, die unter Fieberschauern jedem Worte lauschte . „ Nun ? “ fragte Leuthold . „ Versuchen Sie , es nicht mehr zu leugnen . Sie würden Ihre Sache nur verschlimmern — die Beweise Ihrer Schuld sind vorhanden . “ „ Wie so ? “ fragte Leuthold ruhig , denn er war sich bewußt , jedes Blatt Papier , das ihn verraten konnte , vernichtet zu haben . „ Am Abend Ihrer Flucht traf ein Brief von dem ehemaligen Kammermädchen Ernestinens ein , welches mit Ihnen die italienische Reise machte und schleunige Übersendung des Jahrgeldes fordert , um das sie schon mehrmals vergebens geschrieben . Sie wirft Ihnen vor , was sie für Sie , Herr Gleißert , getan , wie sie sich Nächte hindurch im Nachschreiben von Ernestinens Hand geübt habe , bis sie soweit gewesen sei , um Ernestinens Namen vor dem Notar mit vollkommener Ähnlichkeit zu unterzeichnen . Kurz , der Brief enthüllte genügend , daß Sie auch den italienischen Notar täuschten , daß Sie die Person sowie die Schrift Ernestinens durch diese Kammerfrau nachahmen ließen , um die Urkunde aufzusetzen , derzufolge die Obervormundschaft das Vermögen des Fräuleins ausbezahlen mußte . “ Leuthold stand leichenblaß und stumm vor dem jungen Manne . Hilsborn sah , daß etwas Furchtbares in ihm vorgehen mußte . „ Ich sage Ihnen das nicht , um Sie zu beschämen oder Ihre Angst zu erhöhen , ich will Sie nur warnen , “ fuhr er fort , „ damit Sie nicht durch ein falsches Verteidigungssystem Zeit verlieren und vielleicht auch doch die Teilnahme der Geschworenen verscherzen , die nie fehlt , wo ein Mann von Ihrer Bildung ein reumütiges Bekenntnis ablegt . “ Um Leutholds Lippen zuckte es seltsam bei diesen wohlgemeinten Worten : „ Hat man etwa Schritte getan , sich der Person des Kammermädchens zu versichern ? “ fragte er in einem Tone , als wolle er fragen , „ Wie lange lebe ich noch ? “ „ Professor Möllner hat sogleich auf Fahndung angetragen und kurz vor meiner Abreise kam von O … , dem jetzigen Wohnorte des Mädchens , die telegraphische Anzeige von dessen Verhaftung . Auch an den Notar wird eine Zeugenvorladung ergehen . Seien Sie sicher , daß , wie Ihre Verfolgung nach allen Seiten mit größter Vorsicht eingeleitet worden ist , auch keine Maßregel versäumt werden wird , die Ihre Überweisung herbeiführen kann . Glauben Sie mir : Alles , was Ihnen bleibt , um Ihre Tage zu verbessern , ist , das Mitleid der Geschworenen zu gewinnen . “ „ Ich danke Ihnen ! “ sagte Leuthold . Gretchen hielt sich krampfhaft am Fensterkreuz . Sie hatte mehr verstanden , als Hilsborn wollte . — Da unten rauschte noch die Alster , funkelten die Lichter und in die fürchterliche Stille , die jetzt eingetreten war , tönten noch die Walzermelodien vom Pavillon herüber . War es denn möglich , daß da draußen Alles war wie vorher , und sie hatte doch ein Gefühl , als sei die Welt in Stücke gegangen ? Wieder öffnete sich die Tür und mehrere Gestalten wurden sichtbar . Gretchen verschwamm alles vor den Augen , ihr Herz pochte , als wäre jeder Schlag ein Todesstreich . Ein Kommissar trat ein . „ Sie verzeihen , “ sagte er zu Hilsborn , „ ich kann nicht länger warten . “ Leuthold blickte durch die Tür . Zwei Gerichtsdiener waren draußen . Auch der Oberkellner und Bertha . Aber was war das ? Immer mehr Gestalten tauchten auf in dem hellerleuchteten Vorplatze — es waren die Gäste des Hotels , neugierig , die Verhaftung zu sehen . Durch alle diese gaffenden , lachenden Menschen sollte er hindurch geführt werden ? Er , der sein ganzes Leben lang bei allen Verbrechen doch immer den Schein bewahrt hatte — er sollte jetzt im eigentlichen Sinne des Wortes an den Pranger gestellt werden , wie ein Dieb von Polizeidienern geführt den hellen Korridor entlang die Treppen hinabschreiten ? Und unten harrte seiner natürlich auch schon eine schaulustige Menge . Und wenn er in N * * ankam , wieder eine — er sollte nun keinen andern Weg mehr gehen , als durch Reihen neugieriger Gesichter , von Verhör zu Verhör , von Schande zu Schande geschleppt werden — er , der immer für einen anständigen Mann gegolten , — bis er endlich in die Zwangsjacke des Zuchthauses oder eines Irrenhauses hineingequält war ? Er überlegte nicht mehr , er wandte sich ein wenig um , nur ein wenig . Er zog ein kleines Pulver aus der Tasche — er brauchte nur einen Augenblick , Niemand bemerkte es . Was war es weiter ? Es war ja so leicht , ein Pulver zu nehmen — viel leichter , als da hinaus in den hellen Korridor unter die murmelnden , wartenden Menschen zu treten und von da weiter bis in den Gerichtssaal , bis zur Strafarbeit ! Noch eine Sekunde — das Pulver war geschluckt . — Es war sehr bitter , er mußte ein Glas Wasser trinken , um den entsetzlichen Geschmack von der Zunge zu bringen . Als dies geschehen , trat er zu Gretchen , die mit verhülltem Gesicht auf den Knien lag : „ Gretchen , “ sagte er dumpf — „ vergib Deinem unglücklichen Vater ! “ „ Vater ? Allmächtiger Gott , ich habe keinen Vater mehr ! “ brach es aus dem gemarterten Kinde hervor . Leuthold sah sie an mit brechendem Blick . „ Ich bin — gerichtet ! “ war Alles , was er sagen konnte . Dann wandte er sich an die Polizeibeamten : „ Meine Herren , in einem Augenblick wie dieser wird es wohl am Platze sein , daß ein Vater für die Zukunft seiner Hinterbliebenen sorgt . Ich bin kränklich und fühle mich als ein übernächtiger Mann ! — Für den Fall meines Ablebens bestimme ich daher vor allen diesen Zeugen Herrn Professor Hilsborn zum Vormund meiner Tochter , da meine mich überlebende