nicht wieder betreten , seiner Witwe und seinem Sohne aber kann man die Rückkehr nicht verweigern ; deshalb habe ich mich unverweilt dazu entschlossen . Leo muß endlich einmal die Luft seines Vaterlandes atmen , um sich ganz als Sohn dieses Landes zu fühlen . Auf ihm ruht jetzt die alleinige Vertretung unsres Geschlechtes . Er ist freilich noch sehr jung , aber er muß es lernen , seinen Jahren voran zu eilen und sich mit den Pflichten und Aufgaben vertraut zu machen , die nach des Vaters Tode an ihn herantreten . « » Und wo gedenkst du deinen Aufenthalt zu nehmen ? « fragte Graf Morynski . » Du weißt , daß mein Haus dir jederzeit – « » Ich weiß es , « unterbrach ihn die Fürstin , » aber ich danke dir . Für mich handelt es sich vor allem darum , Leos Zukunft zu sichern und ihm die Möglichkeit zu geben , seinen Namen und seine Stellung vor der Welt zu behaupten . Das war schon schwer genug in den letzten Jahren ; jetzt ist es vollends zur Unmöglichkeit geworden . Du kennst unsre Vermögensverhältnisse und weißt , welche Opfer uns die Verbannung gekostet hat . Es muß irgend etwas geschehen . Um meines Sohnes willen habe ich mich zu einem Schritte entschlossen , den ich für mich allein nicht gethan hatte – errätst du , weshalb ich gerade C. zum Sommeraufenthalt wählte ? « » Nein , aber befremdet hat es mich . Das Gut Witolds liegt nur zwei Stunden von hier entfernt und ich glaubte , daß du diese Nähe eher zu vermeiden wünschest . Oder stehst du neuerdings in Verkehr mit Waldemar ? « » Nein , « sagte die Fürstin kalt . » Ich habe ihn nicht gesehen , seit wir damals nach Frankreich gingen , und seitdem kaum eine Zeile von ihm erhalten . Er hat in all den Jahren nicht nach der Mutter gefragt . « » Aber die Mutter auch nicht nach ihm , « warf der Graf hin . » Sollte ich mich einer Zurückweisung , einer Demütigung aussetzen ? « fragte die Fürstin etwas gereizt . » Dieser Witold hat mir von jeher feindselig gegenüber gestanden und seine unumschränkten Vormundschaftsrechte in verletzendster Weise gegen mich geltend gemacht . Ich bin machtlos ihm gegenüber . « » Er hätte aber schwerlich gewagt , dir den Verkehr mit Waldemar zu untersagen ; dazu stehen die Rechte einer Mutter denn doch zu hoch , wenn du sie nur mit deiner gewöhnlichen Entschiedenheit geltend gemacht hättest . Das ist aber , meines Wissens , nie geschehen , denn – sei aufrichtig , Jadwiga ! – du hast deinen ältesten Sohn nie geliebt . « Jadwiga erwiderte nichts auf diesen Vorwurf . Sie stützte schweigend den Kopf in die Hand . » Ich begreife es , daß er nicht die erste Stelle in deinem Herzen einnimmt , « fuhr der Graf fort . » Er ist der Sohn eines ungeliebten , dir aufgedrungenen Gatten , die Erinnerung an eine Ehe , die dich noch jetzt mit Bitterkeit erfüllt ; Leo ist das Kind deines Herzens und deiner Liebe – « » Und sein Vater hat mir nie den geringsten Anlaß zu einer Klage gegeben , « ergänzte die Fürstin mit Nachdruck . Der Graf zuckte leicht die Achseln . » Du beherrschtest Baratowski aber auch vollständig . Doch davon ist jetzt nicht die Rede . Du hast einen Plan ? Willst du frühere , halb vergessene Beziehungen wieder aufnehmen ? « » Ich will endlich einmal die Rechte geltend machen , deren mich Nordecks Testament beraubte , dieses unselige Testament , in dem der Haß gegen mich jede Zeile diktiert hatte , das die Witwe wie die Mutter gleich rechtlos machte . Es bestand bisher in voller Kraft , aber es spricht Waldemar auch mit dem einundzwanzigsten Jahre mündig . Er hat kürzlich dieses Alter erreicht und ist somit Herr seines Willens . Ich will doch sehen , ob er es darauf ankommen läßt , daß seine Mutter bei ihren Verwandten eine Zuflucht suchen muß , während er zu den reichsten Grundbesitzern des Landes zählt und es ihm nur ein Wort kostet , mir und seinem Bruder auf einem der Güter eine standesgemäße Existenz zu sichern . « Morynski schüttelte zweifelnd den Kopf . » Du rechnest auf Kindesgefühl bei diesem Sohne ? Ich fürchte , du täuschest dich . Seit seiner frühesten Jugend ist er dir entfremdet , und man hat ihn schwerlich gelehrt , die Mutter zu lieben . Ich habe ihn nur als Knaben gesehen und damals den allerungünstigsten Eindruck von ihm empfangen . Eins aber weiß ich mit Bestimmtheit , fügsam war er nicht . « » Auch ich weiß es , « versetzte die Fürstin mit vollkommener Ruhe . » Er ist der Sohn seines Vaters , wie dieser roh , unbändig , unempfänglich für alles Höhere . Schon als Knabe glich er ihm Zug für Zug , und was die Natur gab , wird die Erziehung bei solch einem Vormunde , wie Witold , wohl vollendet haben . Ich täusche mich durchaus nicht über Waldemars Charakter , aber trotzdem wird er zu leiten sein . Untergeordnete Naturen fügen sich schließlich immer einer geistigen Ueberlegenheit , wenn man es nur versteht , sie in der rechten Weise geltend zu machen . « » Konntest du seinen Vater leiten ? « fragte der Bruder ernst . » Du vergißt , Bronislaw , daß ich damals ein siebenzehnjähriges Mädchen ohne Erfahrung , ohne Menschenkenntnis war . Jetzt würde ich auch mit einem solchen Charakter fertig werden und mir die Herrschaft über ihn zu sichern wissen . Bei Waldemar steht mir außerdem noch die mächtige Autorität der Mutter zur Seite . Er wird sich ihr beugen . « Der Graf sah sehr ungläubig aus bei diesen mit großer Entschiedenheit gesprochenen Worten . Zu einer Erwiderung fand er keine Zeit , denn jetzt vernahm man im Vorzimmer einen leichten raschen