verabscheut , und nicht erst nach der Tat ; und , sei es in den Bußliedern frommer Zerknirschung oder in der Alltagssprache , müssen wir uns schuldig bekennen , daß wir oft unserm Nächsten das volle Lot , das ihm gebührte , nicht zugewogen , daß wir sein Menschenrecht gekränkt , sein Menschenherz verletzt haben . Wer die Buße dieses Verbrechers als einen Ausfluß der Geistesgröße bewundert , wird sich doch auch daraus die Wahrheit entnehmen , daß es besser ist , einen Lebensweg zu meiden , der mit Abfall oder gar Verrat an den Genossen enden muß ; und wer sie als die Schwäche eines in der Bildung verwahrlosten Geistes , den seine Zeit keinen Lessing werden ließ , ansieht , der mag sich sagen , daß auch der unabhängigste Denker im Vollgefühle seiner Freiheit über Begriffe straucheln kann , die er mit der Muttermilch eingesogen hat . Keiner steht so hoch , daß er nicht fallen kann , und das einfältige Wort der Menschenliebe und Menschenwürde in jenem Buche , worin sich die Sehnsucht des Morgenlandes mit dem Geiste unserer alten Sprache und Dichtung vermählt hat , ist höher als alle . Der Kampf des Sünders , von welchem seine Kirche eine werktätige Reue forderte , die sich nicht einmal um den Preis des eigenen Lebens abfinden durfte , war groß und schwer . Dieses zertrümmerte Lebensschiff hatte er mit raschem Entschlüsse preisgegeben , und doch kam ihn auch bei dieser Auslieferung das Aufzählen des Inhalts im einzelnen sauer an . Die großen Verbrechen , welche den Kopf kosteten , gingen ihm ohne Widerstreben über die Zunge ; aber die kleineren Vergehen suchte er solange als möglich zurückzuhalten , aus Furcht vor einer schwereren Todesstrafe , wie er nachher behaupten wollte , in Wahrheit aber aus Stolz und Scham , weil die Gemeinheit dieser kleinen Diebstähle und Einbrüche ihm unauslöschlich auf der Seele brannte . Doch warf er endlich auch diesen Stolz als ein verwerfliches Überbleibsel seines alten Herzens weg . Der Oberamtmann , der die weiche Seite dieses Herzens kennengelernt hatte , unterstützte ihn mit gutem Bedacht ; » er ehrte ihn durch den offen kundgegebenen Glauben an seine Aufrichtigkeit und Besserung , drückte ihm seine Freude aus , ihn nicht durch Drohungen , Schimpf und gewaltsame Mittel zwingen zu müssen , sprach auch mitunter von anderen Gegenständen mit ihm , hörte seine Meinung und ließ die Inquisition den Ton einer vertraulichen Unterredung annehmen « , wovon freilich das Protokoll nichts enthält . Zugleich schickte er ihm Essen und Trinken ins Gefängnis , und daß er für diese freundliche Gabe in mehr als einem Sinne empfänglich war , wissen wir bereits . Die Stadt ahmte das Beispiel ihres Oberbeamten nach . Die Wächter ließen sich ' s gleichfalls gesagt sein , ihn menschlich zu behandeln ; » sie gingen ganz vertraulich mit ihm um und lachten und beteten abwechselnd mit ihm . « Wieviel diese guten Tage dazu beigetragen , ihn auf dem eingeschlagenen Wege zu erhalten , läßt sich nicht unterscheiden ; wohl aber ist nicht zu leugnen , daß den reinsten Gesinnungen immer menschliche Schwäche anklebt . Indessen hatte die Güte ihr strenges Maß . Er war gleich anfangs so hart geschlossen worden , daß er gar keine Bewegung machen konnte , und vier Männer mußten beständig in seinem Zimmer , vier außerhalb desselben wachen . Allein die Handlungsweise des Oberamtmanns , der das Menschliche mit dem Amtlichen zu verbinden wußte , gewann den Räuber völlig . » Mit Tränen erklärte er « - und der Gewährsmann fügt ausdrücklich hinzu , daß dies seine eigenen Worte seien - » der Oberamtmann habe durch seine Güte mehr aus ihm herausgebracht , als tausend Foltern nicht hätten erpressen können . Er erklärte , er danke der Vorsehung , daß sie ihm gerade in dieser Stadt seinen Tod bestimmt , und er möchte um keinen Preis , auch wenn er könnte , mehr entwischen . Weil er sich aber selbst nicht traute , so wünschte er , bat sogar , man möchte ihn wie den ärgsten Bösewicht bewachen . Er nannte die Arten des Schließens , die allein mit Sicherheit bei ihm angewendet werden könnten , und zeigte andere , deren Nutzlosigkeit er bewies . Besonders erinnerte er , daß man an Markttagen wachsam sein solle , weil da gewiß einige seiner Kameraden sich einschleichen würden , um ihn zu retten . « Infolge dieser Angaben mußte die standhafte Erwartung des Volkes , daß der Schützling des Teufels , wie in Hohentwiel und anderen festen Orten , eines Tages durch Rauchfang oder Schlüsselloch verschwinden werde , unerfüllt bleiben . Dagegen rief der Tod des Amtsdieners , der plötzlich während der Untersuchung starb , die noch jetzt im Munde des Volkes lebende Sage hervor , die verzweifelten Spießgesellen des Gefangenen haben , um seine gefährlichen Geständnisse , die sich wie ein Lauffeuer in alle Lande verbreiteten , abzuschneiden , ihm heimlich vergiftetes Backwerk zuzustecken versucht , und die Konfiskation desselben sei dem Diener des Gesetzes übel bekommen . Während aber im Volke sich geschäftig eine Art Heldensage über ihn bildete , stand er demütig vor seinem Richter und bekannte sich für den » Verworfensten aller Sterblichen « . Die strenge Folgerichtigkeit der Buße verlangte aber mehr von ihm . Die schon in der Freiheit versuchten Enthüllungen über die mordbrennerischen Pläne der überrheinischen Zigeuner konnten ihm nicht besonders schwer werden , denn dieses Gesindel ging ihn nicht näher an . Aber wenn seine Beichte vollständig sein sollte , so mußte er nähere Genossen , mußte er seine Nächsten in das Verderben , wenigstens in das zeitliche , mit hineinreißen . Nach seiner ganzen Beschaffenheit mußte ihn dies einen Kampf kosten , über dessen Schwere man sich durch die bei dem Naturmenschen in jeder Lage des Lebens möglichen Augenblicke der Lustigkeit nicht täuschen lassen darf . Die beiden Haupttriebräder seiner ganzen Lebensentwickelung , Liebe und Stolz , mußten in diesem Kampfe überwunden werden . Er war sein Leben lang seinen Freunden