» So weit ich die Dinge begreife , wäre es weiser und ratsamer , wenn Sie das Original mit sich nähmen . « Inzwischen hatte er sich gesetzt ; er hatte das Bild vor sich auf den Tisch gelegt , und den Kopf in beide Hände gestützt , betrachtete er es mit zärtlichen Blicken . Jetzt merkte ich , daß meine Dreistigkeit ihn weder verletzt noch erzürnt hatte . Ich bemerkte sogar , daß er es wie eine Art neuer Freude empfand , wie eine unverhoffte Erleichterung , daß man mit ihm offen über einen Gegenstand sprach , den er bis jetzt für unnahbar gehalten hatte . Zurückhaltende Menschen bedürfen der offenen Besprechung ihrer Kümmernisse und Empfindungen in der That oft mehr , als die mitteilsamen . Schließlich ist der starrste Stoiker doch auch nur ein Mensch ; und oft ist es die größte Wohlthat , die man ihm erweisen kann , wenn man sich mit Mut und Kühnheit und Wohlwollen in die stille See seiner Seele stürzt . » Sie hegt große Neigung für Sie , dessen bin ich gewiß , « sagte ich , wie ich hinter seinem Stuhle stand , » und ihr Vater achtet Sie . Außerdem ist sie ein süßes Mädchen – ein wenig gedankenlos ; aber Sie würden ja hinreichend Gedanken für sich selbst und sie haben . Sie sollten sie wirklich heiraten . « » Liebt sie mich ? « fragte er . » Gewiß , Mehr als irgend einen anderen Menschen . Sie spricht unaufhörlich von Ihnen ; es giebt kein Thema , das ihr so lieb wäre oder das sie so oft berührte . « » Es ist sehr wohlthuend , dies zu hören , « sagte er , » sehr . Bitte , fahren Sie noch eine Viertelstunde so fort , « Und in der That zog er seine Uhr aus der Tasche und legte sie vor sich auf den Tisch , um die Zeit zu bemessen . » Aber was nützt es fortzufahren , « fragte ich , » wenn Sie so dasitzen und wahrscheinlich irgend einen eisernen Faustschlag des Widerspruchs und der Widerlegung vorbereiten oder eine neue Kette schmieden , um sie Ihrem armen Herzen anzulegen ? « » Bilden Sie sich doch nicht solche fürchterliche Dinge ein . Denken Sie lieber , ich gäbe nach und schmölze dahin , wie ich es in Wirklichkeit thue . Irdische Liebe sprudelt wie ein frischer Quell in meiner Seele und überschwemmt mit ihrem süßen Rieseln das ganze Feld , das ich so sorgsam so mühselig bereitet , so fleißig mit der Saat guter Vorsätze , selbstverleugnender Pläne angebaut hatte . Und jetzt überschwemmt es eine Flut wie himmlischer Nektar – die jungen Keime werden ertränkt , süßes Gift macht sie faulen . Jetzt sehe ich mich auf einer Ottomane in Vale-Hall , zu den Füßen meiner Braut Rosamond Oliver , sie spricht zu mir in ihrer melodischen Stimme – blickt auf mich herab mit jenen Augen , die Sie so geschickt gemalt haben – lächelt mich an mit jenen Korallenlippen . Sie gehört mir – ich gehöre ihr – dies irdische Leben , diese wandelbare Welt genügt mir ! Still ! still ! sagen Sie nichts – mein Herz ist voll Wonne – meine Sinne sind bezaubert , – lassen Sie diese Viertelstunde wenigstens in Frieden vorübergehen . « Ich that ihm den Willen . Die Uhr tickte weiter . Er atmete schnell und leise . Ich stand schweigend neben ihm . Und in dieser Stille ging die Viertelstunde vorüber . Dann schob er die Uhr wieder in die Tasche , legte das Bild hin , erhob sich und stand vor dem Kamin . » Nun , « sagte er , » diese kurze Spanne Zeit war der Phantasie und der Illusion gegönnt . Ich lehnte meine Wange an den Busen der Versuchung und beugte meinen Nacken freiwillig unter ihr Blumenjoch ; ich kostete von ihrem Becher . Das Polster brannte ; in dem Blumenkranze ist eine Wespe verborgen ; der Wein schmeckt bitter ; ihre Versprechungen sind hohl – ihre Gelübde sind falsch – dies alles weiß ich und sehe ich . « Erstaunt blickte ich ihn an . » Es ist seltsam , « fuhr er fort , » daß ich , während ich Rosamond Oliver so grenzenlos , so wild , mit der ganzen Glut einer ersten Leidenschaft liebe , deren Gegenstand so unendlich schön , anmutig und bezaubernd ist – dennoch zu gleicher Zeit das ruhige , klare Bewußtsein hege , daß sie mir keine gute Gattin sein würde ; daß sie nicht die Lebensgefährtin ist , welche zu mir passt ; daß ich dies schon innerhalb eines Jahres nach unserer Heirat empfinden würde , und daß auf die Seligkeit eines einzigen Jahres das Elend und die Reue eines ganzen langen Lebens folgen würden . Dies weiß ich . « » Seltsam , in der That ! « konnte ich nicht umhin auszurufen . » Während etwas in mir krankhaft empfänglich für ihre Reize und Vorzüge ist , « fuhr er fort , » so ist ein anderes Etwas ebenso tief verletzt durch ihre Mängel und Fehler . Und diese letzteren sind derart , daß sie in allem , was ich anstrebe , nicht mit mir sympathisieren könnte – mir in keiner Sache , die ich unternähme , zur Seite stehen würde . Rosamond eine Dulderin , eine Arbeiterin , ein weiblicher Apostel ? Rosamond , das Weib eines Missionärs ? Nein , nein , nein ! « » Aber Sie brauchten doch nicht Missionär zu werden ! Sie würden diesen Plan dann aufgeben . « » Aufgeben ? ! Was ? Meinen Beruf ? Mein großes Werk ? Den Grundstein , welchen ich auf Erden für eine Wohnung im Himmel gelegt habe ? Meine Hoffnung , einst zu der Zahl derer gerechnet zu werden , welche allen Ehrgeiz von sich gestreift haben , um des größeren willen , das Menschengeschlecht besser gemacht zu haben –