den Vater wieder ! — Sie legten ihn auf das Bett nieder . — Gretchen stürzte sich wimmernd über ihn hin , er wehrte sie mit einer konvulsivischen Bewegung von sich ab , denn es ist eine der grausamen Wirkungen des Strychnin , daß der Vergiftete keine Berührung mehr erträgt . So wurden in seinem letzten Augenblick die Arme der Tochter glühende Zangen für ihn — und er verschmachtete nach einem Kuß der süßen Lippen , deren leisen Druck er doch nicht mehr aushielt . — Er wollte noch etwas sagen , aber er brachte die Kiefer nicht mehr auseinander . Der Kopf bog sich zurück , der Leib bäumte sich auf wie im Bogen , man mußte ihn halten , damit es ihn nicht aus dem Bette schleuderte . Endlich trat Erschlaffung ein . Man glaubte , er habe es überstanden . Doch der Anfall kehrte wieder . Schwere Erstickungskrämpfe zogen ihm allmählich den Hals zu , er wurde gleichsam erwürgt von den eigenen Muskeln . Die zähe Natur wehrte sich furchtbar . Dreimal schien er den letzten Seufzer verhaucht zu haben — dreimal wachte er wieder auf , um von Neuem zu sterben . Endlich reckte der Tod die zuckenden Glieder . Er hatte geendet als ein — „ anständiger Mann ! “ Aber der einzige Richter , den er auf Erden über sich erkannt : sein Kind , lag vernichtet zu seinen Füßen und büßte die Schuld des Gerichteten . Zweites Kapitel Die Waise . Der Tag spiegelte sich bereits lachend in dem Alsterbassin . Lautes , munteres Leben regte sich auf den Straßen . Das Plappern und Lärmen der Kinder , die zur Schule gingen , der eintönige Schrei der Bierhändler , die ihre Ware ausriefen , das Gerassel schwerer Wagen tönte schon herauf in das stille Zimmer , wo Leuthold gestorben war — und noch lag Gretchen vor seinem Bette auf den Knien und einzelne , regelmäßig wiederkehrende Tränenstöße zeigten , daß die lange Nacht nicht hingereicht hatte , die Tränen zu erschöpfen , die in der Tiefe ihres Herzens angesammelt waren . Ihr Kopf lag auf dem Bettrand , ihre Arme waren über die leere Matratze hingestreckt , denn der Wirt hatte darauf bestanden , daß die Leiche noch in der Nacht aus dem Hause geschafft werde . Gretchen war aber dennoch nicht von dem verödeten Lager wegzubringen gewesen . Da sie der entseelten Hülle des Vaters nicht hatte folgen dürfen , wollte sie ihr Haupt nirgend betten , als an der Stätte seines Todes . Jede Annäherung der Mutter hatte sie zurückgewiesen . Als alle die fürchterlichen Maßregeln , welche die Polizei in solchen Fällen trifft , vorüber waren und die Tür sich hinter den Trägern geschlossen hatte , die den Vater in das Leichenhaus abgeholt , schob sie den Riegel vor und dankte Gott , daß sie allein war mit ihrem Elend — allein bei des Vaters Sterbebett . Welch menschliches Auge vermochte in die Wandlungen eines jungen Herzens zu blicken , das von einem solchen Schmerz zerfleischt wird ? Was da in der Seele vorgeht und wie das Wesen da mit seinem Schöpfer ringt , das ist das große Geheimnis , das fast Jeder weiß , aber Keiner verraten kann , denn was in Augenblicken der höchsten Not Gott mit uns spricht , das können wir nicht in menschlichen Worten wiedererzählen . Drum muß es Jeder erleben — und wer es erlebt hat , der nickt in wehmütigem Einverständnis dem Gefährten zu : „ Ich weiß , wie ’ s ist , “ bevor Jener noch ein Wort gesprochen . Dann drücken sich die beiden Unglücklichen die Hand wie Mitglieder eines geheimen Bundes , sie wissen , was sie mit einander gemein haben und wissen , daß sie zusammengehören . So war es mit Gretchen und Hilsborn , als dieser am Morgen durch sein leises Klopfen das Mädchen aus seinem Schluchzen aufstörte und von ihr eingelassen wurde . — Sie legte still die Hand in seine dargebotene Rechte und blickte ihm zuversichtlich in die blauen ernsten Augen . „ Sie waren nicht zu Bette , mein liebes Fräulein , “ sagte er . „ Ich sehe es Ihnen an . “ „ Wie hätte ich wohl ruhen können ? “ sagte sie . , „ Ach , es war mir ja nicht einmal vergönnt , bei seiner Leiche zu bleiben . So wollte ich wenigstens hier für ihn wachen und beten , wo er den letzten Atemzug tat . Nie furchtbar , daß solch eine geliebte Hülle in dem öden Leichenhausfe liegen muß und kein treues Auge , so lange sie noch über der Erde ist , auf ihr weilen darf ! 109 Wenn er nun gar nicht tot gewesen , wenn noch einmal ein letzter Funke Leben erglommen wäre und es wäre Niemand dagewesen , um ihn sorglich zu neuer Flamme anzufachen ? Er hätte vielleicht die Lider geöffnet , um sich in einem Leichenhause auf dem harten Schragen110 zu erblicken , und wäre dann erst in hilfloser Verzweiflung gestorben ! O — dieser Gedanke könnte mich um den Verstand bringen . “ „ Mein Fräulein , “ sagte Hilsborn bescheiden , „ ich kann Ihnen die Versicherung geben , daß Ihr Vater ruhig schläft . Ich habe für Sie getan , was Ihnen versagt war : Ich brachte die Nacht bei seiner Leiche zu . “ „ Das hätten Sie getan für den Mann , den Sie so tief verachten müssen ? “ rief Gretchen . „ Für Sie , mein liebes Fräulein , tat ich es . Weil ich mich in Ihre Seele hineindachte und wußte , es würde Ihnen ein Trost sein , wenn Ihnen heute Jemand die letzten Nachrichten von Ihrem Vater brächte . “ „ O , mein Herr , wie soll ich Ihnen danken ? Ich bin ein kindisches , unbedeutendes Ding — das keinen Lohn für Sie hat ! Ich weiß nicht , was ich sagen soll , es möchte mir das Herz