suchen ist , daß mir die Erinnerung der Jugend mit allen ihren Vorrechten und ihrem rücksichtslosen Vertrauen nahe tritt , wenn ich Dich erblicke , und ich mache eben diese Vorrechte geltend . Der General , der seinen Arm in den des Freundes gelegt hatte , drückte diesen leise als Zeichen freundlicher Erwiederung . Wirst Du lange in München bleiben ? fragte endlich der Graf , nachdem Beide eine Zeitlang geschwiegen hatten . Nein , erwiederte sein Freund . Ich komme jetzt von Paris , wohin ich mich nach dem Waffenstillstande gern senden ließ , und kehre nun nach Wien zurück , wohin ich mancherlei Nachrichten zu überbringen habe , und ich verweile auch hier nicht ohne Grund . Doch werde ich morgen reisen , und ich denke , sagte er freundschaftlich zum Grafen gewendet , wir trennen uns heut so wenig als möglich . Dem Grafen fiel plötzlich ein , daß sich ihm nicht leicht eine bessere Gelegenheit bieten würde , die Anerkennung des Namens Evremont für St. Julien zu bewirken , und doch machten manche Umstände es ihm schwer , dem General sein Anliegen zu vertrauen . Es war möglich , daß sich sein Freund , wenn er ihn damit bekannt machte , daß er mit der Wittwe des Grafen Evremont verbunden sei , sich der weiblichen Gestalt erinnerte , die er bei der Hinrichtung des unglücklichen Freundes erblickt hatte , und es lag so nahe , dann in dieser die Gemahlin des Grafen zu vermuthen . Alle diese Vorstellungen peinigten ihn , und er konnte zu keiner Entschließung kommen , und beide Freunde wandelten eine Zeitlang schweigend auf und ab . Ich erkenne Dich heute nicht wieder , fing endlich der General das Gespräch von Neuem an . Was hast Du nur , das Dich in so ernste , in so ungleiche Stimmungen versetzt ? Der Graf hatte indessen seine Zweifel bekämpft . Jedes Bedenken mußte aus Rücksicht für den geliebten Sohn überwunden werden , und er sagte deßhalb entschlossen : Ich wünschte , daß Du Dich in einer Angelegenheit , die mir sehr am Herzen liegt , bei Napoleon für mich verwenden möchtest , und ich weiß nicht recht , wie ich sie Dir vortragen soll . Aha ! rief der General lachend , muß sich Deine Spartaner-Tugend beugen ? Bedarfst Du der Gewaltigen der Erde ? Nun freilich kann ich mir denken , daß Du einen schweren Kampf mit Deinen Grundsätzen bestehen mußt , ehe Du solche Bekenntnisse ablegst . Es ist nicht das , sagte der Graf , aber um Dich in den Stand zu setzen mir beizustehen , muß ich Dich mit Einzelnheiten bekannt machen , die mich in mehr als einer Hinsicht schmerzlich berühren , und da dieß Mittheilungen sind , die sich nicht im Freien machen lassen , und ich Dich früher davon in Kenntniß zu setzen wünsche , ehe ich Dich in meine Wohnung einlade , so bitte ich Dich , mich in die Deine zu führen . Der General war bereit dazu , und beide Freunde wollten den Schloßgarten verlassen , als der Blick des Generals auf einen Krieger fiel , der eine Dame , die er am Arme führte , los ließ und die Hand an den Hut legte , um den General militärisch zu begrüßen . Dieser Krieger mochte einige vierzig Jahre zählen ; seiner Haltung mangelte die französische Zierlichkeit einigermaßen ; sein stark gebräuntes , mageres Gesicht deutete auf viele überstandene Beschwerden , und wenn seine Kleidung eher beschränkte Umstände als Ueberfluß erkennen ließ , so war das Kreuz der Ehrenlegion auf seiner Brust ein Beweis seines Muthes . Die Dame , die sich in seiner Begleitung befand , mochte schön gewesen sein , aber die erschlafften Gesichtszüge bewiesen eben so wie der freche Blick , daß sie das Leben zu sehr benutzt hatte ; die hoch aufgetragene Schminke konnte den Schein blühender Jugend nicht mehr hervorrufen , so wie der auffallende Putz nicht Wohlhabenheit lügen konnte . Die beschmutzten Bänder und verblichenen Blumen , mit denen die schwarzen Locken überladen waren , verkündigten wohl die Ansprüche , die noch gemacht wurden , aber zeigten auch deutlich , daß sie nicht mehr befriedigt werden konnten . Wie geht es , Kapitän ? redete der General den Krieger an . Sind Sie von Ihren Wunden wieder hergestellt ? Dem Himmel sei Dank , erwiederte der Angeredete , ich kann bald wieder eintreten in die Reihen der Braven . Der Kaiser wird Sie belohnen , sagte der Genral , ich kann das beste Zeugniß Ihres Muthes bei Landshut ablegen , und ich hoffe Sie bald als Obristen zu begrüßen , denn leider sind sehr viele brave Kameraden geblieben . Nur Ihnen , mein General , verdanke ich es , erwiederte der Kapitän , daß ich meine Laufbahn nicht als Sergeant beschlossen habe , denn die Zeiten sind auch bei uns vorüber , wo man sich ohne Beschützer empor arbeiten konnte . Sind Sie vermählt ? fragte halb leise der General , der schon ein paar Mal den Blick zu der Dame hatte hinüber streifen lassen , die in des Kapitäns Begleitung gekommen war , und die nun sichtlich verdrüßlich darüber , daß Niemand ihre Gegenwart zu berücksichtigen schien , seitwärts stand . Sie begreifen , mein General , sagte der Kapitän verlegen lächelnd . Madame übernahm es , mich während meiner langen Krankheit zu verpflegen , und sie ist so gütig , sich meines Namens zu bedienen , weil - weil dieß in vielen Fällen für zwei in Freundschaft lebende Personen bequem ist . Sie verstehen wohl , wie ich das meine ? Vollkommen , entgegnete der General mit spöttischem Lächeln , indem er sich eben von seinem Kriegsgefährten trennen wollte , als die vernachlässigte Schöne , die ihren Zorn nicht länger unterdrücken konnte , ihm näher trat und , indem sie ihm mit großer Dreistigkeit in die Augen blickte , sagte : Sie wissen aus eigener Erfahrung , General , wie liebevoll ich einen Leidenden zu verpflegen