Herbstsonne auch über den blauen Bergen seiner Heimat ? Und über der Straße von Salzburg nach Berchtesgaden ? Während Lampert in die Sonne guckte , sah er immer diese Straße und einen kleinen , eilig trabenden Reisezug von vierzehn Gäulen . Am verwichenen Abend mußte Jula zu Salzburg eingetroffen sein , auf ihrem Falben , mit dem Knechte , der den zärtlichen Ingolstädter ritt , und mit den zwölf Geleitsreitern , die Lampert zu München angeworben hatte . Durch das schwarze , kahlgebrannte Land von Plaien und über den Trümmerhaufen des Hallturms hatte er seine Jula nicht reisen lassen . Um dieses Grauenvolle nicht zu sehen , mußte sie den Umweg über Salzburg nehmen . Und weil der Morgen so klar und sonnig wurde , war sie wohl schon vor Tag von Salzburg aufgebrochen ? Da mußte sie um die siebente Morgenstunde nach Berchtesgaden kommen - um diese siebente Morgenstunde , vor der die abergläubisch gewordene Frau Marianne bei jedem Tageserwachen aufs neue zitterte . Lampert lachte vor sich hin . Die anderen , die mit ihm die Wache hielten , guckten ihn verwundert an . Das merkte er nicht . Immer sah er nur die schöne , von der Morgensonne umglänzte Straße zwischen der Gadnischen Ache und dem Untersberg . Sah diese schlanke Reiterin im graugrünen Reisemantel auf dem rasch und zierlich trabenden Falben . Sah die Türme und Firste von Berchtesgaden , sah den Marktplatz , auf dem viel weniger Menschen als im Sommer vor einem Jahr zur Messe gingen , und sah das stillgewordene Amtmannshaus mit den in der ersten Sonne blinkenden Erkerscheiben . Die Mutter ist schon wach . Frau Marianne ist eine fleißige Frühaufsteherin . Noch immer , obwohl das Trauerjahr schon zu Ende gegangen , ist sie schwarz gekleidet . Aber Glockenschürze , Ärmelschoner und Morgenhäubchen machen sie ganz weiß . Wie an jedem Tage , so denkt sie auch heute , seit sie die Augen aufgetan , immer und immer an ihren Buben . Und bei der Frühsuppe , die sie einsam löffelt , guckt sie immer wieder mit ihrem Sorgenblick zu dieser schrecklichen Uhr hinauf , die sie lieb hat und hassen muß . Im alten , hohen Pendelkasten immer die gleiche Stimme : » Bau ! Bau ! Bau ! « Und gleich wird der Hammer schlagen , siebenmal . Und wie an jedem Morgen so denkt Frau Marianne auch jetzt in Zittern : Ob heut das Unglück kommen wird ? Um die siebente Morgenstund ? Vom groben Pflaster des Marktplatzes klingt das Gehämmer vieler Hufe herauf . Die Rosse halten vor des seligen Amtmanns Haus . Erschrocken springt Frau Marianne zum Erker , stößt das Schubfensterchen in die Höhe , fährt mit dem Kopf in die Morgensonne hinaus und schreit beklommen : » Jesus ! Was ist denn ? « Da drunten beugt eine Reiterin in graugrünem Mantel den Kopf zurück . Dichtes Haar quillt aus der dunklen Gugel heraus . Und zwischen den schwarzen Strähnen sieht Frau Marianne ein schmales , sonnverbranntes Mädchengesicht mit der Leidensschrift eines bösen Jahres in den strengen Zügen , mit scheuer Freude im Blau der großen Augen . Und eine linde , von der Aufregung ein bißchen zugeschnürte Stimme ruft von da drunten zum Erker herauf : » Gute Botschaft von Eurem Sohn ! « » Jesus ! « Das gleiche Wort , das vor wenigen Sekunden ein Laut des Schreckens war , ist jetzt der Schrei eines heißen Jubels . Und Frau Marianne - obwohl ihr das vergangene Jahr ein Bleigewicht auf alle Gelenke legte , fährt wie ein junges Mädel zur Stube hinaus und über die Treppe hinunter . Und drunten im Hausflur steht sie ratlos und starrt betroffen auf das schlanke Mädchen , das die Gugel des Reisemantels zurückstreift in den Nacken und leise sagt : » Kennet Ihr mich nimmer , Frau ? Ich bin der Bub gewesen , dem Ihr das Eisenhütl gegeben habt . Jetzt soll ich die Ehfrau Eures lieben Sohnes werden . « Frau Marianne steht noch immer stumm . Nun fängt sie zu lachen an . Und mit beiden Händen muß sie nach ihren Knien greifen , die befallen sind von einem heftigen Zittern . » Ich muß mich niederhocken ein lützel . « Sie taumelt zur Steinbank im Hausflur und wird umschlungen von einem jungen Arm , der zärtlich und stark ist . - - Klirrende Schritte im Treppenflur des Gumbrechtischen Hauses und zwei erregte Stimmen . Lampert Someiner war aufgerüttelt aus seinem Sonnentraum . Er straffte sich und machte mit dem blanken Eisen die höfische Reverenz vor dem Markgrafen von Brandenburg und dem Kanzler Schlick . Die beiden hatten gut ausgeschlafene Gesichter , doch Augen voll Sorge . Mit dem Morgen war böse Zeitung gekommen . Draußen vor dem Ostentor geschah , was die Stadtväter vor dem Kanzler nicht länger zu verschweigen wagten : Im Geläger der vierzigtausend , die trunken waren vom Freiwein des gütigen Königs , fielen die pestkranken Menschen um wie Fliegen nach einer kalten Nacht . Doch an solche Dinge war man gewöhnt seit vielen Jahrzehnten , seit der schwarze Tod ein seßhafter Bürger im Reich geworden . Das war die mindere Sorge . Was den Kanzler bewogen hatte , den Markgrafen aus der Morgenruhe aufzustören und zum König zu rufen , war eine schwere Kunde , die aus weiter Ferne gekommen - Botschaft von gewaltigen Rüstungen des türkischen Sultans Murad wider Siebenbürgen und Ungarn - und die Botschaft , daß die Hussiten mit zahllosen Heerschwärmen verwüstend aus den böhmischen Wäldern herausbrachen in die oberpfälzischen Lande . Sie äscherten Städte und Dörfer nieder , zerstörten Kirchen und Klöster , verbrannten die Priester , die sie fingen , erwürgten die Herren , die in ihre Hände fielen , predigten dem Volk alle Freiheit und sprachen es los von der Pflicht des Gehorsams gegen Papst und Fürsten . Friedrich von Zollern und der Kanzler betraten die königlichen Gemächer . Durch einen prunkvollen Raum , in dem der Haarkräusler des Königs seine