sich seine beschauliche Ruhe und Klarheit anzueignen . Und was hat er Ihnen geantwortet ? erkundigte sich der Geistliche , dem daran gelegen sein mußte , die Leitung über das Herz der durch ihn bekehrten Frau nicht zu verlieren . Ich habe an jedem Tage nach bestem Wissen meine Schuldigkeit gethan , hat er mir gesagt , und habe also immer die Zuversicht in mir getragen , auf dem richtigen Wege zu sein . Der Caplan machte eine Bewegung mit dem Kopfe , die es kund gab , daß er diese Antwort vorausgesehen hatte , und meinte danach : Darin verbirgt sich die Selbstzufriedenheit aller derer , welche glauben , durch ihre eigene Kraft zur Seligkeit gelangen , welche meinen , mit guten Werken , die in der Religion der Juden eine große Rolle spielen , den Himmel erwerben zu können . Aber es ist nicht nur das Thun , das selig macht , es ist .... Zum ersten Male ließ Angelika ihren geistlichen Freund seinen Ausspruch nicht vollenden , und lebhafter als er es von ihr gewohnt war , rief sie : Nein , es ist gewiß und allein das Thun und nicht das Streben , das Vollbringen und nicht das Wollen , die uns glücklich , die uns selig machen ! Ich habe das hier in meiner Einsamkeit und in meinem Leiden tief empfunden ! Was habe ich nicht Alles gedacht und wie Weniges gethan ! Mit den großen Fragen und Geheimnissen habe ich mich beschäftigt , in welche wir kurzlebigen Geschöpfe uns hineingebannt fühlen , wenn wir über die enge Schranke unseres Daseins hinauszublicken wagen ; von meinen widerstrebenden Gefühlen hin und her getrieben , habe ich mich nur um mein Empfinden , um mein Seelenheil gesorgt , und es darüber ganz und gar versäumt , für das Heil derjenigen zu sorgen , die Gott in meinen Lebensweg gestellt hat , oder etwas zu leisten , was mich hätte in der Erinnerung trösten und aufrichten können . Und an Niemandem hat sich meine Selbstsucht schwerer versündigt , als an dem Knaben , den wir jetzt vergebens suchen . Das Schicksal Paul ' s , von dessen bisherigem Leben und von dessen Verschwinden sie sich durch Seba ausführliche Kunde verschafft hatte , das weltliche Ergehen ihrer Familie lagen ihr vor allem Anderen am Herzen und namentlich beschwerte die Erinnerung an Paul ihr das Gewissen . Sie nannte es einen schweren Fehler , daß sie immer nur dasjenige zu lieben vermocht habe , was ihr eigen gewesen sei , was sie durch ihre Selbstsucht mit ihrem Herzen vermitteln können , während ihr jetzt von Fremden die uneigennützigste Menschenliebe zu Theil geworden sei - von Fremden , die sie um ihres Stammes und um ihres Glaubens willen so tief unter sich gewähnt . Und an Niemandem , wiederholte sie , hat sich meine Selbstsucht schwerer versündigt , als an dem armen Knaben , welchen wir jetzt vergebens suchen . Ich habe es in meiner Eifersucht und in meiner ungerechten Verachtung gegen die Mutter dieses Knaben einst hochmüthig verschmäht , ihm die Stelle in dem Hause meines Gatten