Geistes Pforten , Red ' ihn an mit süßen Worten : Komm , mein Liebster , laß dich küssen , Laß mich deiner nicht mehr missen . Nun war es nicht der erhabene Gott-Vater , der das Opfer forderte , nicht mehr der heilige Geist , der unbegreiflich-furchtbare , der mit den Gluten des ewigen Feuers seinen Beleidigern droht , der nicht vergiebt — jetzt nahte der himmlische Bräutigam mit Trost und Liebe . “ Wer da unwürdig isset und trinket , der sei verdammt ” — heißt es zwar auch hier . Aber über das Mädchen kam eine frohe Zuversicht . Vor ihr inneres Auge trat Jesus von Nazareth , wie ihn die Kunst , wie ihn Titian gebildet hat , in seiner schönen , jungen Menschlichkeit — ihn hatte sie lieb . . Ein schmachtendes Begehren nach der geheimnisvollen Vereinigung mit ihm durchzitterte die Nerven des jungen Weibes . Der starke Wein rann feurig durch ihren erschöpften Körper — ein sanftes , zärtliches und doch entsagungsvolles Glück durchbebte ihr Innerstes — sie war würdig befunden , seine Gegenwart zu fühlen . Auch Agathes Eltern , ihr Bruder , ihr Onkel und die Frau des Predigers , in dessen Hause sie seit einigen Monaten lebte , nahmen das Abendmahl , um sich in Liebe dem Kinde zu verbinden . Darum hatte der Geistliche zuerst seine ländlichen Konfirmanden und deren Angehörige absolviert und dann die Tochter des Regierungsrates und ihre Familie zum Tisch des Herrn treten lassen . So stand denn Agathe umgeben von all denen , die ihr die nächsten waren auf dieser Welt . Gleichgültig sahen die mürrischen alten Bauern , die schläfrigen Knechte , voll Neugier aber die Pächter- und Taglöhnerfrauen dem Gebaren der Fremden zu . Der stattliche Herr mit dem Orden , der den hohen Hut im Arm trug , konnte eine Bewegung in seinen Zügen trotz der würdevollen Haltung nicht verbergen . Er wandte seinen Kopf zur Seite , um mit der Fingerspitze eine leichte Feuchtigkeit von den Wimpern zu entfernen . Das vermerkten die Frauen mit Genugthuung . Und dann weckte das schwarze Atlaskleid und der Spitzenumhang der Mutter leise geraunte Bewunderung . Die Regierungsrätin selbst jedoch hatte die Empfindung , ihr Kleid wirkte aufdringlich in dieser bescheidenen Umgebung , und als sie zum Altar trat , hielt sie die Schleppe ängstlich und verlegen an sich gedrückt , dabei weinte sie und seufzte von Zeit zu Zeit tief und schmerzlich . Als die Gemeinde den letzten Vers sang , stahlen sich ihre Finger nach Agathes Hand und drückten sie krampfhaft . Kaum war der Gottesdienst zu Ende , so umarmte Frau Heidling ihre Tochter mit einer Art von kummervoller Leidenschaft , die wenig für die Gelegenheit zu passen schien , und murmelte mehrere Mal unter Thränen : mein Kind , mein süßes , geliebtes Kind ! — ohne mit ihrem Segenswunsch zu Ende gelangen zu können . Doch die bewegte Mutter durfte das Kind nicht an ihrem Herzen behalten . Der Vater verlangte nach ihr , Onkel Gustav , Bruder Walter , Frau Pastor Kandler — alle wollten ihre Glückwünsche darbringen . Ein jeder gab dabei noch in der Kirchthür dem Mädchen ein wenig Anleitung , wie sie sich dem kommenden Leben gegenüber als erwachsener Mensch zu verhalten habe . Sie hörte mit verklärtem Lächeln auf dem verweinten Gesichtchen alle die goldenen Worte der Liebe , der älteren Weisheit . So schwach fühlte sie sich , so hilfsbedürftig und so bereit , jedermann zu Willen zu sein , alles zu beglücken , was in ihre Nähe kam . Sie war ja selbst jetzt so glücklich ! Ihr Bruder , der Abiturient , lief aufmerksam nochmals in die Kirche zurück , ihr vergessenes Bouquet zu holen , während alle anderen sich auf den Weg zum Pfarrhaus begaben . Agathe wartete auf ihn , sah ihn dankbar an und legte den Arm in den seinen . So folgten sie den Eltern . “ Verzeihe mir auch alle meine Ungefälligkeiten , ” murmelte Agathe demütig dem Abiturienten zu . Walter errötete und brummte etwas Unverständliches , indem er sich vor Verlegenheit von der Schwester losriß . “ Na Jochen , — was macht der Braune ? ” schrie er dem Pastorskutscher zu , setzte mit Anlauf und geschicktem Turnersprung über einen auf dem sonnenbeglänzten Hof stehenden Pflug hinweg und verschwand mit Jochen in der Stallthür . Agathe ging allein ins Haus . Es waren einige Pakete für sie gekommen , die man ihr vorenthalten hatte , um sie am Morgen vor der heiligen Handlung nicht zu zerstreuen . Nur das schöne Kreuz an feiner goldener Kette hatte Papa ihr beim Frühstück um den Hals gelegt . Jetzt durfte sie sich wohl schon ein wenig der Neugier auf die Geschenke von Verwandten und Freundinnen hingeben . In der niedrigen , an diesem Frühlingstage noch etwas kellerig-kühlen guten Stube des Pfarrhauses erquickten sich die Erwachsenen an Wein und kleinen Butterbrötchen . Agathe verspürte keinen Hunger . Sie setzte sich eifrig mit ihren Paketen auf den Teppich , riß an den Siegeln , schlug sich mit den Packpapieren herum . Ihre Wangen brannten glühendrot , die Finger zitterten ihr . “ Aber Agathe , zerschneide doch nicht all die guten Bindfaden , ” mahnte ihre Mutter . “ Wie Du immer heftig bist ! ” “ Wenn ein Mädchen geduldig Knoten lösen kann , so bekommt sie einen guten Mann , ” ergänzte die Pastorin aus dem Nebenzimmer , wo der Eßtisch gedeckt wurde . “ Ach , ich will gar keinen Mann ! ” rief Agathe lustig , und ritsch — ratsch flogen die Hüllen herunter . “ Na — verschwör ' s nicht , Mädel , ” sagte der dicke Onkel Gustav und guckte mit listigem Lächeln hinter seinem Gläschen Marsala hervor . “ Von heute ab mußt Du ernstlich an solche Sachen denken . ” “ Das wollt ' ich mir verbeten haben , ” fiel die Regierungsrätin ihm ins Wort ; den Ton durchklang das