fort , nein , nicht fort , nicht um Alles in der Welt ; ich weiß es nicht : ich glaube , ich möchte am liebsten sterben . Oswald rieth hin und her , was denn nur die Ursache dieses sonderbaren Zustandes sein möchte ; aber wie nahe er auch manchmal der Wahrheit kam , den eigentlichen Kern des Geheimnisses , das der Knabe in der tiefsten Tiefe seines Herzens vor Jedem , vielleicht vor sich selbst , scheu verbarg , entdeckte er doch nicht . Er tröstete sich mit dem Gedanken , daß ja die Zeit des Uebergangs aus dem Knaben- in das Jünglingsalter für Alle eine Periode innerer und äußerer Stürme zu sein pflege , und daß bei so mächtigen Naturen , wie Bruno , die Revolution verhältnißmäßig gewaltiger sein müsse . Er hatte oft mit Bruno über Verhältnisse gesprochen , die dem erschlossenen Auge nicht länger verborgen bleiben können , denn er hielt es für die heilige Pflicht eines Erziehers , gerade in diesem Punkte der wühlenden Neugier , dem grübelnden Scharfsinn des Neophyten entgegenzukommen , und ihm die Thür zum Heiligthum der Natur lieber zu erschließen , als zuzugeben , daß der Jünger durch Schuld zur Wahrheit gelange . Er wußte , daß Bruno ' s Sinn edel und sein Herz rein . Er war nach dieser Seite hin vollkommen ruhig ; er ahnte nicht , daß Bruno , edel und rein wie er war , mit allen Kräften seiner starken Seele , mit der ganzen Gluth der eben erst erwachten Sinnlichkeit , mit der stummen Verzweiflung einer ersten Leidenschaft , die keine Erwiederung findet und finden kann , seine schöne Cousine liebte . Er hatte Helene nie vorher gesehen . Als er vor drei Jahren etwa in das Haus seiner Verwandten kam , war das junge Mädchen schon in der Pension . Es wurde selten in der Familie von ihr gesprochen , und vielleicht erregte gerade dies und noch mehr der Umstand , daß , wenn man von ihr sprach , es meistens in sehr kühlen Ausdrücken geschah , Bruno ' s Aufmerksamkeit . Der Verlassene ahnte in der Verbannten eine Leidensgefährtin . Nach und nach gestaltete sich für ihn das sehr undeutliche Bild der Entfernten zu einer Art von Ideal , einem Inbegriff von allem Schönen und Herrlichen , das seine reiche Phantasie erträumte . Der Name Helene , in dessen weichem Klang er sich berauschen konnte , wie in dem Duft der Hyacinthe , trug nicht wenig dazu bei , ihm diese Gestalt seiner Einbildungskraft lieb und theuer zu machen . Dann waren auch Zeiten gekommen , wo er dem Cultus der schönen Unbekannten untreu geworden war , wo er in Tante Berkow den höchsten , vollendeten Ausdruck des » ewig Weiblichen « zu erkennen glaubte , wo er sich durch ein freundliches Wort Melitta ' s , für ein : Du lieber Junge ! für ein Streicheln seiner Haare von ihrer lieben weißen Hand unbedenklich in jede Todesgefahr gestürzt haben würde . Gerade in der ersten Zeit von Oswald ' s Anwesenheit in Grenwitz hatte seine Liebe zu Tante Berkow in der Blüthe gestanden . Melitta ' s um ein paar Jahre jüngeren Knaben hatte er ebenso wie einen jüngeren Bruder behandelt , wie ihm die jugendlich schöne Mutter oft nur wie eine ältere Schwester erschienen war . Da Melitta gerade in jener Zeit häufig nach Grenwitz herüberkam , und Bemperlein , um seinem Julius Gesellschaft zu verschaffen , den Umgang der Knaben auf ' s eifrigste protegirte , so fehlte es Bruno nicht an Gelegenheit , Tante Berkow zu sehen , ihr hundert kleine Pagendienste zu leisten , ihr in den Sattel zu helfen , Bella oder Brownlock eine halbe Stunde umher zu führen , mit der Reitpeitsche , dem Federhut und den Handschuhen hinter ihr zu stehen , wenn sie danach fragte . Tante Berkow war in dieser Zeit sein drittes Wort , und Oswald hatte es sich gern gefallen lassen , wenn ihm Bruno lange Geschichten erzählte , in denen Tante Berkow immer die erste Rolle spielte . Melitta hatte vielleicht nicht wenig dazu beigetragen , daß Bruno in Monaten ein Stadium der Entwickelung zurücklegte , zu welchem weniger feurige Naturen fast eben so viele Jahre brauchen . Sie hatte sich in ihrer Harmlosigkeit des Irrthums schuldig gemacht , zu glauben , daß sie einen Knaben , der schon beinahe Jüngling war , noch als Kind behandeln dürfe , daß sie sich mit ihm kleine Freiheiten erlauben könne , die schon in ganz kurzer Zeit ganz große Freiheiten gewesen sein würden . Sie hatte nicht bedacht , daß die Sinnlichkeit in dieser Zeit ein Schlaf in der Morgendämmerung ist , den die leiseste Störung verscheuchen kann ; daß die Begierde in dieser Periode wie ein Feuer ist , das in grünem Holze langsam fortglüht und bei dem geringsten Windstoß in heller Lohe emporflammt . Sie würde außer sich gewesen sein , wenn man ihr gesagt hätte , daß sie in aller Unschuld einer Unschuld gefährlich gewesen sei . Und doch war es der Fall . Melitta selbst sah zuletzt ein , daß sie Bruno nicht länger , wie sie es bisher gethan , mit Julius oder auch nur mit Malte auf eine Stufe stellen dürfe ; und wenn sie jetzt » von den Knaben « sprach , so meinte sie damit vorzüglich die beiden letzteren . Sie hatte angefangen , Bruno wie einen Freund , wie einen jungen Bruder zu behandeln , wie einen Pagen , den man noch halbe Frauendienste thun läßt , von dem man aber weiß , daß man sich im Fall der Noth auf sein muthiges Herz und seinen starken Arm verlassen könnte . Und in der That , ein Kenner würde in einem Ringkampf , in irgend einer athletischen Uebung unbedingt auf Bruno gegen viel ältere und scheinbar gefährlichere Gegner gewettet haben . Die classische Statue eines Merkur , oder jugendlichen Bacchus konnte nicht zarter gegliedert , nicht ebenmäßiger geformt sein , als Bruno