verschlingen ! Und während sie in diesem heißhungrigen , gefräßigen Schlund verschwanden , schoß ihm das emporgetriebene Wasser der Tiefe über die Lefzen und wurde zu gleicher Zeit mit einer solchen Gewalt aus dem Kanal in den See gepreßt , daß es sich wie ein beutegieriger , springender Leviathan über seine Fläche stürzte und erst weit draußen verendend niedersank . Wir aber achteten weder auf den jetzt plötzlich in hohen Wellen gehenden See , in den sich der ganze Inhalt der unterirdischen Bassins zu ergießen hatte , noch auf sonst etwas Anderes , sondern nur auf eine einzige Stelle , die unsere Aufmerksamkeit in fast wunderbarer Weise gefangen nahm . Wir sahen von den Ruinen nur noch die vordere Mauer . Alles , was hinter und über ihr gelegen hatte , war verschwunden , in ein vollständig ebenes Feld verwandelt , fast genau so , wie es von der Kirchenzeichnung des Ustad dargestellt wurde . Und grad da , wo auf dieser Zeichnung im Hintergrunde der Säulenhalle das leere Postament stand , leuchtete uns die herrliche Alabastergestalt des durch die Katastrophe nun endlich erlösten » verzauberten Gebetes « entgegen . Vom dunkeln Hintergrunde der Nische uns doppelt hell gezeigt , streckte es seine emporgehobenen Arme dem Aufgange der Sonne entgegen , um mit offenen Händen den Segen zu nehmen und zu spenden , in den der tausendjährige Fluch verwandelt worden war . Und wie sie nun emporstieg , die ersehnte Sonne , so kam ihr Licht von der funkelnden Alabasterkrone hernieder , wie auf Engelsschwingen getragen , die sich hold und froh zur Erde senken . Sie küßte die Stirn , die Wangen , den Mund des genau unter dieser Krone stehenden Gebetes und floß dann über das ganze Tal , um zu verkünden , daß es bisher nur Morgen gewesen , nun aber endlich und wirklich Tag geworden sei . Der Ustad sprach kein Wort . Er hatte meine Hand ergriffen und drückte sie mir so , daß es allerdings keiner Worte bedurfte , ihn zu verstehen . Umso lauter waren die hinter uns Stehenden . Ihr Dogma zwang sie , die auf so rätselhafte Weise erschienene Figur als einen Greuel zu betrachten , denn Allah hat verboten , von beseelten Wesen Bilder anzufertigen . Wer vor Bildern betet , ist ein Götzendiener . Wer aber gar Bilder selbst beten läßt , der ist ein Gotteslästerer , wie es keinen größern geben kann . Sie sagten das ganz ungeniert und in so scharfen Ausdrücken , daß ich die Selbstbeherrschung des Ustad bewunderte , der sich zu ihnen umdrehte und sie fragte , was sie eigentlich hier an dieser Stelle zu suchen hätten . Da öffnete der Selige den Mund und hielt seine Rede , deren Grundgedanke die Behauptung war , daß kein Einziger von ihnen jemals daran gedacht habe , irgend etwas Feindseliges gegen die Dschamikun zu unternehmen . Sie seien keine Feinde und also augenblicklich freizulassen . Zur Bekräftigung gebe er im Namen Aller sein Ehrenwort , daß er die Wahrheit gesprochen habe . » Im Namen Aller ? Wirklich ? « fragte der Ustad , indem er sie anschaute und sein Auge auf jedem Einzelnen ruhen ließ . Da erhoben sie ihre Hände zum Zeichen der Bejahung , keiner von ihnen ausgenommen . Der Ustad nickte mir und Kara zu , ihm zu folgen . Er ging , ohne Antwort zu geben . Wir bestiegen unsere Pferde und ritten nach dem Duar . Unten angekommen , teilte er dem Oberleutnant mit , daß die Gefangenen frei seien , aber das Gebiet der Dschamikun sofort zu verlassen hätten . » Frei ? « rief Kara , der sich doch nicht halten konnte , fast zornig aus . » Sie haben ja bei ihrer Ehre gelogen , alle , alle ! Der Selige , der Heilige , der Imam , die Generale und sämtliche Taki , vom Ersten bis zum Letzten ! « » Das weiß ich ebenso gut , wie sie es selbst auch wissen , « antwortete der Ustad lächelnd . » Aber grad darum gebe ich sie frei , denn solche Ehrenmänner möchte ich nicht einmal als Gefangene bei mir haben ! Verstehst du mich nun ? « Das Erste , was wir nun taten , war , uns nach Ahriman Mirza und der Khanum Gul zu erkundigen . Denn daß die Katastrophe mit den Ruinen zugleich auch den Scheik ul Islam vernichtet hatte , das bedurfte ja keiner Frage . Der Oberleutnant sagte , daß wir im Hofe des Chodj-y-Dschuna die Antwort finden würden . Dort angekommen , sahen wir Beide . Die Khanum war tot , in den Säbel gestürzt . Der Mirza saß neben ihr , unbeschädigt am Körper , aber mit stumpfem Gesicht und leeren Augen . Er kannte uns nicht mehr . Er schien auch sich selbst nicht mehr zu kennen und leierte , wir mochten sagen , was wir wollten , nur immer und immer den Satz vor sich hin : » Ahriman Mirza ist der Fürst der Schatten , und wenn er stürzt , ist es mit ihnen aus . Ahriman Mirza ist der Fürst der Schatten , und wenn er stürzt , ist es mit ihnen aus - - - ! « Der Ustad hat es also erreicht : Ihn nur mit dem einen Worte » Chodem « , am richtigen Orte und zur rechten Zeit angewendet , aus der » Schablone « herausgetrieben , die nichts und nichts als Lüge war ! Da hatten wir sie vor uns , nicht die seidene , sondern die eigentliche schwarze Larve des Aemir-y-Sillan . Und dieses psychologische Präparat wurde nun durch die Macht des Verhängnisses gezwungen , nichts und nichts weiter mehr zu tun , als die bisher so sorgfältig verhüllte Wahrheit ganz offen und nur immer und immer vor sich herzuleiern ! Als wir aus dem Hause traten , trafen wir auf Agha Sybil und die Seinen , welche vor dem Nahen der Schatten ihr vollständig ausverkauftes Zelt abgebrochen