Opfer gebracht haben ... Endlich standen beide vor einem freundlichen , mit einer Inschrift gezierten Hause . Löb Seligmann versprach mit dem holdseligsten Nicken aus den Palissaden seiner Vatermörder und dem schwarzwolligen Wulst seines üppigen Haarwuchses und einem seit einigen Tagen nicht besonders gründlich rasirten Barte heraus , in spätestens einer Viertelstunde hier wieder an der Thür zu stehen und auf Treudchen ' s Rückkehr zu warten ... Er selbst zog die Klingel . Einem öffnenden Knaben trug er das Anliegen Treudchens vor . Er traf den Ton für alles , was sich hier schickte ; er kannte jeden Weg , wie er betreten werden und jede Thür , wie man an sie klopfen mußte . Selbst die deutsche Sprache handhabte er seiner Meinung nach in diesem Augenblick vollkommener als Treudchen , deren Rede er unterbrach und ihre Berechtigung , hier eingelassen zu werden , gleichsam in die Sprache übersetzte , die derjenige nicht kennen konnte , der noch nie aus Kocher am Fall so herausgekommen war , wie er . Der Knabe führte Treudchen zum Inspector ... der Inspector führte sie zu ihren drei Geschwistern , zwei Knaben und einem Mädchen ... Alle drei sprangen ihr herzlich und heiter entgegen ... Wie rasch entflieht dem Kindersinn ein herbes Leid ! Weckten wir es nicht durch unser eigenes Bedauern und fragten einen solchen kleinen Nachlaß : Weißt du auch , was du verloren hast und denkst daran und weißt wo deine Mutter ist ? solche nach Luft und Licht und Wachsthum strebenden Keime vergäßen bald nach unserm Gefühl zu antworten ... Wie tummelte sich das schon im Hof und lärmte und regierte schon die Welt im Soldatenspiel ... Und drüben bei den Mädchen war das ein Murmeln und Summen und Plaudern beim Stricken ... und wie bewährten sich die angebornen Gattungstriebe ! Liebe und Abneigung schon nach vierundzwanzig Stunden , Verschwörungen schon und Bundesgenossenschaften ... neckte die , so hatte sie an jener einen Widerpart und diese wieder eine Gegnerin an einer andern ... Nichts blieb ohne Angriff , nichts ohne Beistand ... Ja , Treudchen fand , daß die Geschwister in ihr neues Dasein schon wie eingeboren waren ... Läutete es , dann wußte jedes , was es bedeutete ... bald rief die Glocke zum Frühstück , bald zum Mittagessen , bald in die Kapelle , bald auf die Schulbank ... ein geregeltes und in sich begnügtes Leben das ! Lucinde sagte Treudchen und den Kindern gleich : » Bliebe es euch nur immer so , ihr Armen ! Und läge der Nachtheil der Waisenhauserziehung nicht gerade in der Unmöglichkeit , im Leben künftig dieselbe Regelmäßigkeit zu haben ! Dem Dasein gegenüber , wie es ist , ist sogar schon solche Ordnung eurer Jugend - ein vollständiger Luxus ! Wer auch nur alle Tage das hat , was er begehrt und bedarf , wird selbst bei Wasser und Brot wie ein Prinz erzogen ! ... « Lucinde gedachte ihrer verkommenen Brüder . Schon wollte Treudchen , da die Freistunde vorüber war , nach herzlichen Mahnungen und Danksagungen an den Herrn Inspector wieder gehen ... Da kam auf sie zu eine der Nonnen , die hier die Erziehung leiten helfen . Es war eine Karmeliterin in braunem Rock und schwarzem Ledergürtel . Sie war in mittlern Jahren , sehr sauber , sehr rührsam . Daß ihr Treudchen die Hand küßte , lehnte sie fast ab und ergriff theilnehmend die ihrige . Sahen Sie denn auch alles ? fragte sie und führte Treudchen in den Räumen auf und nieder und zeigte ihr die Plätze , wo die Kinder ihre mitgebrachten Habseligkeiten untergebracht hatten . Sie versicherte , daß diese Geschwister ihr schon fast die Liebsten wären und daß auch sie Mutter Beaten schon in ihre Herzen eingeschlossen hätten . » Mutter Beate « war der Name der Schwester ... Treudchen ' s Herz klopfte hörbar . Nach den Reden der Frau Delring überkam sie fast eine Furcht , sich offen auszusprechen oder zu lange im Gespräch zu verharren mit dieser so zuthulichen Klosterjungfrau ... Und wahrhaft überrascht war sie , als Schwester Beate von ihrem Dienst bei den Kattendyks und ihrer frühern Bestimmung für die Frau Hauptmännin von Buschbeck schon wußte . Diese Unglückliche , sagte sie , ist auf so ruchlose Weise ums Leben gekommen ! Aber die ewige Gerechtigkeit wird den Mörder gewiß schon der zeitlichen überliefern ! Sie wird den Elenden auffinden lassen , der auch den Armen und Nothleidenden eine Freundin raubte ! Ei ! Wie können Sie sagen , Kind , daß es ein Glück war , daß der Himmel Ihnen eine andere Bestimmung gab ! Vielleicht hätte Ihre Anwesenheit die That ungeschehen gemacht ! Verlassen von aller Welt , mußte die Aermste wol ein Opfer der Habsucht und Mordlust werden ! Kind , Kind , fürchten Sie sich denn vor einer Gefahr , die im Gefolge einer Pflicht liegt ? Treudchen sah verwirrt zur Erde . Ihre Wangen erglühten . Sie , die schon im Leben so viel erduldet , stand jetzt , wie sie gleich heute früh geahnt hatte , wie ein Wesen da , das nur an ihre eigene Sicherheit zu denken vermochte . Es war ein Feuerbrand in ihr Herz geworfen , sich sagen zu müssen : Wärst du weniger furchtsam gewesen , weniger gläubig den Versicherungen deiner Gönnerin Lucinde gefolgt , diese unglückliche Frau lebte vielleicht noch ! Freundlicher jedoch geworden , als sie die Wirkung ihrer harten Worte bemerkte , unterhielt sich Schwester Beate jetzt wieder im Wandeln mit Treudchen , fragte nach ihren sonstigen Lebensverhältnissen und vervollständigte das , was sie alles sonderbarerweise bereits wußte . Als Treudchen schon gehen wollte und die Hand der Nonne ergriff , sie aufs neue zu küssen , forderte Schwester Beate sie auf , in ihrem Kloster sie zu besuchen ... es läge dicht am Waisenhaus nebenan und wäre mit ihm durch einen geschlossenen Gang verbunden und sähe mit der Vorderfronte der zum Kloster gehörigen Kirche auf den Römerweg hinaus . Treudchen gedachte