Nu flog das kleine , elegante Fuhrwerk davon . Dankmar sah ihm lange nach . Einen Zusammenhang mit dem todtenstillen Palais und dieser nach den Fenstern hinaufforschenden eleganten verschleierten Dame konnte er sich nicht herstellen .... Aber noch etwas Anderes schien ihm abenteuerlich . Als er seine Schritte beschleunigend an der einsamen Gartenmauer des Palais entlang ging und bald an ihr vorüber war , um in sein Straßenviertel einzulenken , hörte er einen wunderschönen , männlichen Gesang vom Garten her . Er blieb stehen .... Der Sänger mußte dicht unter den Fenstern des Palais , die nach hinten gingen , seinen Stand haben , so entfernt klangen die Töne und doch war es ihm , als unterschiede er deutlich , daß dies Lied nicht deutsch war . Es quoll aus tiefer Brust und hatte etwas Melancholisches und dabei wieder Scherzendes , wie alle Volkslieder , selbst die der Franzosen . Denn französisch schien ihm die Weise . Nicht lange hatte der Gesang gedauert , als an dem wie ausgestorbenen Palais ein Lichtschimmer sichtbar wurde . Er beobachtete dies Alles durch ein Gitter , mit dem hier , wie an manchen Stellen , die Mauer unterbrochen war ... Ein Fenster hinterwärts erhellte sich . Die Bäume aber verhinderten ihn , zu sehen , wer es vielleicht öffnete oder an ihm erschien hinter den Vorhängen ... Bald verstummte der Gesang und bald erlosch das Licht . Es war wieder so still und finster wie vorher ... Zögernd machte sich Dankmar auf den Weg , nun wo möglich noch gespannter auf die Enthüllungen des folgenden Tages . Daheim endlich mußte er stark klingeln , bis ihm geöffnet wurde . Es war ein großes , von vielen Familien bewohntes , neues Haus , wo er seit längerer Zeit schon bei armen Vermiethern wohnte , die ihre ganze Habe in die Ausstattung zweier Zimmer mit zwei » Cabineten « verwandt hatten . Nach vielem Pochen und Klingeln erschien endlich seine Wirthin und sagte schon drinnen im Thorweg : Sie haben ja Ihren Schlüssel mit , Herr Wildungen ! Ich den Schlüssel ? dachte Dankmar . Aha ! Mein Herr Bruder wird gemeint sein . Sieh , sieh , der wäre noch nicht daheim ? So war es auch . Als die große Hausthür aufging , traute die Wirthin ihren Augen nicht , den jüngeren Bruder zu finden und nicht den Maler . Sind Sie ' s denn ? So spät ! rief sie , indem sie die Hausthür wieder zuschloß - Kaum angekommen , wieder wie weggeblasen ! Dankmar beschränkte sich auf die einfache Thatsache : Sehen Sie , Frau Schievelbein , nun bin ich wieder da , unter Ihrem Schutz , Ihrer liebenswürdigen Obhut . Was haben wir auf Sie gepaßt , sagte Frau Schievelbein , die eigentlich vor Dankmar immer Furcht hatte und mit Siegberten zutraulicher stand ; wir glaubten Wunder , was Ihnen widerfahren ist ! Ja , ja , Frau Schievelbein , sagte Dankmar , Wunder sind mir auch widerfahren ! Ist mein Bruder nicht zu Hause ? So spät ? Wo steckt er noch ? Damit waren sie erst eine Treppe hinauf . Seit Sie fort sind , Herr Dankmar , sagte Frau Schievelbein , sind Herr Siegbert fast jeden Abend aus - Sollt ' er sich fürchten , daß Hackert das Geld reclamirt ! dachte Dankmar für sich . Kein Geld angekommen ? sagte er dann laut ; kein Brief aus Angerode ? Keine Besuche ? Für Sie nichts , antwortete die Wirthin , die mit einer Nadel etwas den Docht ihrer Lampe heraufzog ; ein Brief für Herrn Siegbert liegt oben . Aha ! Wahrscheinlich der meinige aus Plessen ! dachte Dankmar . Aber Geld wird kommen , fuhr Frau Schievelbein fort , Geld wird viel kommen ; wissen Sie ' s denn noch nicht , das Bild ist ja verkauft ! Das Bild ist verkauft ? sagte Dankmar freudig . Gott sei Dank ! Wenn ' s nur wahr ist ! Daß Frau Schievelbein es bestätigte für ganz wahr und gewiß , konnte Dankmarn auch deswegen lieb sein , weil es ihm Muth gab , sich jetzt an die dritte Treppe zu machen ; denn auch die zweite führte noch nicht zum Ziele . Wer hat es denn gekauft , Frau Schievelbein ? fragte Dankmar . Der Verein , Herr Wildungen , ja , ja , der Herr , der so schlimm sein soll , der Herr Kunst - ich kann immer den Namen von dem Herrn nicht behalten . Aha , Herr Kunstverein , bei dem man einen Vetter haben muß , wenn er ein armes Talent in Nahrung setzen soll ! Derselbe ! Für Dreihundert Thaler hat ' s der Herr Bruder jetzt rundweg losgeschlagen - Für Dreihundert Thaler ! Arme Seele , die du ein Jahr über diesem Stoff geschmachtet hast , drei Vorskizzen machtest , einen Carton , doppelte Untermalung , zehn Übermalungen - gewiß , wir leben im Periklëischen Zeitalter . Dankmar mußte einen Augenblick stehen bleiben . Die geringe Summe that ihm doch weh , und - die dritte Treppe war noch nicht die letzte . Es gab noch eine vierte und diese führte nicht etwa auf den Boden , sondern wirklich erst in die bescheidene Wohnung der Brüder Wildungen . Freilich konnte Dankmar den Freunden und Bekannten , die bei ihren Besuchen über die vier Treppen fluchten und wetterten , immer sagen : Ich liebe meinen Bruder Siegbert zu sehr , als daß ich mich von ihm trennen könnte und mein Bruder ist ein Maler und Maler müssen gutes Licht haben ! Aber ebenso oft fühlte er doch selbst , daß hier aus der Nothwendigkeit eine Tugend gemacht wurde und im Stillen machte er schon lange gegen Frau Schievelbein das Complot , ob nicht auch mindestens drei Stiegen hoch irgendwo ein gutes Malerlicht aufzufinden wäre . War doch jetzt der Contrast seiner ebengespielten Prinzenrolle zu dieser bescheidenen Existenz im vierten Stock auch gar zu jäh und abspringend ! Die vierte