später war es wieder totenstill in meinem Gemache , und die weißgestrichene Türe , durch welche die schönen Frauen und Männer verschwunden , flimmerte mir vor den Augen wie eine Leinwand , von welcher mit einem Zuge ein Bild warmen Lebens weggewischt worden ist . Vierter Band Erstes Kapitel Der borghesische Fechter Auf dem niedrigen Ofen meines Arbeitszimmers stand eine fast drei Fuß hohe Gipsfigur des borghesischen Fechters . Der Abguß war vorzüglich , obschon etwas angebräunt ; denn er stammte von einem frühern Insassen her und ging von einem Nachfolger zum andern . Jeder übernahm den rüstigen Kämpfer gegen eine Entschädigung an die Wirtsleute , die so von der Arbeit des wackern Agasias nach zweitausend Jahren noch einen periodischen Nutzen zu ziehen wußten . Als meine Augen von der Türe , hinter welcher Erikson und Reinhold mit ihren Frauen verschwunden waren , hinwegglitten , fielen sie auf den danebenstehenden Fechter und blieben an dem schönen Bildwerke haften . Ich trat ihm näher wie einem willkommenen Hausgenossen in einsamer Stunde und schaute ihn zum ersten Male vielleicht recht an . Rasch räumte ich Bilder und Staffeleien weg , rückte sie an die Wände , trug die Figur in die Mitte des Zimmers auf ein Tischchen und stellte sie ins Licht . Ein helleres Licht ging aber trotz dem geräucherten Zustande von dem Bilde aus , in welchem das Leben im goldenen Zirkel von Verteidigung und Angriff sich selbst erhielt . Von der erhobenen Faust des linken Armes über die Schultern weg bis zur gesenkten des rechten , von der Stirn bis zur Zehe , dem Nacken bis zur Ferse wallte von Muskel zu Muskel , von Form zu Form die Bewegung , der Schritt aus der Not zum Siege oder zum rühmlichen Untergange . Und welche Formen in ihrer Verschiedenheit ! Alle diese Organe glichen einer kleinen Republik von Wehrmännern , welche von einem Willen beseelt vorandrangen , um ihren Verband gegen die Zerstörung zu schützen . Unversehens suchte ich einen reinen Bogen Papier , spitzte einen Kohlenstengel sorgfältig zu und begann mich in den Umrissen dieses und jenes Gliedes zu versuchen , dann , als hiemit nicht viel herauskommen wollte , den linken Arm bis in die Achselhöhle und die von da fortlaufende Bewegung bis in die linke Weichengegend in ganzer Form rasch zu packen ; aber die Hand war ungeübt hiefür , und erst als die Kohle sich etwas abgestumpft hatte , wollte der Strich von selbst leibhafter werden und ein gewisses Leben in die Finger fahren . Aber nun war das Auge nicht gewöhnt , angesichts der menschlichen Gestalt der Hand rasch genug vorzuleuchten ; ich mußte aufstehen und die Begrenzungen und Übergänge genauer untersuchen und , weil ich doch schon zu alt war , in einsichtsloser Art fortzufahren , über die Dinge und ihren Zusammenhang nachdenken . So brachte ich in ein paar Tagen die ganze Figur leidlich zustande , drehte sie und bezwang sie auch von den übrigen Seiten . Da fiel mir plötzlich ein , sie in Gedanken aufzurichten und den Fechter in ruhender Stellung zu zeichnen , gleichsam als Probe der erworbenen Kenntnis . An dem anatomisch gut gearbeiteten Vorbilde hatte ich wohl gesehen , was als Knochen oder Muskel , Sehne oder Gefäß sich darstellte ; als es nun aber galt , alles dies in seine veränderte Lage und Form zu bringen , mangelte mir jeder bestimmte Einblick in den Zusammenhang dessen , was unter der Haut ist und vor sich geht , und da es sich nicht um eine unklare freche Skizzierung handeln konnte , die hier keinen Zweck gehabt hätte , so sah ich mich genötigt , den Stift wegzulegen . Das begab sich in einem Augenblicke , wo ich schon so manches Jahr der Kunst beflissen gewesen und einem ersten Abschluß zusteuern sollte . Ich hätte diesen Erfolg genau voraussehen können , eh ich den Stift angesetzt , und wie ich nun , die Hände im Schoß , über meine Torheit nachsann , wunderte ich mich darüber , daß ich einst nicht die Darstellung des Menschen zum Berufe gewählt hatte anstatt seines bloßen landschaftlichen Wohn- und Schauplatzes . Und als ich über diese unheimliche Zufälligkeit weiter nachdachte , verwunderte ich mich aufs neue , wie es überhaupt möglich gewesen sei , daß ich , noch in den Kinderschuhen stehend , meinen unberatenen Willen so leicht habe durchsetzen können in einer das ganze lange Leben bestimmenden Sache . Ich war noch nicht über die Jugendidee hinaus , daß eine solche Selbstbestimmung im zartesten Alter das Rühmlichste sei , was es geben könne ; allein es begann mir jetzt doch unerwartet die Einsicht aufzugehen , das Ringen mit einem streng bedächtigen Vater , der über die Schwelle des Hauses hinauszublicken vermag , sei ein besseres Stahlbad für die jugendliche Werdekraft als unbewehrte Mutterliebe . Zum ersten Male meines Erinnerns ward ich dieses Gefühles der Vaterlosigkeit deutlicher inne , und es wallte mir augenblicklich heiß bis unter die Haarwurzeln hinauf , als ich mir rasch vergegenwärtigte , wie ich durch das Leben des Vaters der frühen Freiheit beraubt , vielleicht gewaltsamer Zucht unterworfen , aber dafür auch auf gesicherte Wege geführt worden wäre . Indem ich bei dieser Vorstellung von Sehnsucht und Widerspruch , von einem mir unbekannten , aber süßen Gefühle des Gehorsams und trotziger Freiheitslust gleichzeitig erglühte , suchte ich die mir fast gänzlich verwischte Gestalt heraufzuführen , vermochte es aber im Wogen der Gedanken zuletzt nur durch das Auge der Mutter , wie sie den Abgeschiedenen im Traume gesehen . Im Verlaufe der Zeit hatte sie nämlich wiederholt , aber immer nur nach jahrelangen Unterbrechungen , vom Vater geträumt , vielleicht zwei oder drei Male , gleichsam zum Wahrzeichen , wie selten solche geheimnisvolle Lichtblicke tiefsten Glückes uns vergönnt sind . Jedesmal aber hatte sie am Morgen das Begebnis , das nach langem Ausbleiben so unerwartet gekommen , mit dankbarer Freude erzählt und die Art und Weise der Erscheinung beschrieben . So war es ihr einst im Schlafe ,