ganz wie aus Kocher am Fall wiedererkannte . Sie war nie in einer großen Stadt gewesen und übertrug jetzt fast auf den stehenden Charakter einer solchen die Möglichkeit , jedes Gesicht auf die Vermuthung hin betrachten zu müssen , daß es dem Mörder der Frau Hauptmännin von Buschbeck angehören könnte . An Trotz , Verwegenheit und Rücksichtslosigkeit jeder Art fehlte es auch nirgends und bald hatte sie in dem beengenden Eindruck des Ganzen ihre so genau angegeben gewesene Spur verloren . Sie stand rathlos an einer Ecke , wo mehrere Straßen einmündeten ... Da sah sie sich plötzlich von jemand gegrüßt und angeredet ! Es war ja ein alter Bekannter aus Kocher am Fall ! Herr Löb Seligmann , der vielgeliebte Bruder der Hasen-Jette ! Er , der seither noch immer nicht daheim gewesen war , der noch immer in Gütern schlachtete , noch immer bei Grafen und Baronen hüben und drüben die Vortheile des ihm geschenkten intimsten Vertrauens derselben genoß ! Den Todesfall der Frau Ley wußte Löb Seligmann durch die Briefe David Lippschützens , seines Neveus und Augapfels , für dessen Fortkommen durchs Leben bei » so schwachen Beinen « gerade er sparte , gerade er sich kein Geschäft verdrießen ließ , selbst die Lieferungen der Bettfedern und Decken für Kasernen und andere öffentliche Anstalten nicht ... Treudchen konnte im Augenblick gar kein besseres Geschick haben als diese Begegnung mit dem so artigen , so gefälligen kleinen Herrn Löb Seligmann , der vollkommen vergessen hatte , daß die böse kocherer Jugend einst hinter ihm her gesungen wie sie noch jetzt hinter seinem geliebten Adoptivsohn in übermüthig christlich-germanischer Nichtanerkennung orientalischer Schönheit sang : Hast nicht gesehen Schmulche ? Mit dem scheppe Muulche ? En Aagelche zu , En schlockrig Händelche dazu , En wacklig Beinche dazu ... ? Löb Seligmann war edle , erhabene und schöne Seele . Seine Gefühle glichen seinen Vatermördern , die wie bei Herrn Schnuphase immer in die höchste Höhe gingen . Sein Blick auf Treudchen , seine Rührung über ihre Freude , sein Andeuten : » er wisse alles « - er meinte den Tod der Mutter - sein Ausweis über die Lage des Waisenhauses - alles das war von einer so stummberedten Theilnahme , von einer so erdenleidverklärten Tröstung und allessagenden Prophezeiung für jedes , was die kleine Landsmännin , vielleicht Geld ausgenommen , von ihm begehren konnte , daß es nur an der Unruhe und dem Lärm der Straße lag , wenn Gertrud Ley nicht wieder alle ihre Wunden aufs neue aus Seligmann ' s und ihren eigenen Augen aufbrechen und fließen fühlte ... » Treudchen ! « ... Das eine Wort nur ... Löb Seligmann sprach es aber aus , wie den ganzen fünften Act eines Trauerspiels . Und bei alledem hatte doch jedermann , der nur in Kocher vom Wasser des Fall getauft oder nicht getauft war , einen Anflug von Heiterkeit , so oft er nur den Herrn Löb Seligmann sah . Er hatte wunderliche Eigenschaften . Ein nicht zu entfernter Verwandter der reichen Fulds , ob er gleich nur unten für das Comptoir derselben existirte und dort wie jeder andere Sensal vierten oder fünften Ranges betrachtet wurde , besaß er eine gewisse Vornehmheit . Von seinem Verkehr mit der großen Welt hatte er sogar die Manieren der Adeligen angenommen , soweit sie niemanden beleidigten ; wenigstens glaubte er selbst an eine höchst ersichtliche Vornehmheit seines Wesens . Im Oberkleide war er zwar einfach , aber desto gewählter in der Wäsche und vorzugsweise in der Weste . Aus dem manchmal etwas hohem Kragen der letztern und den zu steifen Vatermördern sah der kleine Kopf mit der niedern , breiten Stirn und dem kurzgeschnittenen krausen Negerhaar etwa heraus wie eine Kirche , deren Dach höher ist als der Thurm . Löb Seligmann , bereits weitaus vierzigjährig und Garçon , war zudem durch Schmeicheleien verwöhnt , die zwar nur von Wenigen , aber von diesen desto enthusiastischer kamen , vorzugsweise von seiner Schwester , deren Einzigster sein Erbe sein sollte . Zu Kocher am Fall wohnte er im obern Stock des Hauses , in welchem einst der Mann der Hasen-Jette die Kundschaft der Leys ohne alle Böswilligkeit an sich gezogen hatte , sie leider nicht lange genießend . Löb Seligmann arbeitete nur für David . Er ließ ihn bilden , ließ ihn fein erziehen . Nur in der Musik schlug David noch nicht ganz nach dem Wunsch des Onkels ein , der in diesem Fache ein Kenner war . Löb Seligmann glaubte eine schöne Stimme zu besitzen . Wenn er in Kocher am Fall Toilette machte , sang er dazu am offenen Fenster . Wenn er sich an einem kleinen Spiegel der Lichtung des Fensters selbst rasirte , intonirte er mit einem schönen Tenor , der nur auf eine vielleicht etwas zu leichte und bequeme Weise in die Fistel überging , eine Opernarie nach der andern . Die Schwester stand indessen unten in der Hausthür und machte die Leute aufmerksam auf die wunderschönen Melodieen , die ihr Löb wieder aus den großen Städten mitgebracht hatte . Nie hat sich auch jemand mit mehr Behagen selbst rasirt , als Löb Seligmann . » So kannst du mich betrüben , Othello kannst du lieben ? « Jetzt die Seife eingestrichen . » Treibt der Champagner das Blut in die Kreise , da ist ' s ein Leben herrlich und frei ! « Das Messer wird geschärft . » Auf , singt die Barcarole ! « Erster Strich über die Oberlippe , während die linke Hand die Nase festgeklemmt hält ... jetzt läßt sie die Nase los und » Gnade , Gnade für die arme Seele ! « Zweiter Strich , die Nase wird wiederum festgeklemmt ; Luft und - » Mein Hüon , mein Gatte , Geliebter , wo weilst du ? « Jetzt ein großes Orchestersolo mit Pauken , mit Trompeten , mit Summen und Brummen , Pruhsten , Gurgeln , Zungenschnalzen oder - Lied ohne Worte ... sanft die Seife wieder