Systems geschlagen , in Zukunft werden wir mehr beobachten . Selbst der Auswuchs der jetzigen Heilkunde , die Homöopathie , deutet schon diesen richtigeren Weg an , wenn sie verschmäht , die sogenannten inneren Ursachen analysierend sich zur Anschauung zu bringen , in welcher isolierten Analysis auch eigentlich nichts mehr vorhanden ist , was dem Arzte einen Fingerzeig geben könnte . XIII. Hermann So bewegte sich die Welt , worin unser Freund eine Zeitlang einheimisch und tätig gewesen war , gänzlich umgestaltet , in Erbaun und Verfall , Trost und Verzweiflung auf und ab , ohne daß er selbst von diesen Ereignissen etwas verstanden , oder an ihnen teilgenommen hätte . Mit schwerem Finger hatte ihn das Schicksal berührt , an ihm ein Zeichen gesetzt , welche Gefahren unsre Zeit den Jünglingen bereitet , die mit Empfindung und Geist ausgerüstet , ungebunden dahinleben zu können meinen . Nach der Rückkehr von meiner Reise war mein erster Gang zu Wilhelmi , den ich , durchaus verwandelt , das zweite Kind auf dem Schoße haltend , neben seiner muntern , artigen Frau antraf . Von den Gemälden und sonstigen Seltenheiten , als deren eifrige Sammlerin die nunmehrige Madame Wilhelmi bekannt gewesen war , erblickte ich nichts , vielmehr sah ich nur eine gewöhnliche elegante Einrichtung . Da meine Augen die verschwundnen Schätze suchten , erriet mich Wilhelmi , und ich wurde als alter Freund gleich in einen Ehekrieg eingeweiht . Die Kunstkennerin hatte seit ihrer Vermählung allen Geschmack an den Antiquitäten verloren , sie , Wilhelmis Einreden ungeachtet , nach entlegnen Kammern verwiesen , und wollte dieses ganze Besitztum gern losschlagen , wozu aber der Gatte seine Zustimmung beharrlich versagte . Seine Neigung war die nämliche geblieben . Er suchte die verwiesenen Lieblinge in den engen Räumen so gut als möglich unterzubringen . Alles dieses erfuhr ich in der ersten halben Stunde durch halb ernste , halb scherzhafte Gespräche , welche jedoch von vollkommner gegenseitiger Zufriedenheit zeugten . Bald wurde aber die häusliche Szene durch eine Figur gestört , bei deren Erscheinung die Gatten mitleidig und betrübt ihre Blicke niederschlugen . Der Eintretende wollte sich , da er einen Fremden sah , alsobald entfernen , Wilhelmi hielt ihn indessen zurück , führte ihn mir entgegen , und sagte : » Erkenne ihn nur , Hermann , es ist unser alter Freund , der Doktor . « Hermann gab mir die Hand , lächelte mich wie ein Kind an , und sagte : » Hippokrates war der berühmteste griechische Arzt , von der Insel Kos gebürtig , und brachte zuerst die Lehre von den kritischen Tagen auf . « - Dann setzte er sich neben Wilhelmis Frau , und warf von Zeit zu Zeit historische oder philosophische Bemerkungen hin , welche alle richtig waren , nur freilich nicht die mindeste Beziehung zu der Umgebung hatten . Es ist schrecklich , unvorbereitet den Tod eines Bekannten zu erfahren , aber es erschüttert Mark und Bein , ihn plötzlich lebendig , so wiederzusehn . Niemand hatte mir noch etwas von dieser traurigen Veränderung gesagt . Ich war meiner ganzen ärztlichen Fassung benötigt , um nicht in Tränen bei dem Anblicke des Unglücklichen auszubrechen , der mit blassem Antlitze , erloschnen Augen und einem steten Lächeln , sonst aber unentstellt , dasaß . Unter einem Vorwande nahm ich Wilhelmi beiseite und begehrte draußen Aufschluß von ihm . Ich hörte darauf die Begebenheiten , welche nun , da ich Ihre Bücher gelesen , mir nicht mehr dunkel sind , damals aber mir völlig rätselhaft vorkommen mußten . Wilhelmi erzählte mir , daß Hermann mit den Gebärden eines Verzweifelnden von Flämmchens Landhause fortgestürmt sei . Die Landleute hätten ihn in der Gegend mit zerrißnen Kleidern , scheu wie das Wild ihnen ausweichend , umherirren gesehn . » Wir Zurückgebliebnen « , sagte er , » die wir erfuhren , daß Johanna nach dem Schlosse abgereiset war , wurden über das Ausbleiben Hermanns sehr bestürzt . Ich schrieb an ihn , und da der Brief unbestellt wieder in meine Hände gelangte , so reiste ich selbst nach der Gegend , wo ich denn jene Vorfälle hörte . Er war verschwunden , trat jedoch nach mehreren Monaten , während welcher Korrespondenz , Nachfrage , öffentliche Bekanntmachungen vergeblich angewendet worden waren , seinen Aufenthaltsort zu ermitteln , eines Abends , da es dämmerte , in mein Zimmer , fiel mir weinend um den Hals , sagte , daß er da und dort gewesen sei , aber nirgends Ruhe finde , daß ich ihm ein Plätzchen bei mir gönnen möge , wo er sterben könne . Meinen Schreck werden Sie ermessen . Ich sprach mit meiner Frau , die sich kaum zusammennehmen konnte , da sie ihn so außer sich sah , und verstört . Wir brachten ihn darauf in einem stillen Gartenzimmer bei uns unter , baten ihn , sich zu schonen , seine Sinne zu sammeln , dann werde sich ja alles finden , was auch vorgefallen sein möge . Er ließ sich diese Obsorge gefallen , und saß einige Tage vor sich hin . Als ich glaubte , er sei so weit beruhigt , daß man mit ihm reden könne , suchte ich zu erforschen , was sein Innres so gewaltsam aufgeregt hatte . Ich bekam jedoch keine andern Antworten von ihm , als , daß er der verworfenste aller Menschen sei , daß nichts auf Erden sich mit seinem Elende vergleichen lasse ; ob ich den Ödipus kenne ? - Da ich sah , daß ihn mein Andringen schwer leiden machte , so gab ich es auf und habe auch nachmals nicht versucht , sein Geheimnis zu entdecken . Nur so viel ist mir aus unwillkürlichen Äußerungen klargeworden , daß das Bewußtsein einer Schuld , die furchtbar gewesen sein muß , seine Brust zerfrißt , daß sich auf dem Landhause Flämmchens das Schlimme begeben haben mag , und daß dieses wahrscheinlich einen Zusammenhang mit dem Inhalte der Brieftasche hat , welche ihm von seinem Vater vererbt worden ist