» Gnidderswart ! Dat mag de Herr wull löwen ( glauben ) ! « Noch lange mußte ich an die Schwabstedter Hexe denken ; auch tat ich nach verschiedenen Seiten hin noch manche Fragen nach ihrem näheren Geschick ; allein was Mutter Pottsacksch nicht erzählt hatte , das konnten auch andere nicht erzählen . Mir ahnte freilich nicht , daß ich die Antwort in nächster Nähe , daß ich sie auf dem Boden meines elterlichen Hauses hätte suchen sollen . Viele Jahre nachher , da ich diese Dinge längst vergessen hatte , saß ich vor einer dort beiseite gestellten Schatulle aus meines Großvaters Hausrat und kramte in ihren Schubfächern nach dessen Bräutigamsbriefen an meine Großmutter . Bei dieser Gelegenheit fiel mir ein Heft in augenscheinlich noch viel älterer Schrift in die Hände , welches ich , nachdem später noch ein demnächst zu erwähnender Fund hinzugekommen , nunmehr in Nachstehendem mitteile . An der Schreib- und Vortragsweise habe ich soviel geändert , als zur lebendigeren Darstellung des Inhalts nötig erschien ; an einzelnen Stellen für manche Leser vielleicht kaum genug ; an dem Inhalte selbst ist nicht von mir gerührt worden . Und somit möge der Schreiber jenes alten Aufsatzes selbst das Wort nehmen . * 1700 . Um diese Zeit war mein lieber nun in Gott ruhender Vater Capellan oder Diaconus im Dorfe Schwesen , allwo er seine dürftige Einkünfte , als mehrentheils an Butter , Korn und Fleisch , von Haus zu Hause einsammeln und überdieß zu seinem Predigtdienst auch noch die Schule halten mußte . Da aber meine lieben Eltern sich alles an ihrem Munde absparten und anderseits wohlgesinnte Leute mir mittags einen Platz an ihrem Tische gönneten , so kam ich auf die Lateinische Schule zu Husum , welcher derzeit der treffliche Nicolaus Rudlof als Rector vorstund , und hatte bei einer frommen Schneiderswitwen mein Quartier . War auch mit Gottes Hülfe schon in die Secunda aufgerücket , als mir eine Leibesgefahr widerfuhr , welche gar leicht allen Studien eine plötzliche Endschaft hätte bereiten können . So war es am Nachmittage letzten Sonntages Octobris , daß ich nach der gewöhnten Sonnabendseinkehr unter mein elterlich Dach von unserem Dorfe wieder nach der Stadt zurückwanderte ! Ich hatte mich jedoch zuvor schon müd gelaufen ; denn da die Gemeinde einen Schweinehirten , wie mein Vater selig zu sagen pflegte , einen Gergesener , in den letzten Jahren nicht mehr dulden wollen , so waren unsere Ferkel von dem grünen Weideplane äußerst des Dorfes ausgerissen , also daß wir an diesem letzten heißen Tage des Jahres eine gar tolle Jagd hatten anstellen müssen . Schritt aber des unerachtet auch itzt , da es über solchem Beginnen spät geworden und schon die sinkende Sonne einen rothen Dunst über die Heide warf , mit eilenden Schritten fürbaß ; streifete nämlich nach dem erst jüngst verglichenen Kriege mit dem Könige von Dännemark allerlei loses Volk umher und verübte Raub und Einbruch ; auch sollten drüben nach dem Holze zu , wo die alten Weiber die Moosbeeren holen , in voriger Nacht die Irrwisch gar arg getanzet haben , dessen Anblick in alle Wege besser zu umgehen . Da ich endlich in die Stadt und nach dem Markt hinunterkam , stunden schon die Giebel der Häuser dunkel gegen den Abendhimmel , und war ob des Sonntages eine große Stille auf der Gassen ; nur aus der alten Kirche hinter den Lindenbäumen tönete ein sanftes Orgelspiel . Ich wußte wohl , es sei der Organiste Georg Bruhn , des noch berühmteren Nicolaus Bruhn Bruder und successor , der es liebte , in den Schummerstunden nur für sich und seinen Gott seine meisterliche Kunst zu üben ; und da ich inne ward , daß die Kirchthür unter den sogenannten Mutterlinden offen stund , so ging ich hinein und setzete mich in der Nordseite still in eines der alten Mönchsgestühlte . Es war aber , wenn gleich die Bäume draußen schon die meisten Blätter abgeworfen hatten , hier innen eine Dämmerung , daß ich die Bilder und Figuren an den Epitaphien , so diese gewaltige Kirche zieren , nur kaum erkennen mochte . Gleichwohl spielte da droben der unvergleichliche Meister noch immerzu ; und wie ich so in meiner Ecken saß , ganz allein hier unten , und von dem Dunkel immer mehr umhüllet ward , in das hinein die lieblichen Tongänge der Flöten und Oboen gleich sanften Lichtern spielten , da war mir , als wenn die beiden Engel drüben von dem Crucifix des Altarbildes zu mir herabflögen und mich mit ihren güldenen Flügeln deckten . Wie lange ich in solcher Huth geruhet , ist mir unbewußt ; schreckte aber itzt davon empor , daß der Schlag der Thurmuhr dröhnend in den weiten Raum hinunterhallte . Durch die nahezu kahlen Bäume schien der Mond in die hohen Fenster ; insonders war das mächtige Reiterstandbild des St. Jürgen mit dem Drachen , so eigentlich dem Gasthaus angehörte , zur Zeit aber hier neben dem Altar aufgestellet war , in einer so hellen Beleuchtung , daß ich das grimme Antlitz des Ritters und unter den Hufen des bäumenden Hengstes gleicherweise den aufgesperrten Schlund des Drachen von meinem Sitze aus gar wohl erkennen mochte . Aber das Tonspiel droben von der Orgel hatte aufgehört , und drüben an dem Altarbilde schwebten wieder die Engel zur Seiten des Gekreuzigten . Es war eine große Stille um mich her ; nur da ich , um hinauszugehen , die Thür des Gestühltes öffnete , scholl es von meinen Tritten weithin durch das Schiff der Kirchen . Eilends rannte ich , erst an die Norder- , dann an die Thurm- , dann an die Süderthür , fand aber alle fest geschlossen , und alles Klopfen , so ich mit meinen Fäusten itzt vollführete , schien an keines Menschen Ohr zu reichen . Da ich mich dann rathlos umwandte , fielen meine Blicke auf das große Epitaphium , das sich gegenüber an dem Pfeiler zeigt , bei dessen Fuße der alte Bürgermeister Ägidius Herfort