. » Aber du « , sagte Elisabeth , » gibt es denn auch keine Löwen ? « » Löwen ? Ob es Löwen gibt ! In Indien ; da spannen die Götzenpriester sie vor den Wagen und fahren mit ihnen durch die Wüste . Wenn ich groß bin , will ich einmal selber hin . Da ist es vieltausendmal schöner als hier bei uns ; da gibt es gar keinen Winter . Du mußt auch mit mir . Willst du ? « » Ja « , sagte Elisabeth ; » aber Mutter muß dann auch mit , und deine Mutter auch . « » Nein « , sagte Reinhard , » die sind dann zu alt , die können nicht mit . « » Ich darf aber nicht allein . « » Du sollst schon dürfen ; du wirst dann wirklich meine Frau , und dann haben die andern dir nichts zu befehlen . « » Aber meine Mutter wird weinen . « » Wir kommen ja wieder « , sagte Reinhard heftig ; » sag es nur gradeheraus : willst du mit mir reisen ? Sonst geh ich allein ; und dann komme ich nimmer wieder . « Der Kleinen kam das Weinen nahe . » Mach nur nicht so böse Augen « , sagte sie ; » ich will ja mit nach Indien . « Reinhard faßte sie mit ausgelassener Freude bei beiden Händen und zog sie hinaus auf die Wiese . » Nach Indien , nach Indien ! « sang er und schwenkte sich mit ihr im Kreise , daß ihr das rote Tüchelchen vom Halse flog . Dann aber ließ er sie plötzlich los und sagte ernst : » Es wird doch nichts daraus werden ; du hast keine Courage . « – – » Elisabeth ! Reinhard ! « rief es jetzt von der Gartenpforte . » Hier ! Hier ! « antworteten die Kinder und sprangen Hand in Hand nach Hause . Im Walde Im Walde So lebten die Kinder zusammen ; sie war ihm oft zu still , er war ihr oft zu heftig , aber sie ließen deshalb nicht voneinander ; fast alle Freistunden teilten sie , winters in den beschränkten Zimmern ihrer Mütter , sommers in Busch und Feld . – Als Elisabeth einmal in Reinhards Gegenwart von dem Schullehrer gescholten wurde , stieß er seine Tafel zornig auf den Tisch , um den Eifer des Mannes auf sich zu lenken . Es wurde nicht bemerkt . Aber Reinhard verlor alle Aufmerksamkeit an den geographischen Vorträgen ; statt dessen verfaßte er ein langes Gedicht ; darin verglich er sich selbst mit einem jungen Adler , den Schulmeister mit einer grauen Krähe , Elisabeth war die weiße Taube ; der Adler gelobte , an der grauen Krähe Rache zu nehmen , sobald ihm die Flügel gewachsen sein würden . Dem jungen Dichter standen die Tränen in den Augen ; er kam sich sehr erhaben vor . Als er nach Hause gekommen war , wußte er sich einen kleinen Pergamentband mit vielen weißen Blättern zu verschaffen ; auf die ersten Seiten schrieb er mit sorgsamer Hand sein erstes Gedicht . – Bald darauf kam er in eine andere Schule ; hier schloß er manche neue Kameradschaft mit Knaben seines Alters ; aber sein Verkehr mit Elisabeth wurde dadurch nicht gestört . Von den Märchen , welche er ihr sonst erzählt und wieder erzählt hatte , fing er jetzt an , die , welche ihr am besten gefallen hatten , aufzuschreiben ; dabei wandelte ihn oft die Lust an , etwas von seinen eigenen Gedanken hineinzudichten ; aber , er wußte nicht weshalb , er konnte immer nicht dazu gelangen . So schrieb er sie genau auf , wie er sie selber gehört hatte . Dann gab er die Blätter an Elisabeth , die sie in einem Schubfach ihrer Schatulle sorgfältig aufbewahrte ; und es gewährte ihm eine anmutige Befriedigung , wenn er sie mitunter abends diese Geschichten in seiner Gegenwart aus den von ihm geschriebenen Heften ihrer Mutter vorlesen hörte . Sieben Jahre waren vorüber . Reinhard sollte zu seiner weiteren Ausbildung die Stadt verlassen . Elisabeth konnte sich nicht in den Gedanken finden , daß es nun eine Zeit ganz ohne Reinhard geben werde . Es freute sie , als er ihr eines Tages sagte , er werde , wie sonst , Märchen für sie aufschreiben ; er wolle sie ihr mit den Briefen an seine Mutter schicken ; sie müsse ihm dann wieder schreiben , wie sie ihr gefallen hätten . Die Abreise rückte heran ; vorher aber kam noch mancher Reim in den Pergamentband . Das allein war für Elisabeth ein Geheimnis , obgleich sie die Veranlassung zu dem ganzen Buche und zu den meisten Liedern war , welche nach und nach fast die Hälfte der weißen Blätter gefüllt hatten . Es war im Juni ; Reinhard sollte am andern Tage reisen . Nun wollte man noch einmal einen festlichen Tag zusammen begehen . Dazu wurde eine Landpartie nach einer der nahe belegenen Holzungen in größerer Gesellschaft veranstaltet . Der stundenlange Weg bis an den Saum des Waldes wurde zu Wagen zurückgelegt ; dann nahm man die Proviantkörbe herunter und marschierte weiter . Ein Tannengehölz mußte zuerst durchwandert werden ; es war kühl und dämmerig und der Boden überall mit feinen Nadeln bestreut . Nach halbstündigem Wandern kam man aus dem Tannendunkel in eine frische Buchenwaldung ; hier war alles licht und grün , mitunter brach ein Sonnenstrahl durch die blätterreichen Zweige ; ein Eichkätzchen sprang über ihren Köpfen von Ast zu Ast . Auf einem Platze , über welchem uralte Buchen mit ihren Kronen zu einem durchsichtigen Laubgewölbe zusammenwuchsen , machte die Gesellschaft halt . Elisabeths Mutter öffnete einen der Körbe ; ein alter Herr warf sich zum Proviantmeister auf . » Alle um mich herum , ihr jungen Vögel ! « rief er . » Und merket genau , was ich euch zu sagen habe . Zum