ernstlichen Vorwurf machen sollte , war im Grunde unmöglich . Hatte er sich doch selbst sehr früh auf die eigenen Füße gestellt und an dem einmal entworfenen Lebensplan mit zäher Hartnäckigkeit festgehalten . Daß ich mich aber zum Arbeiter gemacht , konnte in den Augen eines Mannes , dessen Herz so warm für die Armen schlug , der sein ganzes Leben den Armen und Elenden geweiht hatte , gewiß kein Verbrechen sein . Der Grund seines Zornes mußte also irgendwo anders liegen , und nach langem Grübeln brachte ich heraus , daß jenes Bild Paula ' s , auf welchem ich als Richard Löwenherz figurirte , der erste Anlaß des Streites gewesen war . Hatte er es übel genommen , daß Paula an ihrem Modell festgehalten ? gönnte er mir nicht die Ehre , von Paula gemalt zu sein ? ärgerte er sich , daß jenes Bild nicht in seinen Besitz , sondern in die Hände eines ihm so verhaßten und verächtlichen Mannes , wie des Commerzienraths , gekommen war ? Das Alles waren wohl aufzuwerfende Fragen ; zuletzt entschied ich mich doch für die dritte Annahme , und zugleich dafür , daß ich , bevor ich heute Paula aufsuchte , das Streitobject sehen müsse . So machte ich mich denn gegen Mittag auf , in das Academie-Gebäude zu gehen , in dessen Sälen schon seit Wochen die große Gemälde-Ausstellung aufgestellt war . Es war meine erste Bekanntschaft mit einem derartigen Schauspiel . Was ich bis jetzt an Bildern gesehen , beschränkte sich auf die wenigen alten , eingedunkelten Heiligenbilder in den Kirchen meiner Vaterstadt , die Kupferstiche und Familienportraits in dem Hause des Directors , und endlich die Bilder , welche ich unter Paula ' s Händen hatte entstehen sehen . Dennoch , da ich das Wenige wieder und wieder mit innigstem Ergötzen betrachtet und wieder betrachtet und gewissermaßen studirt , und vor allem , da ich jahrelang der Zeuge des Schaffens einer wahren Künstlernatur gewesen war , hatte ich vielleicht , wenn nicht mehr , so doch gewiß nicht weniger Empfindung für das Schöne , als die Hunderte , die durch die Säle der Kunstausstellung wogten . Ich kann das Gefühl nicht beschreiben , mit welchem ich , bald der Menge folgend , bald von ihr geschoben , bald für mich allein durch die hohen Hallen schweifte . Ich hatte so etwas nicht nur nie gesehen , ich hatte es auch für unmöglich gehalten . Gab es denn so viel Menschen , die mit Pinsel und Farbe umzugehen wußten , daß die Wände in diesem Labyrinth von Sälen von oben bis unten mit den Schöpfungen ihres Fleißes bedeckt sein konnten ? und war die Welt so reich ? Blaute wirklich über sonnigen Meeresbuchten des Südens ein so glänzender Himmel ? Wuchsen schneebedeckte Alpen so majestätisch in den lichtdurchströmten Aether ? Dämmerte es so schaurig in den tannenüberragten Schluchten heimischer Berge ? Flatterten so unendliche Vögelschaaren über den breiten Wassern afrikanischer Ströme ? Hoben sich die Paläste italienischer Städte so glanzvoll aus engen Kanälen , über welche die schwarzen Gondeln huschen ? Gab es Säle in fürstlichen Gemächern , deren Marmorböden die Prunk-Möbel und die Gestalten der darüber hin Wandelnden so klar wiederspiegelten ? Ja , es gab das Alles , was ich hier erschaute , und noch viel mehr , was meine angeregte Phantasie hinzuträumte . Denn je länger ich wandelte und schaute und stand und bewunderte , desto stärker kam die Empfindung über mich , als hätte ich dies Alles irgend wann schon einmal gesehen , ja , so genau gesehen , daß ich den Künstlern sagen konnte , was sie recht gemacht , und wo sie hinter der schönen Wirklichkeit weit zurückgeblieben seien . Manchmal gerieth ich ordentlich in Zorn über den dummen Maler , der so schlecht gesehen , und das schlecht Gesehene noch dazu so dürftig wiedergegeben hatte . Ich war mit einem Worte in kürzester Frist ein vollkommener Kenner der edlen Malerkunst geworden , nur daß ich vielleicht nicht immer zu sagen wußte , wie der Mann es hätte anfangen müssen , damit sein Werk besser geworden wäre ; aber vielleicht qualificirte ich mich dadurch ganz besonders zum Kritiker . So mochte ich wohl eine Stunde durch die Säle gewandert sein , als ich , in einen der letzteren , welcher sich durch ein schönes , starkes Oberlicht auszeichnete , tretend , heftig erschrak . Ueber die Köpfe der den Saal erfüllenden Menschenmenge weg , glaubte ich mich selbst zu erblicken . Und ich war es auch selbst , zum wenigsten mein Conterfei auf Paula ' s Gemälde , dem Gemälde , um dessen willen ich gekommen war , und nach welchem ich bis jetzt vergeblich ausgeschaut hatte . Eine ungewöhnlich dichte Gruppe hatte sich vor demselben versammelt und schaute eifrig mit , wie es schien , bewundernden Mienen zu dem Werke der Freundin empor , und : ach ! wie reizend , wie entzückend ! wie tief empfunden ! tönte es aus manchem schönen Munde . Es war doch eine sonderbare Sache , mich da vor allen Leuten in einem leichten linnenen Gewande auf einem Bette , mit einer seidenen Decke kaum verhüllt , liegen zu sehen ! Das Blut stieg mir in ' s Gesicht ; ich meinte , die Leute müßten sich jeden Augenblick von dem Bilde zu mir wenden , das Original mit dem Conterfei zu vergleichen . Aber es mag schwer sein , zu einem sageverherrlichten , kranken König Richard mit dem Löwenherzen auf einem Ausstellungsbilde das Original zu entdecken in einem großen , gesunden , jungen Menschen in sehr schlicht bürgerlicher Tracht , der ein paar Schritte davon sich in eine Ecke drückt . Zum wenigsten machte keiner die Entdeckung , und ich konnte mich ruhig der Betrachtung des Gemäldes hingeben . Jetzt erst bemerkte ich , daß dasselbe von einer größeren Dimension war , als die Untermalung , welche ich kannte . Es war in der That ein neues Bild , das während der Zeit ,