hervor , und einen wie weiten Weg habe ich noch vor mir , ehe ich ihn erreiche . Aber er hat Recht , mit Beschämung muß ich es eingestehen , der reiche Schatz seines Geistes und seines Herzens würde unerkannt von der Erde wieder verschwinden , wenn die Güter des Glücks nicht die Dollmetscher seiner edeln Seele würden . Mit solchen Gedanken beschäftigt erreichte der Graf Schloß Hohenthal , während sein Oheim sich immer weiter davon entfernte und die Residenz bald möglichst zu erreichen wünschte , wo er mit Sehnsucht erwartet wurde . Als der Graf seine Reise zurückgelegt hatte und in Berlin eingetroffen war , wurden ihm nach den ersten freudigen Begrüßungen und theilnehmenden Fragen mehrere während seiner Abwesenheit angekommene Briefe eingehändigt . Zwei von diesen Schreiben erregten seine besondere Aufmerksamkeit . Das eine von St. Julien , in dem er meldete , daß der Abschluß des Friedens täglich zu erwarten sei , und daß er alsdann leicht Urlaub erhalten könne , um sich mit den theuern Eltern und der zärtlich geliebten Braut wieder auf einige Zeit zu vereinigen . Der andere Brief war von einem Rechtsanwald aus München , der dem Grafen meldete , daß in den furchtbaren Schlachten bei Aspern und Wagram , in denen die Baiern für Napoleon fochten , mehrere entfernte Mitglieder seiner Familie geblieben wären , so daß von dem im südlichen Deutschland lebenden Zweige derselben Niemand mehr vorhanden sei , als eine Wittwe , die bei der durch die vielen Todesfälle eingetretenen Erbschaft gleiche Rechte mit ihm habe , und in deren Namen er sich der Theilung wegen an den Grafen wende . Der Nachlaß bestehe , wie der Rechtsgelehrte meldete , in einem am Rheine gelegenen Gute und einigem baaren Vermögen . Da aber die Miterbin als eine Wittwe sich bei den gegenwärtigen unruhigen Zeiten nicht gern mit einem Grundbesitz befassen wolle , so schlug ihr Rechtsfreund dem Grafen vor , nach billiger Uebereinkunft das Gut zu behalten , und lud ihn ein , entweder selbst zu diesem Behufe nach München zu kommen oder Jemandem seine Vollmacht in dieser Angelegenheit zu übersenden . Es ist furchtbar , seufzte der Graf , wie verheerend diese ewigen Kriege wirken , ganze Geschlechter werden ausgerottet . Er theilte seiner Gemahlin die empfangenen Nachrichten mit , und Beide entschieden sich , die Reise nach München anzutreten und den geliebten Sohn dorthin zu bescheiden , weil der Graf glaubte , daß er von dort , durch einen eng mit Napoleon befreundeten Hof , leichter Mittel finden würde , die Anerkennung des Namens Evremont für St. Julien zu bewirken , als von Berlin , wo er sich nicht mit einem Gesuche an die französischen Machthaber wenden durfte , ohne einen gehässigen Schein auf sich zu laden . Die Gräfin sah die Triftigkeit seiner Gründe ein ; ihr Herz schlug dem Sohne entgegen und aus Emiliens Augen leuchtete seliges Entzücken , als sie vernahm , wie bald sie St. Julien wieder zu sehen hoffen durfte ; und eine sanfte Rosengluth brannte verschönernd auf ihren Wangen , als der Graf bemerkte , daß doch dieser Frieden vielleicht so lange dauern würde , als unerläßlich nothwendig wäre , um zwei Liebende zu vereinigen . Sollen wir denn ewig vor der Erneuerung des Blutvergießens uns ängstigen ? fragte die Gräfin . Kann man einen Friedensschluß , wie er jetzt eintreten wird , anders als wie einen Waffenstillstand betrachten ? entgegnete der Graf . Die Frauen seufzten über die trüben Aussichten , aber dennoch wich der Kummer der gegenwärtigen freudigen Hoffnung . Der alte Dübois schien sich zu verjüngen . Mit Eifer wurden die Anstalten zur Reise durch ihn betrieben , und aus den Augen des Greises leuchtete ein Strahl der Freude bei dem Gedanken , daß er den jungen Grafen Evremont wiedersehen sollte , denn er erlaubte sich nie St. Julien anders zu nennen seit seiner Erkennung . Der Graf hatte St. Julien nach München beschieden . Die Gräfin hatte ihrer Adele den gefaßten Entschluß gemeldet . Dübois war mit den Vorbereitungen zur Reise fertig . Kein Theilnehmer an derselben ließ sich eine Verzögerung zu Schulden kommen , und so gelangte die Familie in kurzer Zeit nach München , wo bald nach ihnen Adele eintraf und wo man , um das Glück der Vereinigung vollkommen zu genießen , nur noch auf St. Julien hoffte , der Wien nicht ohne Urlaub verlassen durfte , den er mit höchster Ungeduld erwartete . Die Auseinandersetzung der Erbschaft wegen , welche die erste Veranlassung zur Reise nach München gegeben hatte , war in wenigen Tagen beendigt , weil bei der Denkungsart des Grafen jede Schwierigkeit leicht gehoben wurde , indem er weit davon entfernt war , seine Miterbin , eine nicht sehr bemittelte Wittwe , irgend bedrücken zu wollen . Es wurde ihrem Wunsche gemäß die Vereinigung getroffen , daß der Graf das Gut am Rheine behielt und ihr noch eine Summe zu dem baaren Nachlasse des gemeinschaftlichen Verwandten hinzuzuzahlen sich verpflichtete , sobald alle Rechtsformen beobachtet sein würden , die , um ihn in den Besitz zu setzen , erforderlich wären . Der Graf nahm sich vor , das neu erworbene Gut so bald als möglich in Augenschein zu nehmen und , wenn er die Lage so reizend fände , wie sie ihm beschrieben wurde , wenigstens einen Theil des Jahres dort zu wohnen . Eben hatte der Graf die letzten Geschäfte mit dem Anwalde seiner Miterbin abgeschlossen , und er nahm den Rückweg zu seiner Wohnung durch den Schloßgarten der Residenz , wo die warme Mittagssonne Lustwandelnde vereinigte , denn wenn München auch seiner hohen Lage und der Nachbarschaft der Gebirge wegen ein wechselndes , im Ganzen nicht angenehmes Klima hat , und man im frühen Herbst und späten Frühling Kälte und Schnee zuweilen ertragen muß , so macht doch seine südliche Lage , daß dafür oft im November noch so schöne warme Tage eintreten , daß man sich nach Italien versetzt glaubt . Ein solcher warmer Novembertag lockte den Grafen unter die hohen