fragte Raimar ernst , » und Max , der damals noch ein Knabe war ? Sollte ich mich hinüberretten in ein neues Leben und sie dem Mangel preisgeben , denn das war doch ihr Los , wenn ich nicht für sie eintrat . Für mich gab es überhaupt keine Wahl , ich mußte froh sein , daß ich unser Wrack hier landen durfte . « » Sie haben es dir aber nicht einmal gedankt , deine lieben Angehörigen , « grollte Hartmut , » Deine Frau Mutter machte dir fortwährend das Leben schwer , mit ihrem Jammer über die verlorene glänzende Vergangenheit . Sie hat dir überhaupt immer den dummen Jungen , den Max , vorgezogen . Der war ihr Liebling , der sollte mit aller Gewalt ein großer Künstler werden , und du mußtest die Mittel schaffen . Sie fand es ganz in der Ordnung , daß du dich halb zu Tode arbeitetest für sie und ihren vielgeliebten Max . « » Arnold , ich bitte dich ! « unterbrach ihn der Freund . » Nun ja , es war deine Mutter – Gott hab ' sie selig ! Aber jetzt ist sie tot und dein Bruder endlich fertig mit seinen Studien . Nun wirfst du hoffentlich die ganze Jammergeschichte hier über Bord . « Ernst sah ihn befremdet an . » Was soll ich über Bord werfen ? « » Nun , deine hochwohllöbliche Kanzlei , inklusive Schreiber und Akten . Oder willst du vielleicht zeitlebens hier sitzen , um zu beurkunden , daß Hinz dem Kunz einen Acker verkauft hat , oder ähnliche welterschütternde Thatsachen ? Jetzt bist du frei , jetzt fort mit der ganzen Heilsberger Erbärmlichkeit und wieder hinaus in das Leben ! « Raimar lächelte , aber es war ein müdes , hoffnungsloses Lächeln . » Jetzt noch ? In meinem Alter ? Dazu ist es zu spät . « » Unsinn ! « sagte der Major kurz und bündig , » In deinem Alter ? Bist wohl schon ein Greis mit deinen siebenunddreißig Jahren ? Da sieh mich an ! Ich bin drei Jahr älter , aber es soll sich einer unterstehen , mich alt zu nennen ! « Er sprang auf und stellte sich mit militärischer Strammheit vor den Freund hin . Die stattliche , kraftstrotzende Gestalt zeigte in der That noch nichts vom Alter , und in das dichte blonde Haar mischte sich noch kein einziger Silberfaden , Raimar streifte ihn mit einem langen , düstern Blick . » Ja , du – das ist etwas anderes ! Du warst stets mit Leib und Seele bei deinem Beruf , du hast immer mitten im Leben und Wirken gestanden . Ich habe zehn Jahre lang meine Kraft vergeudet , an die erbärmlichsten Alltäglichkeiten – vergeuden müssen , da bleibt nichts mehr übrig für das Leben . « » Ernst , thu mir den Gefallen und sieh nicht so entsagungsvoll aus ! « brach Hartmut los . » Werde meinetwegen grob gegen das Schicksal und den schändlichen Streich , den es dir gespielt hat , aber diese elegische Miene kann ich nicht aushalten , die treibe ich dir aus und müßte ich mit einem Donnerwetter dreinfahren ! « Das angekündigte Donnerwetter kam glücklicherweise nicht zum Ausbruch , denn soeben trat ein junger Mann aus dem Hause und näherte sich mit einem etwas schläfrigen » Guten Morgen ! « den beiden Herren . » Guten Morgen , Max ! « sagte Raimar , sich umwendend . » Kommst du endlich zum Vorschein ? « » Ja , es ist elf Uhr , « bestätigte der Major . » So lange hat der junge Herr in den Federn gelegen . « Max Raimar zog einen Stuhl heran und ließ sich darauf nieder . Er war bedeutend jünger als der Notar und auffallend hübsch , schien sich dessen aber auch vollkommen bewußt zu sein . Die Brüder hatten eigentlich nur die dunkle Farbe des Haars gemeinsam und die dunklen Augen , die bei dem älteren nur viel tiefer und ausdrucksvoller waren , sonst bestand kaum eine Aehnlichkeit zwischen ihnen . Ernst war in seinem Aeußeren die Einfachheit selbst , aber es lag eine unbewußte Vornehmheit darin , die sich nie verleugnete . Max hatte einen gewissen genialen Anstrich , der ein klein wenig theatralisch war , ebenso wie sein , übrigens sehr sorgfältiger Anzug , aber das stand ihm sehr gut . Der junge Künstler war jedenfalls das , was man in den Salons eine interessante Erscheinung nennt . » Ich war angegriffen von der gestrigen Reise , « erwiderte er . » Die lange Eisenbahnfahrt von Berlin und dann noch drei Stunden im Wagen , von Neustadt bis hierher , da wird man ja todmüde , das halten meine Nerven nicht aus . « » Nerven hast du auch mitgebracht , Maxl ? « fragte Hartmut . » Du scheinst ja recht modern geworden zu sein . Laß dich einmal anschauen , du siehst freilich etwas abgetakelt aus . « » Herr Major ! « sagte der junge Mann mit etwas gereizter Betonung . » Ach so , du nimmst das übel ? Man darf den Herrn Künstler und angehenden Raffael wohl gar nicht mehr beim Vornamen nennen ? « Max machte eine halbe Verneigung . » Bitte , Herr Major , dem alten Freunde meines Bruders gestatte ich gern die alte Vertraulichkeit . « » Gestattest du ? Freut mich , ich werde von deiner gütigen Erlaubnis Gebrauch machen . Aber du kommst ja wie vom Himmel geschneit . Was verschafft uns denn eigentlich die ganz plötzliche Ehre deiner Gegenwart ? « » Ja , Max , das möchte ich auch fragen , « mischte sich Raimar ein , » Du kommst ganz unerwartet , ist irgend etwas vorgefallen ? « » O nein , durchaus nichts , « versicherte Max . » Ich fühlte nur , daß ich des Ausruhens , der Erholung bedurfte . Du kennst das freilich nicht , Ernst !