. Endlich war diese wichtigste Familienbegebenheit so vielfach mit immer erneuerter Freude besprochen worden , daß die Seele gewissermaßen befriedigt war , und der Graf hatte nun auch das besonders an ihn gerichtete Paket des Sohnes gelesen , das in Form eines Tagebuches die bedeutendern Vorfälle bei der Armee , so weit dieß zu wagen war , berichtete . Der Graf folgte mit gespannter Aufmerksamkeit dem Gange der Begebenheiten , an denen Evremont Antheil genommen hatte , bis seine Aufmerksamkeit von den großen weltgeschichtlichen Ereignissen abgelenkt wurde , indem sein Sohn einen Gegenstand berührte , der seine Phantasie in den Kreis seines bürgerlichen Lebens zurückführte . Ich zog , so schrieb Evremont , an der Spitze meines Regiments durch ein anmuthiges Thal , das sich zwischen baumbewachsenen Hügeln hinschlängelte . Der Himmel war über uns dunkelblau , wie ein unermeßlicher Sapphir , ausgespannt , kaum regten sich gelinde Lüfte . Nichts unterbrach die Stille der Natur , als das sanfte Plätschern eines silberhellen Baches , der zwischen blühenden Ufern floß . Mir schien es , als sei dieß ruhige Thal von den Menschen vergessen und blühe hier still für sich in ungekannter Schönheit , und es dünkte mir fremd und seltsam , daß ich hier mit kriegerischem Getöse über den ruhigen Busen der Erde zog . Meine Träumerei und die tiefe Ruhe um uns her wurde auf einmal durch den Knall von kleinem Gewehrfeuer unterbrochen , den ein vielfaches Echo in den Bergen wiederholte , und es schien mir , als ließe sich ein fernes Jammergeschrei schwach unterscheiden . Da unter den jetzigen Umständen in diesem herrlichen Lande Vorsicht die erste Tugend ist , die man sich aneignen muß , so zog auch ich mit doppelter Vorsicht weiter durch das enge Thal , und ich hatte so sehr allen Sinn für die noch eben empfundene Schönheit desselben verloren , daß ich eifrig das Ende zu erreichen wünschte . Indeß näherte ich mich an der Spitze meines Regiments dem Platze , wo eben gekämpft worden war , indem wir um einen Hügel bogen , hinter welchem sich das Thal etwas weiter ausbreitete , und der erste Blick überzeugte mich , daß keine Gefahr zu überstehen sei , ob sich mir gleich ein trauriger Anblick darbot . Es waren Reisende , die nur eine schwache Bedeckung hatten , von Guerillas überfallen worden , und sollten eben geplündert und getödtet werden , als der Anblick meiner überlegenen Macht diese bewog , sich eilig zurückzuziehen und die , die sie sich zu Opfern ausersehen hatten , ihrem Schicksale zu überlassen . Als ich dem Orte näher kam , wo der Ueberfall Statt gefunden hatte , bemerkte ich zwischen umgeworfenen Wagen eine stehende Dame , die ihre Hände krampfhaft auf der Brust zusammengepreßt hatte , und mit dem Ausdrucke höchster Angst und des heftigsten Schreckens die starren Blicke gedankenlos in die Weite richtete . Ich wollte meinen Augen nicht trauen , als ich in dieser Dame diejenige wieder erkannte , der ich mich in Madrid hatte vorstellen lassen , um die Bekanntschaft eines räthselhaften Verwandten zu machen . Als ich mich überzeugt hatte , daß keine Täuschung mich verblende , stieg ich vom Pferde und näherte mich der Geängstigten . Ich faßte , indem ich Sie anredete , ihre Hand , um sie aus der Erstarrung zu erwecken . Ein schöner Blick aus den dunkeln Augen traf mich bei der Berührung , doch schien sie sich bei meinem Anblick einigermaßen zu beruhigen und deutete mit der linken Hand , indem ich ihre Rechte hielt , auf einen Gegenstand , den mir ein umgeworfener Wagen verbarg . Ich näherte mich und sah denselben jungen Mann , den man in Madrid Don Fernando nannte , schwer verwundet auf dem Rasen liegen . Er röchelte dumpf aus der verletzten Brust , und bei jedem Athemzuge quoll von Neuem das Blut hervor , das den Rasen rings um ihn färbte . Ich bog mich entsetzt zu ihm nieder , ich weiß nicht , ob er mich kannte , aber er wendete scheu den Blick von mir ab . Ich erkannte die Nothwendigkeit augenblicklicher Hülfe . Der Regimentsarzt war schnell herbei gerufen , und ich führte die Dame hinweg , bat sie in einiger Entfernung zu ruhen während des nothwendigen Verbandes , und ließ ihr eine Bedeckung zu ihrer Sicherheit . Stillschweigend ließ sie sich alle meine Anordnungen gefallen , und ich kehrte zu dem Verwundeten zurück , um Zeuge eines seltsamen Auftritts zu sein . Ein alter würdiger Unteroffizier hatte den Tadel seiner Kameraden nicht geachtet und sich vor einiger Zeit mit einer Frau verheirathet , die mehrere Officiere nach einander zur Geliebten gehabt hatten . Diese nun folgte als Marketenderin dem Regimente , und da bei dem Verbande des Verwundeten Leinenzeug erforderlich war , wurde sie herbei gerufen , um wo möglich damit auszuhelfen . Sie erschien und schaffte bereitwillig herbei , was sie vermochte , und wollte nun auch bei dem Verbande selbst Hülfe leisten . Als sie sich , um dieß zu können , zu dem Verwundeten niederbeugte , starrte sie diesen einen Augenblick an und rief dann mit allen Zeichen eines lebhaften Schmerzes : Jakob , Bruder Jakob , muß ich Dich so wiedersehen ? Der Verwundete richtete einen matten Blick auf die Gestalt , deren kreischender Ton ihn erweckt hatte , und wendete dann mit unverkennbarem Widerwillen sein Gesicht hinweg . Diese Bewegung des zum Tode Verwundeten ließ die , die ihn als Bruder erkannte , alle Gefahren vergessen , denen sein Leben Preis gegeben war , und sie ergoß sich in Strömen von Scheltworten , worin sie ihm vorwarf , daß sein Hochmuth sie zu Grunde gerichtet habe , indem er ihre Schönheit immer benutzt habe , um sich Wege zu bahnen , und daß nun ein um seinet Willen gänzlich verlornes Leben nun sein schnöder Undank ihr so vergelte , daß er sie im letzten Augenblicke seines Daseins nicht anerkennen wolle . Der junge Mann schien unter diesem Strome von Scheltworten furchtbar