Wirrsale der Welt wenig kümmernd . Da wurde mir eines Tages , es war gerade um zwölf Uhr mittags , die wunderbarste innere Erfahrung . Sie kam ungesucht , unvorbereitet , wohl recht , wie das Höchste erscheinen muß . Ich will mich nicht besser machen , als ich bin , will gestehn , daß auch nachmals mein Innres voll Schlacken geblieben ist , aber ich kann , wie Cromwell , von mir behaupten , daß ich einmal im Stande der Gnade gewesen bin , und deshalb nicht verlorengehn werde . Ich wanderte für mich eine grade , keinesweges zur Erhebung stimmende Landstraße hin , ruhig , ohne Bewegung des Gemüts , nur an eine ganz gewöhnliche Tagesobliegenheit denkend . Da , auf einmal , fühlte ich in mir die Existenz Gottes , und seine unmittelbarste Gegenwart in mir , so daß ich nun ganz bestimmt wußte : Er ist . Und zwar nicht als Begriff , Idee , sondern sein Dasein ist ein reelles . Der Sitz dieser Empfindung war der ganze Mensch zwar , jedoch hauptsächlich und vorzugsweise das Herz , in welchem sich dieselbe wie ein sanftes Wirbeln gestaltete , welches das Herz zugleich in den Mittelpunkt des Weltalls rückte , und es auf einen Zug begreifen lehrte , in welchen Gesetzen der Unschuld , Schönheit und Güte dieses ungeheure Ganze erbaut worden sei . Damals wußte ich auch sofort , daß wir nie Gott anschauen werden , daß vielmehr die Seligkeit darin bestehen soll einen solchen Moment für immer zu haben , und daß dann Gott , wie ein ewiges Pulsieren der Heiligkeit , in uns die Stelle des fleischlichen Herzens einnehmen wird . Alles dieses war keine Phantasie , keine Spekulation , sondern eine fast sinnliche Gewißheit . Es dauerte nur wenige Sekunden , auch kann ich den Moment nicht näher beschreiben , denn es würde doch nur auf schmückende Armseligkeiten hinauslaufen . Dantes Worte kommen ihm noch am nächsten , wenn er singt : All ' alta fantasia qui mancò possa ; Ma già volgeva il mio disiro , él velle , Siccome ruota , che igualmente è mossa , L ' amor , che muove l Sole e l ' altre stelle . Doch klingen auch sie nur wie Lallen von hoher Musik . Das Ganze aber war ein Gemütswunder , welches sich nachmals nicht hat wiederholen wollen , mir jedoch auch in seiner einzelnen und einzigen Erscheinung zur Beruhigung über einen höheren Zusammenhang der Dinge vollkommen genügt . Bin ich Ihnen in meinem Wesen umgestimmt erschienen , so ist es die Nachwirkung dieses Augenblicks gewesen . Als ich nach Hause kam , fand ich den Ruf zur Vorsteherschaft über die großen Anstalten in der Hauptstadt , mir höchst unerwartet und überraschend , da ich nicht geglaubt hatte , daß meinem Wirken anderwärts Aufmerksamkeit zuteil geworden wäre . Mein Entschluß konnte nicht zweifelhaft sein . Hier traf eine äußere Gunst genau mit einem inneren Glücke zusammen . Meine Verhältnisse hatten sich ausgelebt , und ich erkannte , daß es für mich an der Zeit sei , in neue , bedeutendere Kreise überzugehn . Man hatte mir den Auftrag erteilt , nach England und Frankreich zu reisen , dort verschiedne Beobachtungen zugunsten des Instituts anzustellen . So kam es , daß ich erst nach geraumer Zeit in * anlangte , wo ich denn die Frauen geheilt antraf , Johannen durch den alten , würdigen Kriegshelden , die Herzogin durch ihre jungen Mädchen . Daß auch bei dieser das Herz , freilich in sehr zarter Weise , die Herstellung vermittelt hat , ist Ihnen vielleicht nicht so bemerklich geworden . Der junge Lehrer , welcher nach dem Tode der Vorsteherin für die hut- und mutterlose Pension , welche er nicht gern untergehn lassen wollte , ihren Schutz anflehte , wirkte durch seine Persönlichkeit wohl bedeutend auf ihren Entschluß , sich der Mädchen anzunehmen , die den Stamm aller nachherigen Zöglinge bildeten . Er gehört zu den jungfräulichen Männern , ist schamhaft , verschwiegen , bescheiden wie keiner . Nun wohnt er schon seit längerer Zeit im Hause der Herzogin , und man kann diese Neigung , obschon sie ganz unschuldig ist , und nur die Farbe des Dienstverhältnisses trägt , worin er zu ihr steht , kaum noch Freundschaft nennen . Ich hatte meine törichte Leidenschaft längst besiegt , und mochte daher dieses Wirken der Natur unbefangnen Sinnes anschaun . Freilich wurde mir dabei ihre Ironie klar , welche nirgends ausbleibt , und hier durch ein eheähnliches Verhältnis für Übertreibungen der Sitte und Sittlichkeit das Gleichgewicht herzustellen gesucht hat . Denn jenes Verhältnis war nach so vielen Gewissenszweifeln , Büßungen und Gebeten dennoch schon bei Lebzeiten des Herzogs eingeschritten . Der Arzt hat eine große Aufgabe in der Gegenwart zu lösen . Krankheiten , besonders die Nervenübel , wozu seit einer Reihe von Jahren das Menschengeschlecht vorzugsweise disponiert ist , sind das moderne Fatum . Was in frischeren , kürzer angebundnen Zeiten sich mit einem Dolchstoße , mit andern raschen Taten der Leidenschaft Luft machte , oder hinter die Mauern des Klosters flüchtete , das nagt jetzt inmitten scheinbar - erträglicher Zustände langsam an sich , untergräbt sich von innen aus , zehrt unbemerkt an seinen edelsten Lebenskräften , bis denn jene Leiden fertig und ausgebildet dastehn . Zwischen diese verlarvten Schicksale ist nun der Arzt gestellt . Er muß , will er seinen Beruf mit Weisheit erfüllen , ein Eingeweihter sein , Gott und die Welt im Busen tragen , er muß gewissermaßen das Amt eines Priesters und Hierophanten üben . Mittel und Wege hat er aufzufinden , wozu ihm die materia medica keine Anleitung gibt . Unsrer Wissenschaft steht überhaupt eine Umbildung bevor , und wenn es erlaubt ist , der Entwicklung der Dinge vorzugreifen , so möchte ich sagen : Wir werden uns der antiken Richtung wieder näher anschließen . Lange genug haben wir mit Pulvern und Pillen die Natur zu zwingen gewähnt , oder den lebendigen Leib an das Kreuz des