aufgestrichen - Adagio - Schlummerarie - erneuter Ansatz zum Rasiren - und so fort mit dem auf der Reise arg verwilderten Barte eine Stunde lang . Immer dazwischen das kunstvollste Talent der musikalischen Reproduction und Paraphrase , das Messer am Streichriemen und in der Kehle die Arien sanft hinübergeschliffen . Ist dann die Bartabnahme vollendet , dann fällt eine Arie wild in die andere , Desdemona in die Klagen Rodrigo ' s , die Nachtwandlerin in die Verzweiflung Elwino ' s , » O welches Glück , Soldat zu sein ! « jodelt sich in » Gold ist nur Chimäre ! « hinüber - und alles das empfindet Löb Seligmann ebenso musikalisch wie moralisch nach , soweit der Text und die Situation es vorschreiben . Auch kritisch ist er mit ergriffen , soweit ihm nämlich alle größeren und kleineren Talente einfallen , die er schon in allen diesen Opern auf verschiedenen Stadttheatern hatte debutiren sehen . Löb ' s seelenvolle Erörterungen über die Vortrefflichkeit der Dahingeschiedenen , über die Bettdecken des Waisenhauses , das erstaunliche Glück , bei den Kattendyks zu dienen , unterbrach Treudchen mit der Erzählung von der Mordthat und dem nahen Zusammenhang derselben mit ihrem eigenen Lebensschicksal . Löb Seligmann wußte schon den Vorfall , konnte schon weitere Details über den Geiz der Ermordeten , nur über den Thäter nicht , geben , erstaunte über die unschuldige Betheiligung Treudchens und bat sie , zwei Minuten - » hier an diesem prächtigen Palais « - zu warten ... er käme sofort wieder zurück - er würde jedenfalls , das ließe er sich nicht nehmen , sie bis ans Waisenhaus begleiten - Da Treudchen einen Band- und Zwirnladen bemerkte und bei all ihrem Herzeleid doch ihrer Nadeln und ihres Fingerhutes eingedenk blieb , so nahm sie auf zwei Minuten um so lieber Abschied , als sie hier gelegentlich nützliche Einkäufe machen konnte . Statt nach zwei , nach zehn Minuten war sie mit ihrem Geschäft fertig und nach zwanzig kam Löb Seligmann wieder ... Er hatte hier in dem Comptoir seiner , wie er sagte , Vettern Moritz und Bernhard Fuld zwar keinen Zutritt zu den innern Gemächern , wo die Ritter der Ehrenlegion saßen , aber einige alte Buchhalter aus den Zeiten des seligen » Man weiß schon ! « hielten ihm denn doch Stand , wenn er sie um eine Prise bat und ihnen mittheilte , daß merkwürdigerweise ein Mädchen aus Kocher am Fall bei der heute Nacht ermordeten alten Dame » beinahe hätte können im Dienst gestanden haben « ... Es sind Vettern zu uns ! wiederholte er mehrmals von den Fulds und auf das Palais deutend ... Indem Löb Seligmann seine Vatermörder jetzt stolz über die durch beständige Reibung von ihnen gerötheten Ohrläppchen hinauszog , ergab sich seltsamerweise , daß ein riesengroßer , wunderbarer , schöner Bau , in dessen Nähe sie waren , schon die Kathedrale war und daß Treudchen ihre Commissionen im » steinernen Hause « jetzt hätte schon ausführen können , wenn nicht gerade nur um zehn Uhr die Sprechstunde im Waisenhause gewesen wäre . Aber nun war auch der Blumenmarkt ganz nahe ... derselbe Markt , der Löb Seligmann mit ähnlichen Empfindungen zu erfüllen schien , wie sie jetzt auf Treudchen ' s von allen diesen mächtigen Eindrücken bestürmtes Herz zuschossen ... Einen Augenblick , Mamsell Treudchen ! rief er und berechnete schon mit einer Gärtnersfrau , wie viel von Orangenblüten und Myrten in einen großen Blumenstrauß hineinkonnten , den er mit 71 / 2 Silbergroschen bezahlen wollte . Treudchen wunderte sich nicht über seine poetische Regung , da sie selbst von dieser Fülle von Eriken , Fuchsien , hochragenden Gummibäumen , buschigen Rhododendren und blühenden Myrten wie berauscht war . Auch sie würde sich sofort in ihren Einkauf eingelassen haben , wenn nicht von der Kathedrale herab drei mächtige Schläge den ganzen Domplatz , vorzugsweise aber sie selbst , erschüttert hätten . Schon drei Viertel auf zehn ! rief sie . Herr Seligmann , um Gottes willen , bitte ! Kommen Sie ! Ein einziger Rundblick rings auf die Häuser , wo Herr Maria Schnuphase wohnen konnte , der sie in einen so schlimmen Dienst hatte empfehlen wollen , eine blitzschnelle Musterung der Blumen , die sie wol hernach zu ihrem Bouquet für den Pfarrer von Asselyn wählen konnte , und nun fort nach der Richtung hin , die sie Herrn Löb Seligmann dringend bat , durch nichts mehr zu unterbrechen . Ich bitte Sie ! sagte sie . Ich habe noch so viel Commissionen ! Aber jetzt muß ich wissen , wie meine Geschwister die erste Nacht hier zugebracht haben ! Dann setzte sie , und fast neckend im Ton der kocherer Christenjugend , hinzu : Für wen ist denn aber der schöne Blumenstrauß , Herr Seligmann ? Wenn Sie im Waisenhause sind , - sagte Seligmann , hielt aber sinnend inne und wickelte sein Bouquet in eine Anzahl Theaterzettel , die er aus der Tasche zog , und summte dazu einige Noten aus dem im Spohr ' schen » Faust « irgendwo an einem Stadtthater eingelegt gewesenen » Liede an die Rose « - wenn Sie im Waisenhause sind , geh ' ich solange in die Nachbarschaft , auf die Rumpelgasse , wo mein Bruder Nathan Seligmann wohnt - Sie müssen sich sein Geschäft ansehen - alte Kleider , Möbel , Glaswaaren , Bilder , Masken , Theateranzüge - was Ihr Herz begehrt - die ganze Welt hat Nathan zum Verkauf oder zum Verleihen - nur muß sie alt und abgelegt sein ! Ist das die Judengasse ? sagte Treudchen unbefangen und eilends dahinschreitend und so laufend , daß Löb fast nicht mitkonnte . Was ? Denken Sie , daß wir hier noch in einer einzigen Gasse wohnen ? Haben Sie nicht das Palais von unsern Vettern gesehen ? Sind das die Vettern , um die der David immer sagt , er würde nur eine Prinzessin heirathen ? Das Kind ! betonte Seligmann ganz wie seine Schwester und