, eines Nachmittags , es mochte jetzt ein Jahr vergangen sein , hielt wiederum der Wagen mit dem Eberkopf vor dem Wirtshause des Dorfes . Die junge Frau saß darin , das einstige Fräulein vom Schloß ; sie sprach freundlich zu den Leuten , erzählte ihnen , daß sie ihr Gut jetzt selbst bewirtschaften und bewohnen werde , und bat um treue Nachbarschaft . Aber froh sah sie nicht aus , auch nicht ganz jung mehr , obwohl sie kaum mehr als fünfundzwanzig Jahre zählen mochte . Die Leute wußten sich keinen Vers daraus zu machen ; bald aber kam das Gerücht über Stadt und Land und auch in die Gaststube des Dorfkruges . Das in der Kirche drüben geschlossene vornehme Ehebündnis war nicht zum Guten ausgeschlagen . Die junge Frau sollte in der Residenz , wo ihr Gemahl eine Hofcharge bekleidete , eine Liebschaft mit einem jungen Professor gehabt haben . Einige hatten sogar gehört , es sei der ihnen wohlbekannte Hauslehrer des verstorbenen kleinen Junkers . Die Dame , hieß es , sei so etwas wie verbannt und dürfe nicht in die Residenz zurückkehren . Dann noch ein anderes , was aufs neue die müßigen Ohren reizte : der zweifelhafte Ursprung jenes unlängst begrabenen Kindes sollte zu der Trennung des Ehepaars die nächste Veranlassung gegeben haben . Das Gerücht war von allem unterrichtet , von dem , was geschehen , und noch mehr von dem , was nicht geschehen war . Währenddessen hauste die Baronin droben in dem alten Schlosse , in großer Einsamkeit ; denn niemals sah man aus der Stadt oder von den benachbarten Adelsfamilien einen Wagen an dem Tannicht hinauffahren . Wie der Schullehrer sagte , hatte sie sich Bücher aus der Stadt kommen lassen , in denen sie die Landwirtschaft studierte ; auch mit den Dorfleuten , wenn sie solche auf ihren täglichen Spaziergängen traf , führte sie gern derartige Gespräche . Ja , man hatte sie am heißen Juninachmittage gesehen , wie sie auf einem Acker die Steine in ihre seidene Schürze sammelte und auf die Seite trug , begleitet von einem großen schwarzen St.-Bernhards-Hunde , der nie von ihrer Seite wich . Sie mochte sich indessen doch der übernommenen Aufgabe nicht ganz gewachsen fühlen ; denn vor etwa einem Vierteljahr war ein Verwalter angelangt ; aber es war ein junger vornehmer Herr , für den der Vater längst ein mehr als doppelt so großes Gut in Bereitschaft hatte . Die Bauern konnten nicht begreifen , was der in der kleinen Wirtschaft profitieren wolle , zumal sie es bald heraushatten , daß er seine Sache aus dem Fundament verstehe ; der Schulmeister meinte freilich , es sei ein weitläufiger Vetter der Baronin ; allein der Förster wollte die Anwesenheit des jungen Herrn nicht als verwandtschaftliche Hülfeleistung gelten lassen . Er kniff die Augen ein und sagte geheimnisvoll : » Was einmal in der Stadt geschehen – – nun , Gevatter , Ihr seid ja ein Schulmeister , macht Euch den Satz selber zu Ende ! « Im Schloß Im Schloß An dem linken Ende der Front neben dem stumpfen Eckturm führte eine schwere Tür ins Haus . Rechts hinab , an der gegenüberliegenden breiten Treppenflucht vorbei , auf welcher man in das obere Stockwerk gelangte , zog sich ein langer Korridor mit nackten weißen Wänden . Den hohen Fenstern gegenüber , welche auf den geräumigen Steinhof hinaussahen , lag eine Reihe von Zimmern , deren Türen jetzt verschlossen waren . Nur das letzte wurde noch bewohnt . Es war ein mäßig großes , düsteres Gemach ; das einzige Fenster , welches nach der Gartenseite hinaus lag , war mit dunkelgrünen Gardinen von schwerem Wollenstoffe halb verhangen . In der tiefen Fensternische stand eine schlanke Frau in schwarzem Seidenkleide . Während sie mit der einen Hand den Schildpattkamm fester in die schwere Flechte ihres schwarzen Haares drückte , lehnte sie mit der Stirn an eine Glasscheibe und schaute wie träumend in den Septembernachmittag hinaus . Vor dem Fenster lag ein etwa zwanzig Schritte breiter Steinhof , welcher den Garten von dem Hause trennte . Ihre tiefblauen Augen , über denen sich ein Paar dunkle , dicht zusammenstehende Brauen wölbten , ruhten eine Weile auf den kolossalen Sandsteinvasen , welche ihr gegenüber auf den Säulen des Gartentores standen . Zwischen den steinernen Rosengirlanden , womit sie umwunden waren , ragten Federn und Strohhalme hervor . Ein Sperling , der darin sein Nest gebaut haben mochte , hüpfte heraus und setzte sich auf eine Stange des eisernen Gittertors ; bald aber breitete er die Flügel aus und flog den schattigen Steig entlang , der zwischen hohen Hagebuchenwänden in den Garten hinabführte . Hundert Schritte etwa von dem Tore wurde dieser Laubgang durch einen weiten sonnigen Platz unterbrochen , in dessen Mitte zwischen wuchernden Astern und Reseda die Trümmer einer Sonnenuhr auf einem kleinen Postamente sichtbar waren . Die Augen der Frau folgten dem Vogel ; sie sah ihn eine Weile auf dem metallenen Weiser ruhen ; dann sah sie ihn auffliegen und in dem Schatten des dahinterliegenden Laubganges verschwinden . Mit leichtem Schritt , daß nur kaum die Seide ihres Kleides rauschte , trat sie ins Zimmer zurück , und nachdem sie auf einem Schreibtische einige beschriebene Blätter geordnet und weggeschlossen hatte , nahm sie einen Strohhut von dem an der Wand stehenden Flügel und wandte sich nach der Tür . Von einem Teppich neben dem Kamin erhob sich ein schwarzer St.-Bernhards-Hund und drängte sich neben ihr auf den Korridor hinaus . Während sie wie im stillen Einverständnis ihre Hand auf dem schönen Kopf des Tieres ruhen ließ , erreichten beide eine Tür , welche unterhalb der großen Haupttreppe in den schmalen Hof hinausführte . Sie gingen über die mit Gras durchwachsenen Steine und durch das dem Fenster des Wohnzimmers gegenüberliegende Gittertor in den breiten Gartensteig hinab . Die Luft war erfüllt von dem starken Herbstdufte der Reseda , welcher sich von dem sonnigen Rondell aus über den ganzen Garten hin verbreitete . Hier , an