, goß sich etwas Eßbouquet mehr als gewöhnlich auf sein Batisttaschentuch und schritt leicht und frei durch die Thür , die ihm der Vielgewandte pflichtschuldigst öffnete . Auch die Baronin fühlte sich nicht wenig erleichtert , als sie im Laufe des Morgens keine Veränderung in Helenens Betragen oder auf ihrem Gesicht , in ihren großen Augen zu erblicken vermochte . Die Baronin war heute Morgen ganz besonders zuvorkommend gegen Helene . Indessen war das Mittagsmahl nichts weniger als belebt , obgleich Felix sein ganzes Unterhaltungstalent aufbot . Der alte Baron hatte sich persönlich nach Bruno ' s Befinden erkundigt und war ärgerlich , daß noch immer nicht nach dem Doctor geschickt war ; wenn auch heute Nachmittag ein Wagen in die Stadt führe , verschiedenes zu der großen Gesellschaft morgen Benöthigtes zu holen , so sei das kein Grund , weshalb nicht einer von den Leuten heute Morgen hätte hinreiten können . Die Baronin war verstimmt über diesen ihr in Gegenwart der Andern ausgesprochenen Tadel , und meinte , sie habe freilich nicht bedacht , daß es sich um Bruno handle , der allerdings größere Ansprüche machen dürfe , wie zum Beispiel sie selbst , die an einem sehr heftigen Kopfweh leide , oder Felix , der ebenfalls die ganze Nacht und den ganzen Vormittag unwohl gewesen sei . Helene hob die Augen kaum von ihrem Teller und öffnete kaum einmal den Mund ; und die Augen der kleinen Marguerite waren heute noch verweinter , als in den vorhergehenden Tagen . Felix und Malte sprachen sich nach und nach auch aus , und zuletzt war es so stumm um den Tisch her , daß die Diener nicht wußten , wie sie nur leise genug auftreten sollten . Die Baronin und Felix blieben nach Tische allein , da der Baron sich ausnahmsweise auf sein Zimmer zurückgezogen . Felix hatte während der Mahlzeit überlegt , ob er nicht doch besser thäte , das Ereigniß von gestern Abend - natürlich nach seiner Auffassung - zu erzählen , bevor Bruno Gelegenheit habe , sich gegen irgend Jemand , Oswald ausgenommen , darüber zu äußern . So benutzte er denn das tête-à-tête mit der Baronin , ihr mitzutheilen - versteht sich , lachend und mit der Bitte , die curiose Geschichte nicht weiter gelangen zu lassen - wie er gestern Abend durch den hellen Mondschein verlockt worden sei , noch etwas im Garten zu promeniren , wie er Bruno in einer höchst eingenthümlichen Weise um die Fenster Helenens habe schleichen sehen , wie er den Jungen zu Bett geschickt habe , darüber mit ihm in Streit gerathen , mit dem Fuße ausgeglitten , hingefallen und für einen Augenblick der Besiegte gewesen sei . Natürlich nur für einen Augenblick , dann habe Bruno die verdienten Schläge erhalten , und die würden wohl auch der Grund seiner heutigen Krankheit sein . Die Baronin fühlte sich durch diese humoristische Schilderung einer sehr ernsten Begegnung auf das unangenehmste berührt . Ihre Befürchtungen betreffs des Briefes regten sich wieder . Bruno zur Nachtzeit unter Helenens Fenster ? was hatte er da zu thun ? Der Umstand sah sehr verdächtig aus . Wenn Bruno den Brief gefunden hätte ! wenn er gestern Abend die Absicht gehabt hätte , ihn Helenen wieder zuzustellen ! Die Baronin stöhnte bei diesem entsetzlichen Gedanken . Was haben Sie , liebe Tante ? O nichts . Ich seufze nur über das Unglück , welches uns dieser Stein in ' s Haus brachte . Wenn ich etwas in meinem Leben bedaure , so ist es , den Menschen nicht am ersten Abend wieder fortgeschickt zu haben , wie ich wirklich große Lust hatte . Es hat nicht leicht Jemand einen so unangenehmen Eindruck auf mich gemacht , wie dieser junge Mann . Aber Tante , so holen Sie doch nach , was Sie an jenem ersten Abende leider versäumten : jagen Sie ihn fort . Ich begreife wahrhaftig nicht , weshalb Sie so viel Umstände mit ihm machen . Die Baronin wollte nicht sagen , daß sie die tausend Thaler nicht verschmerzen würde , welche Oswald contractlich zu fordern hatte , wenn ihm im ersten Jahre seines Engagements gekündigt würde . Ehe sie indeß eine Antwort bereit hatte , ertönte auf dem Flur die quäkende Stimme des Pastor Jäger , der sich nach » der gnädigen Herrschaft « erkundigte . Einen Augenblick später trat seine Hochehrwürden an der Seite seiner Gemahlin in ' s Zimmer . Es bedurfte keines besonders scharfsinnigen Auges , um sofort zu sehen , daß etwas ganz Außerordentliches dem würdigen Paar begegnet sein mußte . Der Pastor trug den ganz neuen schwarzen Frack , den er nur bei den feierlichsten Gelegenheiten anzuziehen pflegte , und Primula hatte eine äußerst malerische Verzierung von Kornähren an ihrem gelben Strohhute , so daß sie heute noch eine Schattirung gelber aussah , wie gewöhnlich . Der Blick des Pastors suchte vergeblich die gewohnte Demuth zu heucheln ; die runden Brillengläser selbst glitzerten triumphirend ; und was Primula betrifft , so hatte sich ihr poetisches Gemüth jetzt von allem Erdenrest befreit ; sie durfte scheinen was sie war . Ich komme , gnädige Baronin , sagte der Pastor , Anna-Maria galant die Hand küssend , einmal , mich nach Ihrem und der lieben Ihrigen werthen Befinden pflichtschuldigst zu erkundigen , sodann , Ihnen die Mittheilung eines Ereignisses zu machen , das wir - ich darf ja wohl sagen wir , meine edle Gönnerin ? - schon lange freilich erwarteten , erhofften , will ich lieber sagen , dessen endliches Eintreffen uns indeß doch wohl Alle überrascht . Ich bin als Professor nach Grünwald berufen worden . Vorläufig extraordinarius , sagte Primula , aber der ordinarius wird wohl nicht lange auf sich warten lassen . Auch ist mir die Stelle eines Vormittags-Predigers an der Universitätskirche so gut wie gewiß . Warum nicht : gewiß ? Jäger ; sagte Primula ; ich dächte , das Schreiben des Professors Dunkelmann ließe nur eine Auslegung zu . Ei , das sind ja