zu Füßen liegen . Weicht man von ihr ab , kommt selten ein glückliches Verhältnis dabei heraus . « Unwillkürlich tauchte jener Moment in seinem Gedächtnis auf , als Corona mit der Liebe der Engel vor ihm gekniet und ihn gebeten hatte , seine Seele zu retten . Diese Erinnerung kam zu höchst ungelegener Zeit , denn Orest war längst über den Punkt hinweg , wo noch ein Kampf zwischen dem Guten und Bösen geführt wird und wo folglich eine heilsame Erinnerung die gute Sache kräftigen kann . Jetzt störte sie ihn nur und er rief : » Wie sehr verstehen Sie sich auf weibliche Würde und auf die richtige Behandlung des männlichen Charakters ! Sie sind geschaffen , um angebetet zu werden und deshalb ist es mir eine quälende Vorstellung , Sie durch meine unglücklichen Verhältnisse in eine Menge von Verdrießlichkeiten zu stürzen . « » Was steht mir denn eigentlich bevor ? « fragte sie . » Nun , zuerst und auf jeden Fall müssen Sie sich taufen lassen , arme Judith . Dem höchsten Wesen , das von uns verehrt wird , ist es selbstverständlich äußerst gleichgültig , in welcher Religionsform der Mensch diese Verehrung kund gibt . Da aber in Europa die christliche so vorherrschend ist , daß sich die bürgerliche Gesetzgebung großenteils auf dem Boden ihrer Gesetze entfaltet hat : so sind gewisse Bedingungen für gewisse Verhältnisse unumgänglich zu erfüllen , um diese giltig zu machen ; und dazu gehört , daß die Ehe von Christen eingegangen werde . « » Orest ! « sagte Judith finster , » es ist mir in meinem Leben noch kein Christ vorgekommen , der besser , edler , reiner gewesen wäre , als ein Jude . Ich nehme Ernest aus . Muß ich also eine christliche Religionsform annehmen : so wünsche ich , daß es die katholische sei , denn er war Katholik . « » Das muß sich nach den Umständen richten , teure Judith . Die katholische könnte uns Verlegenheit bereiten . Es wird sich herausstellen , was Sie zu wählen haben : ohne Taufe geht es nicht ! « » Wohlan , Orest ! Sie bringen Ihre Opfer und ich werde das meine bringen . Aber es ruft in mir eine fürchterliche Erinnerung wach . Ich hatte eine ältere Schwester , ein so schönes , liebenswürdiges , talentreiches , gutes und kluges Mädchen , daß sie ihren königlichen Namen Esther zu tragen verdiente . Es war in Paris und ich damals noch zu jung , um in die Welt zu gehen . Ein junger Mann aus einer vornehmen Familie faßte eine heftige Neigung zu ihr , die sie leider ! erwiderte . Da er von seiner Verbindung mit ihr sprach , so erklärte er , es könne nicht mit einer Jüdin geschehen und sie müsse sich taufen lassen und Christin werden . Esther und meine Eltern willigten ein . Esther wurde Christin ; aber die Ehe fand nicht statt ! ich habe nie dies traurige Geheimnis ergründet ; aber ich weiß , daß der Christ sich von Esther zurückzog , sich auf eine diplomatische Mission begab und daß Esther am gebrochenen Herzen starb , während einige Herren und Damen dann und wann bei ihr erschienen , welche sich um ihre Taufe und um den Unterricht , der dabei stattfinden mußte , bekümmert hatten - und welche ihr immer die Bibel empfahlen . Die müsse sie lesen und glauben müsse sie , daß sie durch den Tod Christi vor Gott gerechtfertigt sei . Und wenn die arme Esther versicherte : das glaube sie sehr gern und von ganzem Herzen ; aber sie sterbe vor Gram und ein Buch könne sie nicht trösten , nicht beruhigen ; so gab man ihr zur Antwort , dann fehle ihr der rechte Glaube und sie möge nur Sonntags in die Predigt gehen . Sie tats einige Male ; aber sie kam stets traurig zurück und sagte mir zuweilen : Ach Judith ! das ist keine Religion für ein schwaches leidendes Mädchenherz ! da ist kein Stab , um es zu stützen , da ist keine Kraft , die ihm überwinden hilft , da ist kein Balsam , der seine Wunden heilt ! Nun , sie grämte sich zu Tode , die arme , geliebte Esther ! bei neunzehn Jahren sank sie in ' s Grab - ganz das , was die Dichter nennen : eine geknickte Rose . Mir aber hat ihr Schicksal etwas Hartes gegeben , Eisen ums Herz . Ich trat nach zwei Jahren in die Welt ein , mit Haß und Groll gegen eine Welt , in welcher für ein Wesen wie Esther kein Platz war ; mit Haß und Groll gegen die Christen , von denen einer ihren Tod auf dem Gewissen - und keiner sie getröstet hatte . Was sind das für Diener und Lehrer einer Religion , die damit trösten wollen , daß sie sprechen : Lies die Bibel ! Sei sie geschrieben von Gott und seinen Heiligen - ich wills glauben ! aber jeder Leser macht die Deutung , die Anwendung nach dem Maß seines Geistes und trägt folglich seine Leidenschaften , seine Neigungen , ja sein ganzes Ich in deren Verständnis hinein ; und was hat er dann gewonnen ? Vielleicht die Wahrheiten , die er eben finden will . Aber ist das die Wahrheit , welche die Offenbarung verkündet ? Ach , es wäre mir entsetzlich , wenn ich protestantisch werden müßte , jetzt , da die Erinnerung an Esther mir so lebendig geworden ist ! Ach , Orest , dies ist eine schlimme Vorbedeutung ! Auch ich werde unglücklich werden und trostlos dahin schmachten ! « Tränen standen in Judiths Augen und die tiefste Bewegung malte sich in ihren Zügen . So gewaltig war die Erschütterung , die ihr junges Herz durch das Schicksal der Schwester erfahren hatte , daß sie noch jetzt , nach mehr als zehn Jahren in die schmerzlichste Aufregung geriet . Orest aber , der nie