und Kirche aber sind nicht sichtbar . Ich horche eine Weile ; dann wend ' ich mich zu meinem Nachbar und frage : » Wo klingt das her ? « » Das ist die siebenzentnerige von Groß-Rade ; – mein besonderer Liebling . « » Was tausend « , fahr ' ich fort , » kennen Sie die Glocken hier herum so genau ? « » Ja , mein Herr , ich kenne sie alle . Viele davon sind meine eignen Kinder , und hat man selber erst Kinder , so kümmert man sich auch um die Kinder anderer Leute . « » Wie das ? Haben Sie denn die Glocken gegossen ? Sind Sie Gürtler oder Glockengießer ? Oder sind Sie ' s gewesen ? « » Ach , mein Herr , ich bin sehr vieles gewesen : Tischler , Korbmacher , dazwischen Soldat , dann Former , dann Glockengießer ; nun gieß ich Gips . Es hat mir alles nicht recht gefallen , aber das Glockengießen ist schön . « » Da wundert ' s mich doppelt , daß Sie vom Erz auf den Gips gekommen sind . « » Mich wundert es nicht , aber es tut mir leid . Wenn der › Zink ‹ nicht wäre , so göss ' ich noch Glocken bis diesen Tag . « » Wieso ? « » Seit der Zink da ist , ist es mit dem reellen Glockenguß vorbei . In alten Zeiten hieß es › Kupfer und Zinn ‹ , und waren ' s die rechten Leute , gab ' s auch wohl ein Stück Silber mit hinein . Damit ist ' s vorbei . Jetzt wird abgezwackt ; von Silber ist keine Rede mehr ; wer ' s billig macht , der hat ' s. Der Zink regiert die Welt und die Glocken dazu . Aber dafür klappern sie auch wie die Bunzlauer Töpfe . Ich kam bald zu kurz ; die Elle wurde länger als der Kram ; wer noch für Zinn ist , der kann nicht bestehen , denn Zinn ist teuer und Zink ist billig . « » Wie viel Glocken haben Sie wohlgegossen ? « » Nicht viele , aber doch sieben oder acht ; die Groß- Radener ist meine beste . « » Und alle für die Gegend hier ? « » Alle hier herum . Und wenn ich mir mal einen Feierabend machen will , da nehm ' ich ein Boot und rudere stromab , bis über Lebus hinaus . Wenn dann die Sonne untergeht und rechts und links die Glocken den Abend einläuten und meine Glocken dazwischen , dann vergess ' ich vieles , was mir im Leben schief gegangen ist , und vergess ' auch den › Turban ‹ da . « – Dabei zeigte er auf die runde , kissenartige Mütze , die die Gipsfigurenhändler zu tragen pflegen und die jetzt , in Ermangelung eines anderen Platzes , der Goethe-Schiller-Statue über die Köpfe gestülpt war . So plaudernd waren wir , eine Viertelstunde später , bis Lebus gekommen . Der Gipsfigurenmann verabschiedete sich hier und während das Boot anlegte , hatt ' ich Gelegenheit , die » alte Bischofsstadt « zu betrachten . Freilich erinnert hier nichts mehr an die Tage früheren Glanzes und Ruhmes . Die alte Kathedrale , das noch ältere Schloß , sie sind hin , und eines Lächelns kann man sich nicht erwehren , wenn man in alten Chroniken liest , daß um den Besitz von Lebus heiße Schlachten geschlagen wurden , daß hier die slawische und die germanische Welt , Polenkönige und thüringische Herzöge , in heißen Kämpfen zusammenstießen , und daß der Schlachtruf mehr als einmal lautete : » Lebus oder der Tod . « Unter allen aber , denen dieser Schlachtruf jetzt ein Lächeln abnötigt , stehen wohl die Lebuser selbst obenan . Ihr Stadtsiegel ist ein » Wolf mit einem Lamm im Rachen « ; die neue Zeit ist der Wolf und Lebus selbst ist das Lamm . Mitleidslos wird es verschlungen . Lebus , die Kathedralenstadt , ist hin , aber Lebus , das vor dreihundert Jahren einen fleißigen Weinbau trieb , das Lebus existiert noch . Wenigstens landschaftlich . Nicht daß es noch Wein an seinen Berglehnen zöge , nur eben der malerische Charakter eines Winzerstädtchens ist ihm erhalten geblieben . Die Stadt , so klein sie ist , zerfällt in eine Ober- und Unterstadt . Jene streckt sich , so scheint es , am First des Berges hin , diese zieht sich am Ufer entlang und folgt den Windungen von Fluß und Hügel . Zwischen beiden , am Abhang , und wie es heißt an selber Stelle , wo einst die alte Kathedrale stand , erhebt sich jetzt die Lebuser Kirche , ein Bau aus neuer Zeit . Die » Unterstadt « hat Höfe und Treppen , die an das Wasser führen ; die » Oberstadt « hat Zickzackwege und Schluchtenstraßen , die den Abhang bis an die Unterstadt herniedersteigen . Auf diesen Wegen und Straßen bewegt sich ein Teil des städtischen Lebens und Verkehrs . Gänse und Ziegen weiden dort unter Gras und Gestrüpp ; Frauengestalten , zum Teil in die malerische Tracht des Oderbruchs gekleidet , schreiten bergab ; den Zickzackweg hinauf aber steigt eben unser Freund der Gipsfigurenmann und seine » Aurora « schimmert im Morgenstrahl . Nun aber Kommandowort vom Radkasten aus und unser Dampfer schaufelt weiter . Lebus liegt zurück , und wir treten jetzt , auf etwa eine Meile hin , in jenes Terrain ein , wo Stadt und Dorf , zu beiden Seiten des Flusses , an die Tage mahnen , die jenem Kunersdorfer 12. August vorausgingen und ihm folgten . Es sind drei Namen vorzugsweise , denen wir hier begegnen : Reitwein , Göritz und Ötscher , alle drei mit der Geschichte jener Tage verwoben . In Reitwein erschien am 10. August die Avantgarde des Königs , um eine Schiffbrücke vom linken aufs rechte Oderufer zu schlagen . Man