Ihre Weisheit unsre unverbrüchliche Richtschnur immerdar bleibt , daß keiner von uns an eine Zukunft nach Ihnen denkt . « Eine andre Türe ward gewaltsam aufgerissen , Ferdinand stürmte herein , die Jagdtasche an der Seite , die Flinte über den Rücken geworfen . Er warf ein paar Feldhühner Cornelien zu Füßen , und rief : » Da hast du einen Braten in die Küche ! « - Dann entfernte er sich ebenso laut , wie er gekommen war , ohne von dem Kranken Notiz zu nehmen . Dieser schickte ihm einen kummervollen Blick nach ; der Geschäftsmann sah seufzend vor sich nieder , Cornelie weinte still in einer Ecke des Zimmers . » Fürchten Sie nichts « , sagte der Kommerzienrat zu seinem Freunde . » Ich werde Verfügungen treffen , daß die Schöpfungen unsrer redlichen Mühe , die Anstalten , zu deren Begründung sich Kenntnisse , Fleiß und gegenseitiges Zutraun so vieler Männer verbinden mußten , nicht zusammenstürzen , wenn zwei Augen sich schließen , daß sie wenigstens nie von den Launen eines unbändigen Jungen abhangen sollen . « Als jener das Zimmer verlassen hatte , sagte Cornelie : » Er wird gewiß noch anders und besser , Vater . « » Nein « , erwiderte der Kranke , » ich täusche mich nicht mehr mit leerer Hoffnung . Die wilden , verderbten Neigungen sind zu tief bei ihm eingewurzelt , ich muß ihn aufgeben und seinen Weg ziehen lassen , denn es ist fruchtlos , gegen des Menschen Natur anzugehn . Liederlich wird der Bube nun auch , ich habe das leider erfahren . Großer Gott , wie war es möglich , daß zwei stille , einfache Menschen , wie meine Frau und ich , ein solches unstetes Wesen erzeugen konnten ? « Cornelie suchte den Leidenden zu beruhigen , und der Abend ging in Gesprächen mit dem Prediger , der sich , als es dunkel geworden war , wie gewöhnlich einfand , friedlich hin . Der Oheim hatte , als er die Abnahme seiner Kräfte merklicher werden sah , von manchen seiner Eigenheiten abgelassen ; sein Wesen war von Tage zu Tage gütiger und milder geworden . Die Geschäfte ruhten schon seit einiger Zeit fast ganz in den Händen der Untergebnen , und wenn ihm auch die Erhaltung des Ganzen am Herzen lag , so nahm er doch an dem Einzelbetriebe und an dem merkantilischen Resultate wenig Anteil mehr . Dagegen hatte sich seine Neigung für die Pflanzen zu einer wahren Zärtlichkeit gesteigert , und eine andre Jugendrichtung , die Liebe zur Chemie , stellte sich ebenfalls wieder ein . Dieser verdankte er die erste glückliche Wendung seines Schicksals . Er hatte als junger Mensch eine große Schiffslast für völlig verdorben gehaltner Ware an sich gebracht , und sie durch eine geschickte Behandlung in verkäuflichen Zustand gesetzt , dadurch aber in wenigen Wochen einen Gewinn von vielen Tausenden gemacht . Nun , in seinen letzten Lebenstagen , saß er wieder , wie damals , sooft es seine Umstände erlaubten , im Laboratorio vor dem Ofen , glühte und schied , ohne einen weiteren Zweck , als die Vermehrung seiner Kenntnisse dabei zu verfolgen . Besonders eifrig untersuchte er die Mischungen der Bodenfläche seiner Besitzungen , da er , wie er scherzend sagte , doch zu wissen wünsche , welchen Elementen sein Staub sich dermaleinst verbinden werde . Eines Tages ließ er den Prediger , diesem sehr unerwartet , rufen . Nach einigen vorbereitenden Reden eröffnete er demselben , daß er seinen Umgang und Zuspruch wünsche , da er das Herannahen des Todes fühle . Der Prediger , ein verständiger Mann , welcher einen Rückkehrenden von der konsequentesten Denkungsart , welcher sich von jeher allem Kirchlichen so ferngehalten , vor sich sah , begriff wohl , daß er auf die gewöhnliche Weise hier nicht einwirken dürfe , daß er vielmehr vor allen Dingen den eigentlichen Zustand des Kranken zu erforschen habe . Er tat daher einige geschickte Fragen , welche den Oheim auch wirklich dahin brachten , sich über sein Innres ohne Rückhalt auszusprechen . » Zuvörderst muß ich Ihnen versichern « , sagte er , » daß ich mich vor dem Tode durchaus nicht fürchte . Nur für den Müßiggänger kann dieser Rechnungsabschluß beschwerlich sein ; wer es sich immerdar hat sauer werden lassen , empfindet gewiß endlich ein Bedürfnis , auszuruhn . Weder Gewissensbisse , noch Angst vor dem Unbekannten da drüben treiben mich zu Ihnen . Aber es ist so natürlich , daß , wenn die eine Art der Beziehungen zu verschwinden anfängt , und eine andre beginnt , man sich über diese aufzuklären wünscht . Diese Aufklärung suche ich nicht unter Heulen und Zähnklappern , sondern mit einem stillen Verlangen , dessen Befriedigung mir so das Liebste wäre , was mir hier noch begegnen könnte . « Der Prediger sah wohl ein , daß eine solche Stimmung mit der eigentlichen christlichen Sehnsucht nichts gemein habe . Gleichwohl durfte er , in seinem Amte angesprochen , sich dem Suchenden nicht versagen . Er wählte daher den Weg der historischen Belehrung , und schlug dem Oheim vor , sich zuvörderst davon zu unterrichten , wie Lehre und Dogma seit ihrem Entstehen von den Menschen aufgefaßt worden seien , und unter ihnen gewirkt haben . Dem Oheim war dies ganz genehm , und so brachte denn der Prediger von da an in jeder Woche mehrere Abendstunden bei seinem Patrone zu , ihm aus einem Handbuche der Kirchengeschichte vorlesend und seine Erläutrungen hinzufügend . Mit großem Interesse verfolgte der alte Mann die Entwicklungen der christlichen Kirche , und wies oft mit vielem Scharfsinne die Verwandtschaft unter den verschiednen Lehrmeinungen und Sekten nach . Sehr bald hatte er ausgefunden , daß das eigentümliche Leben des christlichen Geistes sich in den drei ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung erschöpft , und daß alles Spätere doch nur mehr in Wiederholung und Modifikation einer schon früher dagewesenen Entfaltung bestanden habe . Bei den Gesprächen über diesen Gegenstand erwähnte der Prediger einst des Umstandes