Ja , schwere Zeiten sind es , und ich mag gar nicht davon sprechen . Aber das muß ich Ihnen als eine alte Frau doch sagen , es war nichts für Sie . Ich hab es gleich gesehen ; sie war wohl schlank wie eine Wespe , aber die stechen auch , und dann muß man Erde auflegen , daß der Schmerz vergeht . Und ist es das Herz , dann ist es schlimm . Ja , lieber junger Herr , so war es auch mit Ihnen , daß Ihnen Erde aufgelegt werden sollte . Aber der liebe Gott wollt es nicht und hat anders geholfen , ohne Tod und Sterben , und hat Sie zu einem rechten Glücke aufgehoben . « Bis hierher hatte Lewin gelesen , aber jetzt flimmerte es ihm vor den Augen , und er ließ die Hand sinken , in der er das Blatt hielt . Renate nahm es , um statt seiner zu lesen , und wiederholte leise : » Zu einem rechten Glücke aufgehoben . « Dann fuhr sie fort : » Das weiß ich ganz bestimmt . Das hab ich Ihnen angesehen , denselben Tag , als Sie bei mir mieteten und gleich sagten : Das finde ich zuwenig , Frau Hulen , und mir aus freien Stücken zulegten . Ach , wer so ein Herz für die armen Leute hat , für den hat der liebe Gott auch ein Herz und läßt ihn nicht umkommen , und Sie haben es auch wohl erfahren , was wir letzten Sonntag wieder gesungen haben : Oft hast du mich gelabet , Mit Himmels Brot gespeist , Mit Trost mich reich begabet- Ja , lieber junger Herr , das sind rechte Trostesworte , so recht für arme Leute geschrieben . Und am Ende sind wir alle arm , auch wenn wir reich sind . Sie wissen schon warum . Und dieses alles hatt ich Ihnen schreiben wollen , lieber Herr Lewin , wie ich Sie als alte Frau doch wohl nennen darf . Und wenn Sie wieder bei Wege sind , da werden Sie doch wohl wieder bei der alten Hulen wohnen wollen . Das meinte das gnädige Fräulein auch . Und Sie kriegen solche Wohnung auch gar nicht wieder , denn es paßt alles . Der Grüne Baum und die Singuhr und die Klosterkirche . Aber von der will ich weiter nicht reden , weil sie so katholisch aussieht . Bitte , grüßen Sie das gnädige Fräulein , die so gut ist und an eine alte Frau gedacht hat , als welche ich hochgeneigtest bin und verbleibe Ihre Wilhelmine Hulen , geb . Petermann . « Lewin wollte das Blatt zurücknehmen , aber Renate sagte : » Nein , noch nicht . Es gibt noch eine lange Nachschrift . « Und sie las weiter : » Ich muß Ihnen , junger Herr , doch auch noch vermelden , daß der Herr Rittmeister von Jürgaß fort ist . Er war hier und fragte nach Ihnen . Und der spaßige kleine Hauptmann auch . Sie gehen beide nach Breslau , wohin jetzt alles geht . Denn der alte Lehweß hat doch recht gehabt , und Preußen kommt wieder auf . Und morgen soll es in der Zeitung stehen . Aber die Menschen wollen ja nicht warten , und das ist ein Laufen und Trommeln , als hätten wir schon den Krieg . Und wer zu alt ist oder zu schwach , der gibt , was er hat , oder er sammelt . Die Potsdamer Kadetten haben vierzig Taler gesammelt . « Renate lachte , denn dieser ersten Nachschrift , dicht an den Rand gekritzelt , folgte noch eine zweite : » Denken Sie sich , junger Herr , der lahme Kellerjunge von nebenan will auch mit . Er sagt , der König kann alles brauchen . Und vorgestern hab ich mir im Bölkschen Saal den Brand von Moskau angesehen . Gott , wie das so aufschlug ! Ich dachte , wir müßten alle mit verbrennen . Ihre Obige . « Die Schorlemmer hatte mit einer Art Andacht dem Geplauder dieses Briefes zugehört . » Das ist eine gute Frau « , sagte sie jetzt und setzte dann hinzu : » Wir wollen ihr eine Kiste schicken ! - Nicht wahr , Renatchen ? « Und damit verließ sie das Zimmer , um die Geschwister allein zu lassen . Sie traf damit den Wunsch beider , zumal Renatens , die nach einer Weile des Bruders Hand ergriff und leise fragte : » Darf ich mit dir sprechen , Lewin ? « Dieser nickte . » Die Hulen hat recht « , begann Renate , » sie hat es in ihrer Herzenseinfalt getroffen . Und nun höre mich an . Du bist jetzt zwei Tage hier , und wir können nicht so nebeneinander hergehen , immer nur in ängstlicher Vermeidung dessen , was uns das Herz bedrückt . Du bist verwundert , weil ich sage uns . Aber es ist so , denn ich bin bedrückt wie du . « Sie schwieg und hatte vor , von Kathinka zu sprechen , aber der Name wollte ihr nicht über die Lippen , und so fuhr sie fort : » Ach , ich habe sie so geliebt , mehr als eine Schwester . Sie hatte das vornehme Wesen , das so gefällt , und sie hatte mir es angetan , mir und dir und jedem . Ich muß noch an den Morgen denken , als ihr nach Kirch-Göritz ginget , du und Tubal , und die Tauben an das Fenster kamen und sich liebkosend an sie drängten , als ich kaum erst den Riegel geöffnet hatte . Das verdroß mich damals . Aber ich hatte unrecht . Es flog ihr eben alles zu . Auch die Tauben . Und auch Marie ging in ihr auf und verzehrte sich in Bewunderung , ja , sie verzehrte sich , denn ihr blutete das Herz . « Lewin , dem kein Wort entgangen