sich ehlich mit seiner Geliebten versprochen und seine Minderjährigkeit bei der Regierung wegsuppliziert , habe sein Vater , weil sie ihm nicht reich genug gewesen , durchaus nicht darein willigen wollen , und es bei dem Pfarrer und Amtmann dahin zu bringen gewußt , daß ihm aller Umgang mit derselben verboten worden , ob man sie schon zum drittenmal miteinander ausgerufen gehabt , und daß hieraus die Exzesse entstanden seien , die ihn nach und nach auf den Weg des Verderbens geführt . « Auch die Weigerung des geistlichen Hirten , seinen Schafen einen unentgeltlichen Dienst zu leisten , hat der Oberamtmann , ohne Zweifel von dem stummen Gefühl des Ehrenmannes geleitet , gewissenhaft in sein Protokoll eingetragen . Aber die Rachsucht , mit welcher der Unglückliche so oft über diesen Erinnerungen gebrütet hatte , war mit seinem Stolze gebrochen . » Er selbst « , erzählt der Sohn des Oberamtmanns , » hielt die abgeschlagene Heirat mit Müllerin für die Ursache seines Unglücks , und brannte daher während seines ganzen Lebens von Wut und Rache gegen seinen Vater . Dennoch redete er zuletzt mit großer Mäßigung von ihm . Er hätte können anders mit mir verfahren , sagte er einst : doch es ist auch wahr , daß mein Eigenwille allzu groß war ; ich selbst habe das Gute verworfen und das Böse erwählet . Ich will dahero gern alle Schuld auf mich allein nehmen . Aber wenn er ja auch schuld sein sollte , so gedenke doch Gott seiner Sünden nicht . Er hat auf dieser Welt Trübsal genug an mir erlebt . Der arme Mann , fuhr er ein andermal fort , mein Vater dauert mich . Ich will ihm keine Vorwürfe machen . Ich wünschte mir noch seinen Segen . Der Eltern Segen baut der Kinder Häuser . Das schickt sich nun freilich nimmer auf mich . Aber sein Segen würde mir doch erquickend sein . Oh , daß Gott seine Sünden vergeben wollte , wie er mir die meinigen vergeben hat ! « Diesem Hauche des Friedens entsprechend malt der Geschichtschreiber seine ganze übrige Gemütsstimmung . » Nichts aber « , sagt er , an das Vorige anknüpfend , » war jetzt so lebhaft , als die niemals ganz verbannten Empfindungen der Liebe . Sein ganzes Herz hing an seinen beiden Frauen , und vorzüglich an seinem Kind . Man schickte ihm nichts zu essen , von dem er nicht diesen mitteilte . Besonders aber war er für ihren Seelenzustand so bekümmert , daß er ihnen , wo er nur konnte , auf das nachdrücklichste zusprach , daß er stets sich nach ihren Gesinnungen erkundigte und sowohl dem Oberamtmann als den Geistlichen die Methode anzugeben suchte , wie man ihren Herzen am besten beikommen könnte . Eine solche Gemütsverfassung gab ihm Mut in Augenblicken und unter Umständen , in denen sich sonst Verzweiflung auch der Stärksten bemächtigt ; ja er erhob sich durch dieselbe bis zu einem solchen Grad der Freudigkeit , die ihm selbst bewunderungswürdig vorkam und die bisweilen so weit ging , daß er selbst befürchtete , ob sie nicht bloßer Leichtsinn sein möchte . « Unter allen diesen Stimmungen aber ging die Arbeit ununterbrochen fort , nicht bloß jene Arbeit der Buße , sondern die geistige Arbeit einer treuen Zeichnung der Welt , in der er gelebt hatte . Diese Zeichnung ist in den Untersuchungsakten niedergelegt . Wohl selten ist ein so dickes Protokoll in der Zeit von so wenigen Monaten vollendet worden . So hohe Anerkennung man dem Fleiße und der Berufstreue des Beamten schuldet , der der Verwaltung und Rechtspflege seines Bezirks zugleich vorzustehen hatte , mit der Person seines Gefangenen eine in halb Süddeutschland verzweigte Untersuchung in die Hände bekam , und neben den fortdauernden Verhören einen durch diese veranlaß ten sehr ausgebreiteten Verkehr mit einheimischen und auswärtigen Behörden führen mußte - so enthüllt sich doch zugleich aus diesen Akten das Bild eines Angeklagten , der ungezwungen und in rasch fließendem Vortrage , gleichsam als die leitende Seele der Untersuchung , seine Angaben diktiert , so daß der Richter sich zusammennehmen muß , um mit dem Geiste und mit der Feder zu folgen . Für den prüfenden Leser zerfällt das Protokoll somit in zwei Bestandteile von nicht ganz gleichem Gehalte : der eine gehört - sagen wir nicht dem Oberamtmann , sondern dem Lebenskreise , dem er angehörte , und der Urlieber des anderen ist der begabte Verbrecher selbst . Besonders verdient die lebendige Kraft hervorgehoben zu werden , mit welcher er die Masse von Personen , um die sich seine Aussagen drehen , zu schildern wußte : mit wenigen Worten , die wie breite Pinselstriche wirkten , entwirft er ein Bild nach Gestalt und Tracht , daß die geschilderte Person in anschaulicher Leibhaftigkeit aus dem Protokoll vor das Auge springt und ebensogut dem Richter zu einem Steckbrief , als dem Dichter , soweit dieser Lust hat unter die Räuber zu gehen , zu einem Gemälde in Lebensgröße dient . Und damit man nicht glaube , daß einem ungebildeten Menschen aus dem Volke hiermit des Guten gar zu viel geschehe , so möge an dieser Stelle in andern Worten und anderer Auffassung die Bürgschaft des jüngsten Bearbeiters der Geschichte des » Sonnenwirts « eintreten , der ihn nur aus dem Vaihinger Inquisitionsprotokoll , also von seiner schwärzesten Seite kennt , und gleichwohl den Eindruck , den ihm die Persönlichkeit des Inquisiten in den Akten machte , so wiedergibt : » Die Bekenntnisse des Verbrechers drängten sich völlig frei und ungezwungen und in solcher Masse dem Verhörrichter entgegen , daß der Bedarf inquisitorischen Scharfsinns zu ihrer Erhebung sich ungleich geringer herausstellte , als der Aufwand an Zeit und Mühe für die juristische Digestion des reichen Materials . Die Sprache , die er vor Gericht führte , war gewogen , anständig , zuweilen edel , und zeugte im allgemeinen von einem nicht geringen Maße natürlichen Verstandes , namentlich aber wenn es galt , dem untersuchenden Beamten das Unlogische mancher Unterstellungen verweisend