an sich erfährt ; ach , sie erfährt nichts als ihren Ablauf . Schon in dem Augenblick , wo wir kühn genug sind , die Ewigkeit zum Zeuge unseres Glückes aufzufordern , haben wir die Ahnung , daß wir ihr nicht gewachsen sind , ach und nicht einmal : wir wissen vielmehr gar nichts von ihr . Von ihr wissen und in ihr sein ist zweierlei ; gewußt hab ich von ihr , wie ich nicht mehr in ihr war . Dies ist der Unterschied : in ihr leben , da lebt man im Geheimnis , der innere Mensch umfaßt , begreift nicht die Wirkung , die es auf ihn hat . Von ihr leben : da lebt man in der Offenbarung , man wird gewahr , wie eine höhere Welt uns einst in sich aufgenommen hatte , man fühlt die Merkzeichen früherer göttlicher Berührung - das , was Scherz der Liebe schien , erkennen wir nun als himmlische Weisheit , wir sind erschüttert , daß der Gott uns so nah war , daß unser irdisch Teil in ihm sich nicht verzehrte , daß wir noch leben , noch sind , noch denken , daß wir nicht auf ewig aufgegeben haben , was man so gern in glücklicher Stunde , am Busen des Freundes aufgibt , nämlich , was anders zu sein als tief empfunden von dem Geliebten . Einmal stand ich am Fenster mit ihm , es war Mondschein , die Blätter der Reben schatteten sich ab auf seinem Antlitz , der Wind bewegte sie , so daß sein Aug bald in Schatten kam , bald wieder im Mondlicht glänzte . Ich fragt : » Was sagt dein Aug ? « - Weil mir ' s schien , als plaudre es . - » Du gefällst mir ! « - » Was sagen deine Blicke ? « - » Du gefällst mir wie keine andre mir gefällt « , sagte er ; » o ich bitte , sage doch , was willst du mit deinem durchdringenden Blick ? « fragte ich ; denn ich hielt seine Rede für keine Antwort auf meine Frage . - » Er beteuert « , sagte er , » was ich sage , und beschwört , was ich nicht wage , daß kein Frühling , Sommer , Herbst und Winter meinen Blick dir soll verlocken . Denn du lächelst mir ja zu , wie der Welt du niemals lächelst , soll ich dir da nicht beschwören , was der Welt ich nie geschworen ? « Es ist mir häufig nur gleich einem Lichtstreif , der mir durch die Sinne fährt und Erinnerungen in mir erhellt , von denen ich kaum weiß , ob sie bedeutend genug sind , daß man sie als etwas Erlebtes bezeichne . - In der Natur ist ' s auch so , was spiegeln kann , das gibt wider die Schrift der Liebe , der See malt die hohen Bäume , die ihn umgeben , grade die höchsten Wipfel in die tiefste Tiefe , und die erhabenen Sterne finden noch tiefere Tiefe in ihm , und die Liebe , die alles erzeugte , bildet zu allem den Grund , und so kann ich mit Recht sagen : unergründlich Geheimnis lockt alles zum Spiegel der Liebe , sei es auch noch so gering , sei es auch noch so entfernt . Wie ich ihn zum erstenmal sah , da erzählte ich ihm , wie mich die Eifersucht gequält habe , seit ich von ihm wisse ; es waren nicht seine Gedichte , nicht seine Bücher , die mich so ganz leidenschaftlich stimmten , ich war viel zu bewegt , noch eh ich ihn gesehen hatte , meine Sinne waren viel zu verwirrt , um den Inhalt der Bücher zu fassen , ich war im Kloster erzogen und hatte noch nicht Poesie verstehen lernen : aber ich war schon im sechzehnten Jahr so von ihm hingerissen , daß , wenn man seinen Namen nannte , man mochte ihn loben oder tadeln , so befiel mich Herzklopfen ; ich glaub , es war Eifersucht , ich ward schwindlig , war es bei Tisch , wo meine Großmutter manchmal von ihm sprach , so konnt ich nicht mehr essen , währte das Gespräch länger , so vergingen mir die Sinne , ich ward nichts mehr gewahr , es brauste um mich her , und wenn ich allein war , dann brach ich in Tränen aus , ich konnte die Bücher nicht lesen , ich war viel zu bewegt , da war ' s gleichsam , als erstürzte der Strom meines Lebens über Fels und Geklüft in tausend Kaskaden herab , und es dauerte lang , ehe er sich wieder zur Ruh sammelte . - Da kam nun einer , der trug einen Siegelring am Finger und sagte , den habe Goethe ihm geschenkt . Das klagte ich ihm , wie ich ihn zum erstenmal sah , wie sehr mich das geschmerzt habe , daß er einen Ring so leichtsinnig habe verschenken können , noch ehe er mich gekannt . Goethe lächelte zu diesen seltsamen Liebesklagen nicht , er sah milde auf mich herab , die zutraulich an seinen Knien auf dem Schemel saß . Beim Weggehen steckte er mir den Ring an den Finger und sagte : » Wenn einer sagt , er habe einen Ring von mir , so sage du : Goethe erinnert sich an keinen wie an diesen . « - Nachher nahm er mich sanft an sein Herz , ich zählte die Schläge . - » Ich hoffe , du vergißt mich nicht , « sagte er , » es wäre undankbar , ich habe ohne Bedingungen alle deine Forderungen soviel wie möglich befriedigt . « - » Also liebst Du mich « , sagte ich , » und ewig ; denn sonst bin ich ärmer wie je , ja ich muß verzweifeln . « * * * Heute morgen hab ich einen Brief vom Kanzler Müller erhalten , der