können . Da hob Gretchen plötzlich den Kopf und sah ihn mit jenem Blick des inneren Gerichts , den er stets nur schwer , heute gar nicht aushalten konnte : „ Es ist nicht wahr — es kann nicht sein ! Vater — Du bist unschuldig — Du kannst das nicht getan haben ? “ „ Um aller Barmherzigkeit willen , Gretchen , sprich nicht so laut , “ bat Leuthold . „ Du zitterst , Du vermeidest meinen Blick ? Vater , wenn Du das auf Deine Seele geladen hättest — ich könnte nicht Dein Richter — aber ich würde Dein Gewissen sein . Keine Stunde ließe ich Dich froh werden , nicht schlafen ließ ’ ich Dich , bis Du zurückgegeben hättest , was nicht Dein ist . Hungers sterben würde ich vor Deinen Augen , ehe ich einen Bissen Brot genösse , der nicht ehrlich erworben ist . — Doch , was rede ich da — ich bin von Sinnen ! Es ist ja nicht möglich , nicht möglich ! So hilf mir doch mit einem einzigen Wort aus diesem Drangsal . Meine Seele ist in Nacht gehüllt , wirf nur einen Schimmer des Lichtes hinein . “ Sie umschlang inbrünstig seine Knie : „ Vater , schwöre mir , daß Du unschuldig bist — “ „ Mein Kind — “ Sie unterbrach ihn : „ Nein , keinen Schwur , keine Beteuerung — zwischen uns bedarf es dessen nicht , nur einfach — Ja oder Nein — und ich glaube Dir ! — Sieh mich an , Vater — o , nur einen Blick ! Sprich auch nicht , sag nicht einmal Ja oder Nein — laß mich Dir nur in die Augen sehen und jeder Zweifel wird schwinden . “ „ Gretchen ! “ flüsterte Leuthold und suchte sich loszumachen — „ Gretchen , höre mich ! “ „ Nein , Vater , nein — ich lasse Dich nicht . Ich will keine Erklärung , keine Rechenschaft . Hast Du das Verbrechen begangen , dann hilft kein Beschönigen — ich will nichts wissen , nichts hören , als : ob Du es getan — oder nicht ? “ Sie suchte in kindlicher Angst sein Auge , sie ließ seine Knie los , um seine Hände zu fassen und küssen , ein Strom von Tränen erleichterte ihr Herz . „ Ach , vergib , vergib , daß ich so zu Dir zu sprechen wage , ein Kind zu seinem Vater . Nein , nein — es ist Frevel , daß ein so furchtbarer Argwohn in mein Herz kommen konnte . O mein Gott , wie klein bin ich , wie unwürdig Deiner Liebe . Eine Anklage böser Menschen vermag es , mich irre zu machen an Dir und ich wage es noch , Dich zu fragen — ob Du unschuldig bist ? Verzeih — Du gütiger , langmütiger Vater , sieh , ich frage nicht mehr , will Dir nicht mehr forschend in die Augen schauen , nur die Berührung Deiner Hand , dieser treuen , schützenden Vaterhand hat hingereicht , mir das Vertrauen wiederzugeben , mich zurückzuführen in die Schranken meiner Kindespflicht ! “ Und sie legte ihr tränenfeuchtes Gesicht in seine Hände mit einer Demut , die ihn tiefer ergriff als die schwerste Anklage . „ Nun ist ’ s aber genug ! “ erscholl plötzlich hinter ihnen eine Stimme , die Leuthold das Blut in den Adern gerinnen ließ : „ Ich will Dich Deine Kindespflicht lehren ! “ Und aus der Tür des Nebenzimmers trat eine plumpe Frauengestalt und schritt entschlossen auf die Gruppe zu . „ Jesus — die Mutter ? “ schrie Gretchen und wich unwillkürlich vor ihr zurück . „ Gretel , “ sagte die Frau , „ vor Deiner Mutter schrickst Du zurück und vor dem Bösewicht da liegst Du auf den Knien ? “ Leuthold trat zwischen sie und das Kind : „ Bertha , “ sagte er , „ ich dächte , ich wäre genug gestraft — Du bedürftest nicht auch noch der Rache , mir das Herz meines Kindes zu entreißen , ein Herz , nach dem Dich selbst nie verlangte und das Du nie gewinnen wirst . Wenn noch ein Rest von Muttergefühl in Dir ist — so schone — nicht mich — sondern diesen reinen Engel ! Zerstöre nicht das höchste Gut einer jungen Seele , den Glauben an ihren Erzeuger . Bertha , Bertha , Du tust der Tochter Schlimmeres als dem Vater — höre Dein Mutterherz , das doch beim An ­ blick dieser holden Blüte höher pochen muß und er ­ spare mir einen Streich , der sie vernichten würde . “ Frau Bertha schlug die Arme übereinander und sah den Flehenden mit maßlosem Hohn an : „ So — also jetzt legst Du Dich aufs Bitten , jetzt bin ich wohl nicht mehr roh — bösartig und gemein und eine Bestie wie damals , da Du mich forttriebst , weil ich Dich bei Deiner Erbschleicherei zu ungeschickt gezeigt ? “ „ Bertha ! “ rief Leuthold und deutete auf Gretchen , die mit steigender Angst von einem zum andern blickte — ein Bild des tiefsten Jammers . „ Ja , ja , sie soll ’ s nur hören , sie soll ihren lieben Papa nur kennen lernen , soll ’ s nur erfahren , daß Du das Verbrechen begingst , von dem in der Zeitung steht . Warum solltest Du denn das nicht getan haben , während Du Ernestine schon als Kind um ihr Eigentum betrogst , da Du Dir ’ s vom alten Hartwich verschreiben ließest ? Du bist zu Allem fähig — das sage ich , Deine Frau , die Jahre an Deiner Seite verlebte ! Und Dein Kind soll Dich verfluchen , statt an Dir zu hängen wie an seinem Herrgott . Nicht wahr , das wäre so ein Geschäftchen , solch schönes Mädel mit nach Amerika zu nehmen und dort zu verschachern ? “ Das