. Ich glaubte , Beschäftigung werde ihn am ersten wieder zum Gefühle seiner selbst bringen , und äußerte ihm diese Meinung . Er ergriff sie mit Leidenschaft und rief : Du hast das Wahre getroffen . Beschäftigung mangelt mir . Gibt es nicht manches , was einem die bösen Träume verscheuchen mag : Philosophie , Religion , Kunst , Staatswissenschaft ? Versuchen wir es mit diesen erhabnen Mächten und Geistern der Zeit , deren einer uns gewiß hülfreich sein wird ! Ich hatte leider mit meinem wohlgemeinten Worte nur den Punkt berührt , der die Krisis zum Ausbruch bringen mußte . Es begann eine Zeit , an welche ich mich nicht gern erinnre , denn ich mußte in ihr wahrnehmen , ohne helfen zu können , wie die Seele eines Freundes sich jammervoll auflöste . Er eilte in die Kirchen , schrieb Predigten nach , saß zu den Füßen des Philosophen und las in dessen Büchern bis spät in die Nacht . Er durchstrich die Säle der Galerie ; studierte Kunstgeschichte , ging die Staatsmänner seiner Bekanntschaft um praktische Arbeiten an , die sie ihm auch , seinen Zustand bemitleidend , wenigstens zum Schein gewährten . Aber alle diese religiösen , philosophischen , ästhetischen und praktischen Aufspannungen , welche mit einer stürmischen Hast , ja mit Wut betrieben wurden , konnten dem Geängstigten , Versinkenden keinen Anhalt geben . Noch sind Zettel von ihm aus jener Periode übrig , worin er die rührendsten und zerreißendsten Klagen dem Papiere vertraut . Ach , ruft er in einer dieser Ergießungen aus , dem befleckten Gemüte steht alles fern ! Gott und die Natur , Schönheit und Wahrheit , Staat und Menschenwohl schweben dem ausgeleerten , öden Geiste , wie dünne Schatten vorbei , welche er nicht zu fassen , an denen er sich nicht anzuklammern vermag ! So sich abarbeitend , die Kräfte gegeneinander treibend , verfiel er nach und nach in den Zustand , wo nun alles ruht und tot ist , den wir trauernd anschaun , worin wir ihn duldend unter uns wandern lassen , und von dem wohl keine Heilung zu erwarten ist . « Nachdem Wilhelmi mir diese Eröffnungen gemacht hatte , beobachtete ich den Unglücklichen in allen Stunden , welche meine öffentlichen Geschäfte mir frei ließen . Hier wurde mir die seltenste und bedauernswerteste Geisteskrankheit sichtbar , die ich je wahrgenommen habe . Hermann war körperlich gesund . Die Blässe seines Antlitzes , die Mattigkeit seiner Augen hinderte nicht , daß alle Lebensfunktionen bei ihm den natürlichen , regelrechten Gang nahmen . Er aß und trank hinreichend , seine Füße trugen ihn auf meilenlangen Wandrungen , die er in der Umgegend anzustellen pflegte , ohne daß bei der Heimkehr eine Erschöpfung an ihm zu verspüren gewesen wäre ; er schlummerte tief und ruhig . Auch war er keinesweges wahn - oder blödsinnig ; er las viel , hörte Gesprächen von allgemeinerem Interesse gern zu , und ließ seine Bemerkungen vernehmen , die immer verständig , zuweilen scharfsinnig , hin und wieder selbst tief waren . So gab er einst , da wir viel über Schicksal und Selbstbestimmung geredet hatten , den Begriff der Freiheit dahin an , daß sie die Form der Notwendigkeit sei , und führte diesen Satz auf eine Weise durch , welche uns alle in Erstaunen setzte . Dennoch war er im Kerne des Seins gestört , ja getötet . Das Leben , welches in Freude und Leid , in Begehren und Verabscheuen , in Liebe und Haß , in den Wechselbeziehungen zu unsern Nebenmenschen besteht , war in ihm durch eine schreckliche Erinnrung ausgelöscht . Er weinte und lachte über nichts , ein stehendes gleichgültiges Lächeln machte seine Züge zur Maske . Er wollte nichts , und wendete sich von nichts hinweg , er hatte keinen Freund und keinen Feind , die besondern Verhältnisse andrer waren für ihn so wenig vorhanden , als seine eigenen , mit einem Worte : Das Individuum schien in ihm völlig untergegangen zu sein . Nur allgemeine Gedanken und Vorstellungen nahm diese Seele , wie ein leeres Gefäß noch auf , ohne die Federkraft zu besitzen , sie in ihr Eigentum zu verarbeiten , und daraus die Nahrung zu Entschlüssen zu saugen . So lebte er , scheinbar ein Mensch , aber ohne Anteil , und in der Tat den Kreisen , welche unser Dasein umschließen , entrückt , seine Tage hin . Die Zeit war für ihn keine Zeit , denn er empfand den Wechsel der Begebenheiten nicht , der Ort kein Ort , denn keine Sympathie fesselte ihn mehr an eine Stätte . Es war der Zustand der Pflanze , er vegetierte . Daß in einer so vernichteten Seele dennoch richtige Anschauungen , ja Ideen einkehren konnten , bestätigte meine alte Überzeugung von der Natur der menschlichen Seele überhaupt . Wir sind weit mehr Depots des geistigen Fluidums , welches durch das Universum streicht , als daß wir es selbsttätig erzeugten . Auch hier sind die Volksredensarten von den Gedanken , die einem Gott , und denen , die einem der Teufel eingegeben , wohl zu beachten und tiefen Sinnes . Nie hätte ich freilich gewünscht , den Beweis für meine Hypothese durch einen Menschen zu erhalten , dessen Los mir naheging . Meine Abneigung gegen ihn war schon früher verschwunden gewesen , ich hatte mir seine guten Seiten klargemacht , und seine jetzige Krankheit schnitt mir durch das Herz . Ich sah ein , daß in diesem Falle am allerwenigsten positiv zu verfahren sein werde , daß man treu aufmerkend neben dem Leidenden stehen und irgendein günstiges Ereignis abwarten müsse , was zur Heilung benutzt werden könne . Am erwünschtesten wäre mir gewesen , wenn ich der verborgnen Quelle des Kummers hätte auf die Spur kommen können , allein in dieser Beziehung scheiterten alle meine Versuche . Der Unglückliche verschloß die Ursache seiner Schmerzen in tiefster Brust , und auch die Brieftasche war verschwunden . Wir durchsuchten in seiner Abwesenheit alle Winkel des Zimmers ,