nur , einen Augenblick erwacht zu sein und mich beglückwünscht zu haben , daß ich bei dem Sturm und Regen , der an die Fenster schlug , im Trockenen und Sicheren sei . Die Lust am Leben , welche allen Geschöpfen innewohnt und welche die größten Empfindungen gemacht hat , trieb Lord Henry endlich auch zu einem Entschlusse und Versuche - das Pistol , welches er von seinem Zimmer mitgenommen , lag neben ihm auf der Steinplatte , er unternahm noch einmal das Gefährliche , sich zu bücken , und mit erstarrter Hand danach zu greifen . Es gelang , und er zielte nun mitten ins Schloß der Tür hinein , um sie aufzusprengen , und mit einem tüchtigen Rucke in den Saal , und von dort rasch , ehe jemand in den Weg treten könne , auf den Gang , nach seinem Zimmer zu kommen . Der Schuß versagte - Henry zwang seinen Sinn vor sich selbst zur Ruhe , zum Gleichmut , zog das Gewehr noch einmal langsam auf , drückte noch einmal ab , es knallte und krachte ; es gelang . Natürlich geriet da oben alles in Bewegung , man stürzte hinzu , man fand das Unerklärliche , man mutmaßte nach allen Richtungen - Henry , um alledem eine andere Wendung zu geben , warb am nächsten Morgen um die Hand der Miß Anna , entdeckte der Lady seinen wahren Namen . Bestürzt und erfreut trieb sie zur augenblicklichen Reise nach London , damit dort die Hochzeit gehalten würde . Bestürzt war sie um Marys willen , die einst just vor Henry zu ihr gerettet worden war , erfreut war sie , weil Anna in glühender Liebe für den Lord brannte , weil ihr selbst der Schwiegersohn wohlgefiel . Es war noch nicht Mittag , da fuhren wir alle gen London , ich mußte Harrys Bitten weichen , ich mußte mit ; denn Mary blieb zurück , weder er noch ich hatte sie wieder gesehen . Später . Seit der Zeit sind Wochen vergangen , das Ehepaar schwelgt in den Flitterwochen , ich konnte das charaktervolle Bild Marys nicht vergessen und ihre verzauberte Einsamkeit auf der Abtei ; in einer Stunde des Gedankens daran warf ich mich aufs Pferd und ritt Tag und Nacht , hinaus nach dem Felsenschlosse . Jm Walde vor dem Hügel ließ ich das Pferd meinem Burschen , und eilte hinauf , niemand begegnete mir , ich kam in den Saal , Mary saß am Fenster und schaute ins Meer hinaus ; das dunkle Haar hing aufgelöst über den bloßen Nacken und das schwarze Samtkleid herab , sie glich einer Balladenkönigin , und hob staunenden Rufs ihre Arme , da sie mich sah . Das Kleid war schwarz , der Leib war weiß , Die Hand war kalt , das Herz war heiß ; Sie wehrte , rang und küßte - Es gibt Dämonen , die ihre Krallen tief herein strecken in die Welt , glaub ' mir ' s. Sie schüttelten dies Weib selbst in meinen Armen , sie gönnten ihr keine Ruhe , kein Glück , in den Träumen rang sie mit Henry . Und diesem erging es ebenso : von der Seite des liebenden und geliebten Weibes ward er zur Nachtzeit getrieben , und er flog nach der Abtei , und als ich nach einem Jagdausfluge von zwei Tagen zurückkehrte , da stand Mary hinter der offenen Fenstertür des Saales , auf der Steinschwelle , die über dem Meere hängt , ihr Samtkleid hing zerrissen an der einen Schulter , das Haar flog aufgelöst im Winde , sie sang Liederverse Opheliens , und mich kannte sie nicht mehr . Es war grausig , und ich entfloh zum zweiten Male . Lord Henry ist nicht wieder gesehen worden in Altengland . Ich habe sonst ein fatumhartes Wesen , ich kann arge Dinge sehen , wie sie die Menschen Unglück nennen , und sehr unbefangen dabei bleiben ; für mich hat die Welt starke Nerven , weil sie ihr meiner Meinung nach notwendig sind . Wir sind wie Tiere in den Wald gesetzt und haben uns unserer Haut zu wehren . Aber es schauerte mich , als ich am Eingange des Eichenwaldes mich noch einmal umwendete , und die verödete Abtei da oben sah , das zürnende Meer dahinter hörte . Wie lag sie damals sonnenfröhlich da ! Wir haben unsern Fuß hineingesetzt , und der Dämon ist auf unsern Schultern gekommen - jetzt ist sie verwüstet . Ich muß der Welt nicht mehr Gesicht zu Gesicht gegenüberstehen , denn wo ich hinblicke , richt ' ich Unglück an , oder helfe es anrichten . Und wo kein Glück mehr ist , da ist der Tod , Glück ist eben das richtige Verhältnis . Ich hab ' s verloren - pah ! ich muß doch weiter . Mit welcher Mühe entrinn ' ich der alten Lady , der verzweifelnden , über ungewisse Verlassenheit hinstarrenden Anna ! So jung , so rot , so lebenswarm , so vertrauend , so hingebend , so schön , so gut , so lieb und so vernichtet ! Wenn ' s mich rührt , Valerius , wie muß es sein ! Geht ' s nicht auch mit mir zu Ende ? Ich erschrecke , ich fliehe , ich bedauere - wie will das in mein Leben passen ? Sie verfolgen mich , diese unglücklichen Weiber , ich soll ihnen Auskunft geben , oder mit ihnen nach Auskunft suchen über Lord Henry . Die stolzen , schweigsamen Ladys , diese schwarz gebundenen Velinbücher , welche die Sitte mit goldenen Spangen verschließt , mit nördlichem Reife behaucht , und in denen morgenländisch glühende Märchen ruhen , sie betrachten mich kalt und scheu und neugierig . Diese Vereinigung im Blicke ist echt englisch . Um solcher Welt der Untersuchung zu entgehen , schließ ' ich mich an die Genossen tollen Lebens , ich brauche eine kräftigere Bewegung , als sie das Nachdenken über unabänderlich Geschehenes bietet - manche Nacht