, daß sich auch die Versuche der frühesten Häretiker , den göttlichen Geheimnissen auf magische oder sinnliche Weise beizukommen , bis in die jüngsten Zeiten erneuert hätten . » So befand sich hier ganz in der Nähe « , sagte er , » vor etwa hundert Jahren eine Gemeinde , welche alle Schwärmereien der Gnostiker und Manichäer in sich vereint wieder aufleben ließ , und ziemlich lange ihr Wesen trieb , bis die herrschende Kirche sie mit solcher Strenge unterdrückte , daß nicht einmal ihr Gedächtnis in den Nachkommen geblieben ist , und auch ich von ihrem Dasein nichts wissen würde , hätte ich nicht ihre Geschichte , von einem Märtyrer der Sekte aufgeschrieben , ganz zufällig unter vergeßnen Papieren gefunden . Woher sie ihre Irrtümer genommen , ist mir dunkel geblieben ; aus den Papieren ging so viel hervor , daß die Bekenner jenes Wahns geringe Leute gewesen waren , von denen sich nicht vermuten ließ , daß sie die Sache aus gelehrter Kunde geschöpft haben sollten . Ich bin daher schon auf den Gedanken gekommen , daß sich gewisse Einbildungen immer von Zeit zu Zeit wie Krankheiten von selbst aus dem Leben der Kirche erzeugen , und daß namentlich die böse Täuschung , dem Göttlichen durch geheime Zeichen und eine willkürliche Allegorie beikommen zu können , fortwuchern wird , solange es ein Christentum gibt . Auch ihre Begräbnisstätte habe ich vor kurzem entdeckt « , fuhr der Prediger fort . » Sie liegt in einer einsamen wüsten Gegend , und wie durch Instinkt getrieben , haben sie sich ihren Ruheplatz um Trümmer bereitet , die wohl ohne Zweifel dem Heidentume angehören . An den vermorschten hölzernen Kreuzen und Denktafeln , sowie an einigen roh und dürftig zugehauenen Steinen lassen sich noch sonderbare Embleme erkennen , die ohne Zweifel eine mystische Bedeutung hatten . Wenn es Ihnen gelegen ist , so kann ich Sie einmal dorthin begleiten . Die Sache ist immer merkwürdig genug , um eine Spazierfahrt bei schönem Wetter zu verlohnen . « Der Oheim erklärte sich mit Vergnügen dazu bereit , und man beschloß , den ersten heitern Tag zum Besuche dieses Altertums anzuwenden . Einmal um jene Zeit sagte der Oheim zum Prediger : » Ich fühle , daß auch das religiöse Organ von Jugend auf geübt sein will , und daß im Alter die Fasern zu zähe werden , um in dieser Hinsicht noch mit Erfolg sich etwas anzueignen . Aber so viel begreife ich , daß etwas , was die Menschen neunzehn Jahrhunderte hindurch beschäftigt hat , kein Possenspiel sein kann , und Sie mögen daher , wenn wir auseinandergehn , von mir die Hoffnung schöpfen , daß ich vielleicht anderwärts nachholen werde , was ich hier versäumt habe . « Auch gegen die Katholiken war der Oheim nachgiebiger und freundlicher geworden . Er sah jetzt gelassen zu , wenn sie durch das Haus zur Messe gingen , ja er schenkte dem Altare ihrer Kirche eine neue prächtige Bekleidung , und ließ an die Stelle der messingnen , kostbare silberne Leuchter setzen . Hierüber mußte er selbst lächeln . Scherzend rief er aus : » Im Grunde bleibe ich mir doch treu , ich mache den Schaffner jetzt bei dem lieben Gotte , wie ich ihn lange auf irdische Weise gemacht habe . « Zweites Kapitel Nicht lange nachher fuhr der Oheim mit dem Prediger nach dem Kirchhofe der verschollnen Sektierer . Der Weg ging bald von der Landstraße ab , und wurde für die Pferde beschwerlich , da er , ohne in das eigentliche Gebirge zu führen , sich über lauter wellichtes , zerbröckeltes und zerfurchtes Erdreich schwang . Endlich verlief er sich zwischen hohen Lettenwänden , wo allenfalls mit einer schmalen Karre durchzukommen gewesen wäre , der breitspurige Wagen aber bald festsaß . Der Kutscher hielt , und erklärte , nicht weiterfahren zu können . Der Prediger , welcher bei seinen Fußwandrungen nach dem entlegnen Orte auf diesen Umstand nicht geachtet hatte , machte sich laute Vorwürfe über seine Unbedachtsamkeit , der Oheim tröstete ihn indessen , ließ aus Baumzweigen und Wagenkissen eine Tragbahre bereiten , und nahm die Kräfte zweier jungen Bauern , welche in einiger Entfernung vorübergingen , für dieses Transportmittel aus dem Stegreife ' in Anspruch . So gelangte man denn doch , wenn auch später , als man gewollt , an das Ziel . Der Ort , auf einer Höhe zwischen heidekrautbewachsenen Hügeln gelegen , war außerordentlich einsam und mußte durch sich selbst schon Gedanken der Melancholie erwecken . Eine niedrige Mauer , die aber an den meisten Stellen zu Trümmern zerfallen war , umschloß einen runden Platz von mäßigem Umfange . Was der Prediger für die Überbleibsel eines Heidentempels angesehen hatte , war die Substruktion eines kleinen achteckigen Gebäudes , von welcher nur hin und wieder noch einige Steinzacken über der Erdoberfläche emporragten . In der Mitte des inneren Raums nahmen sie eine tiefe Versenkung wahr , in welche ein Bächlein , welches von den Höhen herabkam , und sich unter der Mauer durch Bahn gemacht hatte , sein Wasser ergoß . Um diese Trümmer - der Hünenborn , wie der Prediger sagte , von den Landleuten geheißen - hatte die Sekte ihre Toten rings im Kreise bestattet . Aber die Gräber waren zum größten Teil schon wieder eingesunken , die Kreuze verfault , die Steine lagen umgefallen in aufgerißnen Erdrinnen , oder neigten sich gegeneinander . Über eine ganze Reihe tiefer Höhlungen , durch das Einstürzen mehrerer Gräber entstanden , hatten die Landleute , welche ihren Fußweg nach einem nahen Walddorfe über die Höhe nahmen , eine Notbrücke von Baumstämmen , Leichensteinen und Kreuzen gemacht , deren sie sich bedienten , wenn Regenwasser diese Senkungen ausfüllte . Alles war an dem verlaßnen Platze eigen , traurig ; die Bilder der Vergänglichkeit hatte schon wieder die Hand der Vergangenheit berührt . Der Boden schien nicht die Fruchtbarkeit andrer Orte , wo menschliche Leiber verwesen , zu haben ; ein kümmerliches Gras bedeckte spärlich den weißgelblichen Grund